SC Freiburg - der doppelte Verlierer

Enttäuschte Freiburger nach dem Spiel gegen den 1. FSV Mainz 05

Analyse FSV Mainz – SC Freiburg (2:0)

SC Freiburg - der doppelte Verlierer

Von Frank Hellmann (Mainz)

Das 0:2 beim FSV Mainz 05 wird für den SC Freiburg am Montagabend zum herben Rückschlag. Wegen der fußballerischen Einfallslosigkeit und eines umstrittenen Videobeweises in der Halbzeitpause. Dass sich Trainer Christian Streich in Fatalismus flüchtet, ist kein gutes Zeichen. Die Analyse.

Der Rücken auf dem Holzstuhl gebeugt, die Mundwinkel verkniffen, der Blick die Tischplatte suchend: Allein die Haltung im Nachgang des Kellerduells zwischen dem FSV Mainz 05 und SC Freiburg (2:0) verriet, dass sich Christian Streich nicht sonderlich wohl fühlte.

Sondern eine Rolle spielte, die dem Gesicht des Sportclubs nicht gut stand. "Wir probieren das alles hinzunehmen, deswegen sind wir sehr ruhig geblieben", sagte der Trainer im Flüsterton.

"Wir haben das zu akzeptieren"

Schon zuvor auf der Pressekonferenz hatte der 52-Jährige über die viel diskutierte Szene, als Schiedsrichter Guido Winkmann eine eigentlich schon abgepfiffene erste Hälfte wieder aufnahm, weil er auf Intervention der Videoassistentin Bibiana Steinhaus eine strittige Szene überprüfte und im Nachgang einen Handelfmeter verhängte, sich so ergeben zeigt, wie ein verschüchtertes Kind, dass sich in jeder Schulpause von den bösen Mitschülern in die Backen kneifen lässt.

Nach kuriosem Videobeweis - Interview mit wortkargem Streich

Sportschau | 17.04.2018 | 02:07 Min.

"Sollen sie machen, was sie machen wollen. Deshalb heißt es Schiedsrichter. Die entscheiden das, und wir haben das zu akzeptieren", sagte Streich. Der Anflug von Sarkasmus war nicht zu überhören.

Schiedsrichter holt Spieler aus den Kabinen

Keine Frage: Die Sozialromantiker aus dem Schwarzwald fühlten sich als doppelter Verlierer. Der verdiente Sieg der Rheinhessen durch den Doppelschlag von Pablo de Blasis (45. +7 und 79.) stand unter dem Strich nicht infrage, wohl aber das Zustandekommen des Führungstores.

Kann ein Schiedsrichter beide Mannschaften wieder aus der Kabine holen, wenn er im Nachgang wie in diesem Fall ein Handspiel von Marc-Oliver Kempf erkennt? Für Beobachter auf den Rängen wirkte die Szenerie skurril, die meisten Spieler waren in der Kabine, viele Zuschauer bereits an den Verpflegungsständen, ehe Winkmann die Protagonisten wieder aufs Feld winkte und sich draußen die Nachricht wie ein Lauffeuer herumsprach, die auch Stadionsprecher Klaus Hafner nicht richtig aufklären konnte.

Elfmeter mit siebenminütiger Verzögerung. Und fast beklemmend – als endlich der Argentinier de Blasis verwandelt hatte -, dass selbst der Mainzer Anhang intonierte: „Ihr macht unseren Sport kaputt!“

Schiedsrichterchef selbst nicht glücklich

"Wir waren schon der Meinung, dass ein Haken an der ersten Hälfte ist, weil schon zur Halbzeit gepfiffen war. Wir müssen das schweren Herzens akzeptieren, es wird immer kurioser", klagte Sportvorstand Jochen Saier.

Selbst Schiedsrichterchef Lutz-Michael Fröhlich räumte ja ein: "Das sind Szenen, die eigentlich keiner haben will. Vom Ablauf her ist das keine Werbung, aber es war in diesem Fall tatsächlich nicht anders möglich."

Wirklich nicht? Auf jeden Fall hatte der skurrile Ablauf einen spielentscheidenden Einfluss, veränderte er nicht nur die taktische Statik für die zweite Halbzeit. Sondern auch - weniger leicht messbar - die psychologische Komponente zweier anfangs ziemlich verunsicherter und erschreckend limitierter Kontrahenten, die sich teilweise einer schwer erträglichen Fehlpassorgie hingaben. Kein Wunder, dass Mainz und Freiburg die geringsten Ballbesitzzeiten der Liga aufweisen (44 Prozent).

Auch Torwart Schwolow patzt

"Für den Kopf war der Rückstand wahnsinnig bitter", analysierte Julian Schuster. "Mainz war dann strukturierter." Der intelligente Vordenker aus dem Breisgau ist der Meinung, dass sich schnell vieles bessern sollte: in der Spieleröffnung, in der Präsenz, in der Torgefährlichkeit. "Wir müssen die Vorgaben besser umsetzen."

Irgendwie bezeichnend, dass der sonst so verlässliche Torwart Alexander Schwolow vor dem 0:2 („das war ganz dumm“) die Kugel zum Mainzer Robin Quaison passte, der de Blasis bediente. Streich thematisierte solche individuelle Aussetzer nicht, machte der Mannschaft lieber ein Kompliment, dass sie eingedenk des 0:1 ruhig geblieben sei.

Er selbst legte einen erschreckenden Fatalismus an den Tag („Ich lasse diese Dinge jetzt über mich ergehen und über die Mannschaft“), die eben ganz und gar nicht zum streitbaren Fußballlehrer passt. Und indirekt begab er sich selbst hinterher in jene passive Rolle, mit der sein Team merkwürdigerweise dieses wichtige Spiel angegangen war.

Lange Bälle als einziges Stilmittel

Mit einer tief postierten Fünferkette, die so gut wie gar nicht aufrückte und einen geordneten Spielaufbau verweigerte. Lange Bälle auf den hilflosen Mittelstürmer Nils Petersen als einziges Stilmittel.

Freiburg belegte, warum der Negativlauf jetzt auf den Relegationsplatz geführt hat. Niemand wirkt aktuell in der Bundesliga harmloser als die Breisgau-Elf, die derzeit vielleicht allein damit aufwarten kann, dass zehn deutsche Akteure ihrer Startformation angehören, aber das bringt keine Punkte für die Tabelle.

"Wir wollten defensiver spielen. Kräftemäßig wäre ein offener Schlagabtausch schwierig geworden", erklärte Streich und führte seine angeschlagene Doppel-Sechs mit Robin Koch und Nicolas Höfler als Argument an, sich in die Warteposition zu begeben. Doch heraus kam eine fußballerische Verweigerungshaltung, die mittelfristig weder zu diesem Verein noch zu diesem Trainer passt.

Ein Tor im März und April

Abwehrchef Manuel Gulde legte den Finger in die Wunde, dass die Grundausrichtung nicht gepasst hatte: "Wir waren zu passiv, hatten keinen richtigen Zugriff." Erst die Umstellung zur Pause auf ein 4-4-2 mit einem zweiten Stürmer (Tim Kleindienst) brachte ein wenig Besserung, doch bis auf einen Kleindienst-Kopfball (73.) und einen Petersen-Pfostenschuss (88.) sprangen wenig zwingende Möglichkeiten heraus.

Nicht einmal schaffte es der Gast, den Mainzer Schlussmann René Adler zu prüfen. Die ein Dutzend Torschüsse waren nie eine Gefahr. Und so ist der Trend  alarmierend: Aus den vergangenen fünf Spielen hat Freiburg nur einen Punkt geholt und ein Tor geschossen.

Seit dem 20. Spieltag - einem 2:2 bei Borussia Dortmund - hat der Sportclub nie mehr als einen Treffer fabriziert. In den sechs Partien im März und April gelang überhaupt nur ein einziger: Der formidable Petersen-Heber beim 1:2 gegen den VfB Stuttgart.

Restprogramm nicht unlösbar

Wenn der Vertreter aus dem Badischen die Blockaden in der Offensive nicht löst, wird es schwer mit dem Klassenerhalt. Am Samstag steht das Kellerduell beim Hamburger SV an (15.30 Uhr), dann kommt der 1. FC Köln in das Schwarzwaldstadion (28. April 2018). Schlussendlich geht es noch zu Borussia Mönchengladbach (5. Mai 2018) und gegen den FC Augsburg (12. Mai 2018).

Kein unlösbares Restprogramm. Aber einer wie Gulde wusste am Montagabend schon, was angesagt ist: "Vollgas geben. Und schleunigst punkten." Wenigstens dieser Streich-Schüler ließ auch an seiner Haltung ablesen, dass der Sportclub sich noch nicht aufgegeben hat.  

Fußball · Bundesliga · 30. Spieltag 2017/2018

Montag, 16.04.2018 | 20.30 Uhr

Wappen 1. FSV Mainz 05

1. FSV Mainz 05

Adler – Brosinski, Balogun, Hack, Diallo – Gbamin – Serdar (80. de Jong), Latza – Öztunali (85. Holtmann), de Blasis (90.+1 Ujah) – Quaison

2
Wappen SC Freiburg

SC Freiburg

Schwolow – Söyüncü, Gulde, M.-O. Kempf (46. Kleindienst) – P. Stenzel, R. Koch (69. J. Schuster), Höfler, Günter – Höler (77. Kath), Haberer – Petersen

0

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 de Blasis (45./Handelfmeter)
  • 2:0 de Blasis (79.)

Strafen:

  • gelbe Karte Haberer (9 )
  • gelbe Karte Gulde (1 )
  • gelbe Karte Balogun (4 )

Zuschauer:

  • 26.407

Schiedsrichter:

  • Guido Winkmann (Kerken)

Vorkommnisse:

  • Das Spiel begann aufgrund von Fanprotesten mit fünfminütiger VerzögerungEntscheidung auf Handelfmeter (Mainz) nach Videobeweis (45.+7)Die 2. Halbzeit begann aufgrund von Fanprotesten mit zehnminütiger Verzögerung

Stand: Montag, 16.04.2018, 22:42 Uhr

Wappen 1. FSV Mainz 05

1. FSV Mainz 05

Wappen SC Freiburg

SC Freiburg

Tore 2 0
Schüsse aufs Tor 3 0
Ecken 4 4
Abseits 1 0
gewonnene Zweikämpfe 107 108
verlorene Zweikämpfe 108 107
gewonnene Zweikämpfe 49,77 % 50,23 %
Fouls 16 10
Ballkontakte 548 544
Ballbesitz 50,18 % 49,82 %
Laufdistanz 117,7 km 118,46 km
Sprints 219 202
Fehlpässe 52 63
Passquote 83,12 % 78,28 %
Flanken 11 13
Alter im Durchschnitt 26,6 Jahre 25,1 Jahre

Stand: 17.04.2018, 08:49

Darstellung: