Die ausgebremste Eintracht

Frankfurts Jovic (r.) im Spiel gegen Wolfsburg

Analyse nach Frankfurts Heim-Niederlage

Die ausgebremste Eintracht

Von Frank Hellmann

Nach mehr als zwei Monaten und elf Pflichtspielen ohne Niederlage musste ein gebrauchter Tag bei Eintracht Frankfurt mal kommen: Das 1:2 gegen den VfL Wolfsburg verdeutlicht, dass es Mittel gibt, den wuchtigen Dreiersturm der Hessen zu stoppen. Die Analyse.

Ganz am Ende musste irgendwie der Frust raus. Danny da Costa, der Rechtsverteidiger bei Eintracht Frankfurt, nahm sich kurzentschlossen das Spielgerät und bolzte es hochkant in die Luft. Kevin Trapp, der Torwart, rannte wie von der Tarantel gestochen auf Schiedsrichter Sascha Stegemann zu, weil ihm die Nachspielzeit nicht ausgereicht hatte. Doch alles Zetern und Hadern half ja nichts: Mit dem 1:2 (0:1) gegen den VfL Wolfsburg ist der Höhenflug der Hessen gestoppt, die mit einem Sieg hätten auf Platz zwei springen können.

Es war die erste Niederlage seit dem 26. September (1:3 bei Borussia Mönchengladbach). Nach elf Pflichtspielen mit zehn Siegen - wie jüngst einem 4:0 in der Europa League gegen Olympique Marseille - wirkte es am Ende so, als habe im Frankfurter Stadtwald jemand den Stecker gezogen.

Der Trainer kassiert seine eigene These

"Ich habe kein Spiel gesehen, in dem wir klar schlechter waren, aber Wolfsburg hat das gut gemacht", sagte Trainer Adi Hütter. "Uns hat ein bisschen die Frische gefehlt. Wir waren nicht so entschlossen und griffig, gedanklich nicht spritzig im Kopf." Eine Erklärung, die den richtigen Ansatz hatte: Denn obwohl es beim Ballbesitz fast pari stand (51:49), liefen die Gäste in der Summe 4,2 Kilometer mehr.

Zuvor hatte der Österreicher noch die These aufgestellt, um sein energetisches Ensemble in die Knie zu zwingen, müsste ein Gegner schon außergewöhnlich gut Fußball spielen, nun musste Hütter darüber selbst grinsen - weil es nämlich nicht stimmte.

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Sportschau | 02.12.2018 | 01:46 Min.

Die Lust der Serienkiller

Denn Kollege Bruno Labbadia wählte ein völlig anderes Stilmittel, um vor allem die körperliche Wucht seiner Ausnahmestürmer Luka Jovic (10 Tore/5 Vorlagen), Sebastién Haller (9/9) und Ante Rebic (5/2) einzubremsen. Zu der hohen Aufmerksamkeit seiner Innenverteidiger John-Anthony Brooks und Robin Knoche kam die immense Bereitschaft der Mitspieler, gegen den Ball zu arbeiten. "Wir haben brutal verteidigt. Mir gefällt es, dass wir eine andere Note reingebracht haben: Das war ein Riesenkampf", erläuterte Labbadia, der nach eigenem Bekunden "großen Bock" verspürte, die Serie zu brechen.

Der frühere Stürmer räumte ein, dass er selten ein Angriffstrio erlebt habe, dass mit solch einer Körperlichkeit agiere wie die Frankfurter Reihe, die oft genug als "Büffelherde" bezeichnet wurde. Wer vor allem Ante Rebic zusieht, kommt um den Vergleich nicht umhin: Kaum einer arbeitet mit Oberkörper, Schulter und Armen so hart wie der kroatische Vizeweltmeister, der im listigen Serben Jovic und im vielseitigen Franzosen Haller kongeniale Partner besitzt.

Doch mitunter hing das Trio diesmal in der Luft, klaffte eine Lücke von 20, 30 Metern, weil die Doppel-Sechs mit Gelson Fernandes und Jonathan de Guzmán zu spät nachschob. In umgekehrter Richtung konnte das Duo aber auch die Reihen nicht früh genug schließen. Nicht zufällig wechselte Hütter beide Mittelfeld-Akteure nach gut einer Stunde aus.

Anschieber Hasebe aufzuhalten ist ein Schlüssel

Labbadia schien den Code gefunden zu haben, das Frankfurter Dreieck erstmals (fast) auszuschalten. "Sie brauchen ja Zuspiele aus dem Zentrum, und darauf haben wir das Augenmerk gerichtet." Tatsächlich sorgte vor allem der zweikampfstarke Sechser Maximilian Arnold (67 Prozent gewonnene Duelle) dafür, dass der aus der Frankfurter Dreierkette aufrückende Makoto Hasebe - übrigens noch bester Frankfurter - nicht wie gewohnt die Strippen ziehen konnte.

Dazu stellten die wehrhaften "Wölfe" bei Kontersituationen oft Überzahl her, profitierten von der diesmal schlechten Kontersicherung der Hütter-Elf und erzielten nach diesem Strickmuster die entscheidenden Tore von Admir Mehmedi (31. Minute) und Daniel Ginczek (68.). Der Anschlusstreffer von Jovic nach Hallers Vorlage fiel zu spät (30.). Hätte der unermüdlich rackernde Rebic in der Nachspielzeit noch den Ausgleich erzielt, wäre es eingedenk der Spieldaten (15:13 Torschüsse für Frankfurt) nicht völlig unverdient gewesen.

Gerade Jovic ist noch in der Entwicklung

So aber blieb das 1:2 die einzige Szene, in welcher der hochgelobte Traumsturm wirklich in Erscheinung trat: Der erst 20-jährige Jovic bewegte sich nämlich viel zu wenig, um am Spiel wirklich teilzunehmen, der 24-jährige Haller agierte oft unglücklich. Doch Hütter negierte den Eindruck, dass zwei seiner drei Himmelsstürmer durch die vielen Lobeshymnen oder neuen Wechselspekulationen aus dem Tritt gekommen seien.

"Ich erlebe beide sehr bodenständig, sie sind aufs Wesentliche konzentriert. Wenn ein 20-Jähriger jedes Spiel gut macht, ist das nicht normal. Man muss ihnen eine Leistung zugestehen, die mal nicht so brillant ist. Luka hat trotzdem wieder ein Tor geschossen." Insgesamt gelte für sein Team: "Wir sind in einem Entwicklungsprozess, der nicht abgeschlossen ist."

Nicht jeder Ausfall ist aufzufangen

So ist Hütter gut beraten, die grundsätzliche Ausrichtung nicht infrage zu stellen. Vor allem die Anfangsphase, in der Schiedsrichter Sascha Stegemann durch Videobeweis einen bereits verhängten Strafstoß zurücknahm (9.) und de Guzmán nur den Pfosten traf (14.), legte Zeugnis der Frankfurter Stärke ab. Danach seien gerade seine Stürmer "nicht so zur Geltung gekommen", erklärte Hütter, "wir haben zu wenig über die Seiten gespielt."

Auf rechts ging dabei deutlich weniger als über links, wo Filip Kostic anfangs wieder als Aktivposten auffiel. Dafür hatte Danny da Costa einen schwachen Tag erwischt, und Marco Russ stand nicht nur beim ersten Gegentor falsch. Ausfälle wie von David Abraham (Wadenverletzung) kann der Kader nicht ohne Qualitätseinbußen auffangen.

Es ist nicht vorbei

Doch es gibt tatsächlich keinen Anlass, dass die Eintracht von ihrem bisher erstaunlich gut funktionierenden Plan unter dem Nachfolger für Niko Kovac abrückt. Hütter hat nicht nur den Unterhaltungswert angehoben, sondern auch den Weg in die Zukunft aufgezeigt. Niemand aus der Vorstandsetage erwartet ernsthaft die Champions League, die gleichwohl noch ein viel größerer Wachstumstreiber wäre als die Europa League in dieser Saison.

Schon eine erneute Europapokalteilnahme würde die ohnehin guten Perspektiven im sportlichen und wirtschaftlichen Bereich verbessern. Die Spieler sahen den Rückschlag am ersten Advent daher auch bei aller Enttäuschung mit einer gewissen Gelassenheit. "Wir wussten, dass solch ein Spiel einmal kommen wird", sagte der eingewechselte Jetro Willems. Und dann fügte der Niederländer noch einen wichtigen Satz auf Englisch an: "It’s not over." Es ist nicht vorbei. Nicht nach 13 Spieltagen, nach denen Eintracht Frankfurt immerhin auf Platz fünf steht.

Thema in: Sport aktuell, Deutschlandfunk, Montag, 03.12.2018, 22.50 Uhr.

Stand: 03.12.2018, 07:27

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