Borussia Dortmund - FC Bayern München 2:3

BVB gegen Bayern - Spektakel mit bewussten Mängeln

Von Marcus Bark (Dortmund)

Das Topspiel der Bundesliga wird zu einem spektakulären Duell, weil beiden Trainern daran gelegen war. Mit aggressivem Pressing und offensiver Wucht überdecken Borussia Dortmund und der FC Bayern ihre Schwächen in der Defensive.

Die einfache Rechnung, dass ein Sieg und eine Niederlage aus zwei Spielen mehr Punkte bringen als zwei Unentschieden, hat Marco Rose verinnerlicht. Vier von 14 Bundesligaspielen hat er nun mit Borussia Dortmund verloren, das sind genauso viele Niederlagen, wie sie Eintracht Frankfurt auf dem 13. Tabellenplatz ausweist.

Aber der BVB hat eben die anderen zehn Spiele gewonnen, und daher hat er auch nach der Niederlage gegen den FC Bayern noch einen losen Kontakt zur Tabellenspitze.

Rose: "Offenes Visier"

Alles Bemühen, nicht so viel über die fragwürdigen Entscheidungen von Schiedsrichter Felix Zwayer zu sprechen, war vergebens. Der mit Gelb-Roter Karte auf die Tribüne verwiesene und damit im nächsten Spiel beim VfL Bochum gesperrte Rose klagte, einen "klaren Elfmeter" nach vermeintlichem Foul an Marco Reus nicht bekommen zu haben, und er klagte noch heftiger darüber, dass die Bayern den letztlich entscheidenden Elfmeter nach Handspiel von Mats Hummels bekamen.

Aber ein bisschen wurde dann doch über Fußball gesprochen, und Rose benötigte zwei Wörter, um das Spiel trefflich zu beschreiben - "offenes Visier".

Nagelsmann: "Mehr Bälle gewonnen als abgegeben"

Sein Kollege Julian Nagelsmann kleidete diese Taktik, die auch er gewählt hatte, nur in anderen Worte. Auf die Frage, ob es nicht riskant gewesen sei, vor allem Alphonso Davies auf der linken Seite des Mittelfeldes so weit vorne vor der Dreierkette zu postieren, sagte der Trainer des FC Bayern etwas ausweichend: "Wir haben durch das hohe Verteidigen deutlich mehr Bälle gewonnen als abgegeben."

In der Summe wird das stimmen, aber der Preis hätte deutlich höher sein können. Schon vor dem 1:0, das Julian Brandt in der fünften Minute erzielte, hatte der BVB zwei gute Gelegenheiten, nach einem Ballgewinn durch schnelles Konterspiel vor das Tor von Manuel Neuer zu kommen.

"Wir hatten vorne unfassbare Räume"

Marco Reus sagte bei "Sky": "Wir hatten in der ersten Halbzeit vorne unfassbare Räume und haben sie nicht genutzt." Dortmunds Kapitän hatte wie 15.000 Zuschauer im Stadion ein "unfassbar wildes und geiles Spiel" gesehen.

Mit einer Quote von weniger als 80 Prozent angekommener Pässe lagen die Dortmunder etwa fünf Prozentpunkte unter ihrem Durchschnittswert, genau wie die Bayern, die am Samstag (04.12.2021) - ohne ihren schmerzlich vermissten Strategen Joshua Kimmich - auf nur knapp über 80 Prozent kamen.

Schweinsteiger sieht die prognostizierten "vielen individuellen Fehler"

Aggressives Pressing, das den Gegner schon beim Aufbau am eigenen Strafraum stört, war die Vorgabe beider Trainer. So etwas stresst auf höchstem Niveau, und es provoziert, was der Sportschau-Experte erwartet hatte. "Sehr viele individuelle Fehler" habe er gesehen, so Bastian Schweinsteiger, wie von ihm prognostiziert.

Zwei Innenverteidiger, auf Dortmunder Seite Mats Hummels, bei den Bayern Dayot Upamecano, waren besonders anfällig. Dem Münchner muss zugute gehalten werden, dass die riskante Taktik Nagelsmanns ihn oft in Bedrängnis brachte.

Schweinsteiger: "Entweder zwei Elfmeter - oder keiner" Sportschau 04.12.2021 13:43 Min. Verfügbar bis 04.12.2026 Das Erste

Die Bayern waren in der sogenannten Restverteidigung, also den Spielern, die dem eigenen Tor näher als der Ball sind, oft dürftig aufgestellt. Gerade gegen einen Erling Haaland, der auf einen Topspeed von mehr als 35 Stundenkilometern bei seinen Sprints in die Tiefe kommt, ist das riskant.

Ein Moment ohne Konzentration

Dortmund war grundsätzlich sicherer aufgestellt. Vor einer Viererkette verdichteten teilweise sogar drei Spieler das Zentrum.

Dass aber aus einer nominellen Überzahl schnell eine Unterzahl werden kann, wenn für einen Moment die Konzentration verloren geht, zeigte die Sequenz vor dem 1:2. Als Corentin Tolisso das Spiel von der Mittellinie auf die linke Seite zu Davies verlagerte, sah der BVB noch sehr gut aufgestellt aus. Doch mehrere Bayern sprinteten zeitgleich nach vorne, sodass sich wegen schläfriger Dortmunder ein Zahlenverhältnis zugunsten der Münchner ergab.

Dass Torschütze Kingsley Coman der Ball vor die Füße fiel, nachdem Raphaël Guerreiro seinen Kollegen Hummels angeschossen hatte, mag glücklich gewesen sein. Doch die Bayern waren zu diesem Zeitpunkt mit fünf Spielern am Strafraum, Leroy Sané stand zentral knapp davor, um einen Abpraller aufzunehmen.

Die Gefahr, bei einem sauber geklärten Ball von Guerreiro in einen Konter zu laufen, war hoch. Nagelsmann nimmt so etwas inkauf. Auch dieses Risiko ist indirekt an der Tabelle abzulesen. Der Spitzenreiter verlor in dieser Saison schon häufiger, als er unentschieden spielte.