Grobe Mängel im Schalker Betriebssystem

Unzufrieden: Sebastian Rudy vom FC Schalke 04

FC Schalke - Hertha BSC 0:2

Grobe Mängel im Schalker Betriebssystem

Von Jörg Strohschein

Zu viel Ballbesitz, mangelnde Abstimmung, beschränkte spielerische Mittel: Der FC Schalke 04 hat einen Fehlstart in die Saison hingelegt. Trainer Domenico Tedesco will nun die alten Tugenden wieder wecken. Eine Analyse.

Die Sympathisanten des FC Schalke 04 konnten an diesem Sonntagabend (02.09.2018) eine Premiere erleben. Eine Premiere, die sie sich allerdings lieber erspart hätten. Es war das Gesicht von Domenico Tedesco das Bände sprach - und nichts Gutes verhieß.

Die Enttäuschung, das Unverständnis, der Frust standen dem Trainer des Ruhrgebietsklubs ins Gesicht geschrieben. Und zwar so deutlich wie noch nie zuvor in seiner Amtszeit am Berger Feld. Das 0:2 gegen Hertha BSC hatte Spuren hinterlassen beim 32 Jahre alten Fußballlehrer. Denn es war nicht nur eine normale Niederlage wie sie immer mal wieder vorkommt im Leben eines Trainers. Diese Partie hatte etwas Tiefergehendes, etwas Substantielles. Es stand die Erkenntnis dahinter, dass seine Mannschaft sich noch nicht in dem Maße weiterentwickelt hat, wie es Tedesco wohl erdacht und erhofft hätte.

Sehr schlechte zweite Halbzeit

Vor allem die zweite Hälfte zeigte die großen spielerische Defizite der Schalker auf überraschend anschauliche Weise auf. Tedescos Mannschaft fand so gut wie keine spielerischen Mittel, die Berliner unter Druck zu setzen. "Die erste Hälfte war noch okay. Die zweite Halbzeit war sehr schlecht", räumte Tedesco kopfschüttelnd ein. Aber dieses Spiel habe ihm gezeigt, dass "wir uns darin, was wir gut können, weiter verbessern müssen. Und was wir nicht können, das lassen wir besser".

Die Schalker waren in der vergangenen Saison so erfolgreich, weil sie die Schwächen der Konkurrenten konsequent herausgearbeitet hatten. Das Pressing sorgte häufig für Fehler beim Gegner, die Laufarbeit und Zweikampfhärte waren außergewöhnlich intensiv.

Dardai: "Haben verdient gewonnen"

Sportschau 02.09.2018 01:16 Min. Verfügbar bis 02.09.2019 ARD

Aber die Berliner überließen diesmal den Schalkern mehrheitlich den Ball. Eigentlich machten sie das, was Tedesco mit Vorliebe praktiziert hatte. Und mit den 55 Prozent Spielanteilen konnten die "Königsblauen" tatsächlich nichts anfangen. "Die Mannschaft die mehr Ballbesitz hat, hat mehr Risiko, Konter zu fressen", sagte Tedesco.

Neuzugänge müssen noch integriert werden

Was er damit zwischen den Zeilen sagen wollte: Seine Mannschaft werde künftig wieder alles versuchen, dem Gegner den Ball zu überlassen. Den Glauben, dass seine Spieler spielerische Lösungen finden können, scheint Tedesco schon frühzeitig begraben zu haben. Ein grober Fehler im Schalker Betriebssystem.

Ein Tor aus dem Spiel heraus haben die Schalker in beiden Bundesligapartien - gegen Wolfsburg und Berlin - nicht erzielt. Im Gegenteil und zur Ernüchterung aller Beteiligten: Sie waren sogar recht weit entfernt davon. Und auch die Standardsituationen wie Eckbälle und Freistöße sind bislang alles andere als gefährlich.

Neben der spielerischen Mängelverwaltung gilt es zudem noch - und nicht weniger wichtig - die Neuzugänge zu integrieren. Der Teamgeist, der kollektive Zusammenschluss, der die Mannschaft in der Vorsaison so weit und zu so vielen Erfolgen getragen hatte, ist noch lange nicht wieder hergestellt. Salif Sané etwa ist in der Abwehrzentrale noch weit entfernt davon, Souveränität auszustrahlen.

Rudy mit Bauerntrick ausgeschaltet

Und Sebastian Rudy, von dem sich die Schalker im zentralen defensiven Mittelfeld spielerischen Fortschritt erwarten, wurde bei seinem Debüt von den Berlinern mit einem altbekannten Bauerntrick ausgeschaltet. Hertha-Coach Pal Dardai ließ Rudy von Ondrej Duda in Manndeckung nehmen. So wie vielfach in der Kreisliga praktiziert, wo auch der vermeintlich beste gegnerische Spieler eine Sonderbewachung erhält. Er verfehlte seine Wirkung nicht. "Er wäre ihm wohl bis auf die Toilette gefolgt", sagte Tedesco.

Da Rudy auf Anweisung Tedescos die defensive Zentrale dennoch nicht verlassen und auf die Flügel ausweichen sollte, um keine Löcher für die Berliner in der Zentrale entstehen zu lassen, war der 28-Jährige während seiner 51 Minuten Spielzeit nahezu unsichtbar und völlig uneffektiv.

Abstimmung beim Pressing fehlt

Auch das Schalker Pressing ist durch die personellen Veränderungen derzeit nicht mehr so effektiv. "Der Druck auf den Ball determiniert das kollektive Verhalten", sagte Tedesco kryptisch und meinte damit die Entstehung des ersten Treffers. Immer erst und nur dann, wenn der ballführende Spieler eng attackiert wird, können die Mitspieler ins Pressing einsteigen. Beim ersten Duda-Treffer waren aber zwei Fehler vorausgegangen, bei denen die Schalker aufgrund mangelnder Nähe ins Leere liefen und den Treffer erst ermöglichten. Die mangelnde Abstimmung hatte großen Einfluss auf das Entstehen der Niederlage.

Was die Schalker derzeit gut können, ließ Tedesco im Ungefähren. Er wolle wieder vermehrt am Vertikalspiel auf die offensiven Außenpositionen arbeiten - was das Risiko der Ballverluste in der Mitte deutlich reduzieren und das Spiel der Vorsaison kopieren würde. "Und wir müssen zusehen, dass wir unsere Stürmer nicht verhungern lassen, weil sie keine Zuspiele bekommen", sagte der Coach. Es gab wirklich nicht viel Positives zu berichten nach diesem Schalker Fehlstart in die Saison.

Fußball · Bundesliga · 2. Spieltag 2018/2019

Sonntag, 02.09.2018 | 18.00 Uhr

Wappen FC Schalke 04

FC Schalke 04

Fährmann – McKennie, Naldo, Salif Sané, Baba (73. Harit) – D. Caligiuri, Rudy (51. Serdar), N. Bentaleb – Embolo (57. Burgstaller), Uth, Konopljanka

0
Wappen Hertha BSC

Hertha BSC

Jarstein – Lazaro, N. Stark, Rekik (6. Dilrosun), Torunarigha – Maier – Grujic, Duda, Kalou (90.+4 Jastrzembski), Mittelstädt – Ibisevic (67. Lustenberger)

2

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 0:1 Duda (15.)
  • 0:2 Duda (90.+6)

Strafen:

  • gelbe Karte Jarstein (1 )
  • rote Karte Konopljanka (90.+5/Taktisches Foulspiel)
  • gelbe Karte Uth (1 )

Zuschauer:

  • 60.181

Schiedsrichter:

  • Sascha Stegemann (Niederkassel)

Vorkommnisse:

  • Handelfmeter (Schalke) nach Videobeweis (13.) Caligiuri (Schalke) schießt Handelfmeter (13.) neben das Tor.

Stand der Statistik: Sonntag, 02.09.2018, 20:02 Uhr

Wappen FC Schalke 04

FC Schalke 04

Wappen Hertha BSC

Hertha BSC

Tore 0 2
Schüsse aufs Tor 4 3
Ecken 9 0
Abseits 1 2
gewonnene Zweikämpfe 102 101
verlorene Zweikämpfe 101 102
gewonnene Zweikämpfe 50,25 % 49,75 %
Fouls 16 15
Ballkontakte 578 470
Ballbesitz 55,15 % 44,85 %
Laufdistanz 117,58 km 119,4 km
Sprints 227 198
Fehlpässe 71 55
Passquote 82,34 % 79,4 %
Flanken 9 6
Alter im Durchschnitt 26,5 Jahre 24,9 Jahre

Stand: 03.09.2018, 08:30

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