RB Leipzig - noch viel Luft nach oben

Timo Werner

Analyse

RB Leipzig - noch viel Luft nach oben

Von Frank Hellmann

Der Weg zur echten Topmannschaft ist mühsam. RB Leipzig zeigt beim 1:1 am Samstagabend (03.03.2018) gegen Borussia Dortmund zwar Ansätze der Besserung, doch Baustellen gibt es im Team von Trainer Ralph Hasenhüttl noch genügend. Eine Analyse.

Gäbe es im Fußball-Projekt unter dem Red-Bull-Dach einen Prototyp des Musterprofis, dann würde sich seit dieser Saison sicher Konrad Laimer anbieten. Der in Salzburg geborene Kicker wechselte bereits als Zehnjähriger in die Jugendabteilung des FC Red Bull Salzburg, gab sein Profidebüt für das Farmteam des FC Liefering und ist seit Sommer 2017 für das Aushängeschild RB Leipzig am Ball.

Dem 20-Jährigen gebührte am Samstagabend in der Leipziger Arena deswegen ein Sonderlob, weil der Rechtsverteidiger das 1:1 (1:1) gegen Borussia Dortmund punktgenau als Beteiligter zusammenfasste: "Das war mehr ein Kampf- als ein Topspiel." Das Duell der legitimierten Bayern-Verfolger besaß zwar durchaus Unterhaltungswert, ein erwärmendes Lehrstück für Spielkultur kam am Leipziger Sportforum bei Minustemperaturen aber nicht heraus.

Gegenpressing ohne Ende

"40 Meter Sprint vor, 40 Meter Sprint zurück", stellte Laimer fest. Gegenpressing bis zum Abwinken produzierte serienweise Fehler auf beiden Seiten. Leipzigs Fehlpassquote betrug am Ende 24 Prozent. Beinahe jeder vierte Pass landete also beim Gegner. Dortmund war in dieser Hinsicht (Fehlpassquote 22 Prozent) nur unwesentlich besser, was alles in allem eine logische Folge der ähnlichen Spielanlage war.

"Wir haben von der ersten bis zur letzten Sekunde gekämpft“, merkte der Blondschopf mit dem gepflegten Bartwuchs noch an. Auffällig noch beim fast hyperaktiven Gastgeber: Die Besetzung der Doppel-Sechs mit Naby Keita und Kevin Kampl bringt zwar eine offensive Ausrichtung, birgt aber das Risiko defensiver Schwachstellen.

Der RB-Trainer hat genug Baustellen

Hätte der BVB vor allem in der ersten Halbzeit seine Konter klüger ausgespielt, wäre der Schaden womöglich größer ausgefallen als nur beim Gegentor von Marco Reus (38.), als ein Pass von Mahmoud Dahoud die Leipziger Hintermannschaft durchschnitt wie ein heißes Messer die Butter.

Dass der BVB-Torschütze dabei hauchdünn im Abseits stand - der Videoassistent aber nicht eingriff - quittierte RB-Trainer Ralph Hasenhüttl zwar mit reichlich Galgenhumor, wusste aber sehr wohl, dass es nicht lohnt, sich auf dieser Baustelle vertiefend abzuarbeiten. Seine vielen Einzelgespräche dienten ja dazu, in die zuletzt nicht mehr ganz so homogene Gruppe hinein zu horchen.

Drei Pflichtspielniederlagen am Stück - in der Liga bei Eintracht Frankfurt (1:2) und gegen den 1. FC Köln (1:2), zwischendrin in der Europa League gegen den SSC Neapel (0:2) - hatten am Selbstverständnis der ehrgeizigen Emporkömmlings aus der Messestadt genagt.

Leistungsträger am Limit

Für Kapitän Willi Orban steht fest: "Die Mannschaft hat in allen Bereichen noch Luft nach oben. Wir sind in manchen Situationen noch naiv." Vielleicht hat zudem der eine oder andere Leistungsträger im ersten Bundesligajahr an der Leistungsgrenze agiert. Naby Keita (vier Tore/ drei Vorlagen) fehlt jedenfalls erkennbar die Kreativität aus dem Vorjahr, Emil Forsberg (ein Tor/ zwei Vorlagen) ist nach langer Verletzungspause noch längst nicht der Alte.

In der Vorsaison zeichnete sich dieses Duo allein für 16 Treffer und 30 Assists (22 von Forsberg!) verantwortlich. Inwieweit beide wegen eines feststehenden Wechsels (Keita) oder des latenten Wunsches nach Luftveränderung (Forsberg) ihre Fähigkeiten oft nur punktuell aufblitzen ließen, ist Mutmaßung.

Augustin sticht Werner aus

Fakt ist: Mit Timo Werner spielt ein dritter Leistungsträger derzeit nicht am Limit. Nach einer vergebenen Chance (9.) war vom Nationalstürmer nur noch wenig zu sehen, dafür vorbildlich seine Arbeit beim Anlaufen. Hasenhüttl attestierte dem 21-Jährigen viel Fleiß: Werner habe "phasenweise" (Hasenhüttl) gezeigt, wie gut sein Tiefgang und seine Gradlinigkeit dem Team tun.

Ein uneingeschränktes Lob erhielt allein der Sturmpartner: Jean-Kévin Augustin erzielte sein drittes Bundesligator in Folge, als Keita den Ball von Nationalspieler André Schürrle eroberte (29.). Ein typischer Moment für die Leipziger Stärke im Umschaltspiel. Der 20-Jährige werde "im Gesamtpaket immer wertvoller“, sagte Hasenhüttl über Augustin, "und obwohl er nicht so gut Deutsch spricht, setzt er die taktischen Vorgaben immer besser um."

Gleichwohl ist auch beim hochbegabten Franzosen noch Steigerungspotenzial auszumachen. Die fehlende Konstanz ist bei den Sachsen ohnehin nicht nur über die Saison gesehen die Krux, sondern war es auch über die 90 Minuten des Verfolgerduells. Auch Hasenhüttl wollte seinem österreichischen Landsmann Peter Stöger ("erste Halbzeit außergewöhnlich gut, zweite Halbzeit gut") in der Analyse nur bedingt beipflichten. "Ich habe auch einige Stockfehler gesehen", räumte der 50-Jährige ein.

Fuß meist auf dem Gaspedal

Den Fuß vom Gaspedal zu nehmen, war offenbar keine Option. "Für Beamtenfußball waren wir vergleichsweise flott unterwegs", berichtete Hasenhüttl aus der scherzhaften Unterhaltung mit Kumpel und Kollege Stöger.

Spannend wird nun, wie die Rasenballsportler diese energieraubende Spielart beim VfB Stuttgart und gegen den FC Bayern durchhalten wollen, wenn zwischendrin noch das Europa-League-Achtelfinale gegen Zenit St. Petersburg (8. und 15. März) ansteht.

Hasenhüttl verspürt eine Verpflichtung, "dass wir Deutschland gut vertreten". Vom Fortgang auf internationalem Parkett dürfte auch abhängen, wohin der Bundesliga-Weg von Werner und Co. noch führt.

Trainer bei der Zielvorgabe entspannt

Die Qualifikation für die Champions League nannte Vorstandschef Oliver Mintzlaff im Nachgang erneut als erklärtes Ziel. Dafür müsse man "kämpfen und fighten". Die Zielvorgabe ist verständlich: Die Königsklasse garantiert exorbitante Einnahmen, wirkt zugleich als kräftiges Argument bei Spielertransfers. Einig sind sich die Verantwortlichen, dass "bis zum Schluss fünf Mannschaften um drei Plätze" (Hasenhüttl) kämpfen.

Von sportschau.de mit der Frage konfrontiert, ob ihn der derzeitige sechste Rang denn am Saisonende zufriedenstelle, reagierte der Fußballlehrer vergleichsweise entspannt: "Ich hätte nix dagegen, in der Euro League ein paar Runden weiterzukommen und in der Bundesliga ein, zwei Plätze gut zu machen. Das wäre okay. Aber  fragen Sie mich das am 12. Mai nochmal, dann kann ich eine Antwort geben." Nebenbei dürfte davon übrigens auch abhängen, wie die persönliche Zukunft des gebürtigen Grazers in Leipzig aussieht.

Fußball · Bundesliga · 25. Spieltag 2017/2018

Samstag, 03.03.2018 | 18.30 Uhr

Wappen RB Leipzig

RB Leipzig

Gulacsi – Klostermann, Upamecano, Orban, Laimer – Keïta, Kampl (66. Ilsanker) – Forsberg (61. Bruma), Sabitzer – Ti. Werner, Augustin (75. Y. Poulsen)

1
Wappen Borussia Dortmund

Borussia Dortmund

Bürki – Piszczek, Akanji, Toprak, Schmelzer – Weigl, Dahoud – Reus (88. Pulisic), M. Götze (78. Philipp), Schürrle – Batshuayi

1

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Augustin (29.)
  • 1:1 Reus (38.)

Strafen:

  • gelbe Karte Weigl (2 )
  • gelbe Karte Dahoud (3 )
  • gelbe Karte Batshuayi (2 )
  • gelbe Karte Piszczek (1 )

Zuschauer:

  • 42.558

Schiedsrichter:

  • Dr. Felix Brych (München)

Stand: Samstag, 03.03.2018, 20:23 Uhr

Wappen RB Leipzig

RB Leipzig

Wappen Borussia Dortmund

Borussia Dortmund

Tore 1 1
Schüsse aufs Tor 3 2
Ecken 3 3
Abseits 3 8
gewonnene Zweikämpfe 120 112
verlorene Zweikämpfe 112 120
gewonnene Zweikämpfe 51,72 % 48,28 %
Fouls 15 12
Ballkontakte 643 645
Ballbesitz 49,92 % 50,08 %
Laufdistanz 118,33 km 117,89 km
Sprints 269 265
Fehlpässe 91 84
Passquote 76,24 % 78,29 %
Flanken 14 7
Alter im Durchschnitt 23,9 Jahre 25,8 Jahre

Stand: 04.03.2018, 10:08

Bundesliga | Tabelle

RangTeamSP
1.Bayern München3484
2.FC Schalke 043463
3.1899 Hoffenheim3455
4.Bor. Dortmund3455
5.Bayer Leverkusen3455
 ...  
16.VfL Wolfsburg3433
17.Hamburger SV3431
18.1. FC Köln3422
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