Analyse - Drmic und Stindl beenden Leidenszeit

Josip Drmic jubelt über sein Tor

Gladbach hat nur einen Punkt, aber dafür neue Hoffnung gewonnen

Analyse - Drmic und Stindl beenden Leidenszeit

Von Christian Hornung (Mönchengladbach)

Es war ein Punkt, der im Kampf um Europa nicht viel verändert. Trotzdem kann das 3:3 gegen Hoffenheim für die Gladbacher viel Positives bewirken, vor allem für Josip Drmic und Lars Stindl.

Es dauerte rund zwei Minuten, bis Josip Drmic endlich so richtig jubeln durfte. So lange ließ ihn Schiedsrichter Martin Petersen im Unklaren, ob er den unbestritten mit der Hand vorbereiteten Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1 gegen die TSG anerkennen würde. Doch nach einem ausgiebigen Video-Studium an der Seitenlinie deutete Petersen schließlich zur Mittellinie. Er hatte das Handspiel als unabsichtlich gewertet und auch keine unrechtmäßige Verbreiterung der Körperfläche erkannt.

Mehr als zwei Jahre gewartet

Aber das mit dem Warten auf ein Tor kennt Drmic zur Genüge. Er hat jetzt mehr als zwei Jahre warten müssen. Seinen letzten Treffer in der Bundesliga erzielte er am 27. Februar 2016 als Leihgabe des Hamburger SV gegen Ingolstadt.

Auch schon vor der Ausleihe hatte er in Gladbach - als Königstransfer 2014 für stolze zehn Millionen Euro aus Leverkusen gekommen - endlos auf ein Tor gewartet. Nur ein einziges war ihm in der ganzen Zeit bei Borussia gelungen: am 28. November 2015 - kurioserweise auch bei einem 3:3 gegen Hoffenheim.

"Gezittert, gebetet und gehofft"

"Vielleicht sollte ich nur noch gegen diesen Gegner auflaufen", sagte er nach der Partie lachend zu sportschau.de und gab zu: "Es war ein unglaublich befreiendes Gefühl, mal wieder ein Tor zu erzielen." Als der Schiedsrichter an der Seitenlinie das Video vor- und zurückspulen ließ, habe er "gezittert, gebetet und gehofft". Er selbst hätte den Treffer sofort gegeben: "Ich habe keine bewusste Handbewegung zum Ball gemacht. Am Ende hat die Gerechtgkeit gesiegt. Ein Glück - nach all der Leidenszeit."

Drmic hat nicht nur sportlich gelitten, mit seinen gerade mal zwei Toren als Mittelstürmer in den vergangenen dreieinhalb Jahren. In dieser Zeit konnte man in vielen Medien und in den sozialen Netzwerken auf die Idee kommen, dass nicht Josip sein Vorname war, sondern "Fehleinkauf" oder "Voll-Flop". Aber auch körperlich waren es schwere Zeiten. Zweimal erlitt der 25-Jährige einen Knorpelschaden im Knie, musste operiert werden und stand kurz vor dem Karriereende.

Länderspieleinladung als Mutmacher

Drmic sagt mit leiser Stimme: "Ich habe sehr lange daran gearbeitet, zurückzukommen. Und viel dafür gegeben." Sehr motiviert habe ihn am Donnerstag (15.03.18) die Einladung zur Schweizer Nationalmannschaft, obwohl er zuvor in Gladbach nur ein paar Kurzeinsätze hatte. Auch Lars Stindl bekam diese Art von psychologischer Unterstützung unter der Woche von Joachim Löw. Obwohl Stindl vor der Partie bereits 1.340 Minuten lang torlos gewesen war, hatte ihn der Bundestrainer für die bevorstehenden Spiele gegen Spanien und Brasilien ins Aufgebot berufen.

Stindl bedankte sich für das Vertrauen ebenfalls mit einem Treffer, auch er sagte zu sportschau.de: "Die Freude war riesig. Aber auch deshalb, weil wir am Ende dreimal einen Rückstand aufgeholt haben. Das Spiel war irgendwie sinnbildlich für das, was aktuell bei uns passiert: Erst verletzt sich Raul Bobadilla, dann ist auch noch der Schiedsrichter mit seinem Stellungsfehler am dritten Gegentor beteiligt. Aber wir haben diesmal Willen und Leidenschaft bewiesen, deshalb ist dieser Punkt sehr wertvoll."

Neue Rolle weiter weg vom Tor

Stindl musste für sein Erfolgserlebnis weite Wege gehen: Dieter Hecking war im Spiel gegen Hoffenheim von seinem geliebten 4-4-2-System abgerückt, hatte auf Dreierkette umgestellt und Stindl aus der Spitze ins zentral-defensive Mittelfeld zurückbeordert. Für seine Karriere im Nationalteam, wo ihn Löw als spielstarken hängenden Stürmer einplant, ist das möglicherweise nicht förderlich.

Manager Max Eberl sprach dem Kapitän deshalb ein Sonderlob aus: "Lars opfert sich für diese Mannschaft auf. Es war eine Rolle, in der er oft sehr weit weg vom Tor war, umso höher ist ihm der Treffer anzurechnen."

Nicht nur von Raffael abhängig

12,4 Kilometer Laufleistung spulte Stindl ab. Er leitete auch immer wieder Torszenen seiner Kollegen ein und transportierte mit seinem Auftritt genau wie Drmic zwei wichtige Botschaften an diese in der Rückrunde taumelnde Mannschaft: dass sich dieses Immer-wieder-Anrennen irgendwann auch auszahlt, sei es nach gut zwei Jahren oder nach 1.412 Minuten.

Und dass in Mönchengladbach eben doch nicht alles von Raffael, der sich nach einer langwierigen Muskelverletzung gerade erst wieder rantastet und gegen Hoffenheim eingewechselt wurde, abhängig ist.

Stand: 17.03.2018, 20:43

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