Der Dortmunder "Sancho-Effekt"

Jadon Sancho (r., Borussia Dortmund) gegen Leverkusens Leon Bailey

Bayer Leverkusen - Borussia Dortmund 2:4

Der Dortmunder "Sancho-Effekt"

Von Jörg Strohschein (Leverkusen)

Zwei Auswechslungen, zwei völlig unterschiedliche Ergebnisse. Während Dortmunds Trainer Lucien Favre mit Jadon Sancho den Sieg einwechselte, griff Leverkusens Coach Heiko Herrlich mit Leon Bailey daneben. Dabei sind beide sehr ähnliche Spielertypen.   

Die Menschen in den Leverkusener Katakomben zuckten am Samstag (29.09.2018) zusammen und schauten sich verwundert an. Es war schließlich ein sehr lauter Schrei, den Sven Bender losließ, als er vom Rasen in den den Innenraum kam. Mit hochrotem Kopf und deutlich sichtbaren Halsadern brüllte der Bayer-Mittelfeldspieler: „Scheiße. In der zweiten Halbzeit spielen wir auf der linken Seite nicht mehr mit.“

Dieses äußerst ernüchternde und emotional niederschmetternde Fazit musste sich Bender von der Seele schreien. Denn das 2:4 war das bittere Ergebnis eines hochgradig unterhaltsamen und temporeichen Spiels, bei dem die Leverkusener lange Zeit das bessere Team waren, mit 2:0 führten und gute Möglichkeiten hatten, ihre Führung weiter zu erhöhen.

Entscheidender Schachzug

Bis zur 65. Minute sah eigentlich alles gut aus, doch innerhalb von drei Minuten änderte sich alles. Erst erzielte Jakob Bruun Larsen den Anschlusstreffer und dann machte Favre den entscheidenden Schachzug, um die Partie noch vollständig zu drehen. Der Trainer von Borussia Dortmund wechselte Jadon Sancho ein. Und der 18-Jährige spielte auf der rechten Außenbahn fast im Alleingang die gesamte Leverkusener Defensive schwindelig.

Mit einem unwiderstehlichen Sprint von der Mittellinie aus, nur eine Minute später, einer Passfolge in höchstem Tempo und auf höchstem Niveau, spielte er Marco Reus frei, der zum Ausgleich nur noch einzuschieben brauchte. Ein spektakuläres, technisch hochwertiges Tor, dass in der Bundesliga in dieser Ausprägung nur sehr selten zu sehen ist. Und auch in der restlichen Spielzeit machte der BVB-Offensivspieler eine überaus gute Figur.

Kehl: "Haben große Gier gezeigt" Sportschau 30.09.2018 01:52 Min. Verfügbar bis 30.09.2019 Das Erste

Sanchos beeindruckende Bilanz

Sancho gewann in dieser kurzen Zeit 80 Prozent seiner Zweikämpfe, legte über dreieinhalb Kilometer zurück und bereitete ganz nebenbei auch noch das 4:2 von Paco Alcácer vor.  

Dass dieser beeindruckende Vortrag Sanchos kein Zufall war, bestätigte Favre nach der Partie. „Er und Marco verstehen sich beide sehr gut. Sie wissen wie man eine Mannschaft destabilisiert“, sagte der Coach. Sancho hatte mit seiner Dynamik das gesamte Spiel der Dortmunder verändert. Der BVB wirkte nun deutlich gefährlicher, zielstrebiger und vor allem selbstbewusster.

In den bisherigen sechs Bundesligapartien ist dem jungen Sancho nun in seinen insgesamt nur rund 130 Spielminuten die beeindruckende Bilanz von einem Tor und fünf Vorlagen gelungen. Einen besseren Einwechselspieler kann man sich als Trainer wohl kaum wünschen.

„Es ist hart für mich, mich an das Tempo zu gewöhnen. Ich arbeite daran, um in die Startelf zu kommen“, sagte der junge Sancho mit strahlend weißen Zähnen und einem breiten Lächeln. Vor einem Jahr war der Engländer für rund acht Millionen Euro Ablöse von Manchester City zu den Westfalen gekommen. Sein Marktwert wird mittlerweile bei 20 Millionen Euro taxiert. „Ich vertraue Marco, er vertraut mir“, sagte Sancho.

Leverkusens unglückliche Entscheidung

Diesen „Sancho“-Effekt hatte sich auch Herrlich von seiner Einwechselung nach 70 Minuten versprochen. Der Leverkusener Coach brachte ab diesem Zeitpunkt den ebenfalls pfeilschnellen Leon Bailey ins Spiel, der über ähnliche Spielanlagen wie der Dortmunder verfügt. Doch an diesem Samstagabend war dies eine unglückliche Entscheidung, weil der der linke Außenbahnspieler so gut wie keine positiven Akzente setzen konnte.

Vielmehr rannte sich Bailey häufig in der gegnerischen Abwehrreihe fest, verlor den Ball, aus dem sich der 2:3-Gegentreffer entwickelte. Es war dem Jamaikaner deutlich anzusehen, dass ihm das Selbstvertrauen fehlte, welches Sancho nur wenige Meter entfernt von ihm so auszeichnete. Während Sancho seinem Team neuen Mut verlieh, war Bailey trotz seiner Schnelligkeit kein positiver Faktor, obwohl er sich redlich mühte. Und das, obwohl die Werkself über 60 Minuten die bessere Mannschaft war. Bailey war nicht in der Lage, dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Was der Dortmunder anfasste, gelang. Was der Leverkusener versuchte, ging meist völlig daneben.

„Man muss mal erwachsen werden und das Spiel über die Zeit bringen“, hatte Leverkusens Julian Brandt nach dem Spiel angemerkt. Seine Kritik war allgemeiner gehalten als die von Sven Bender. Aber wohl nicht weniger ernsthaft.

Fußball · Bundesliga · 6. Spieltag 2018/2019

Samstag, 29.09.2018 | 18.30 Uhr

Wappen Bayer 04 Leverkusen

Bayer 04 Leverkusen

Hradecky – Weiser (70. Jedvaj), S. Bender, Tah, Wendell – Kohr, L. Bender – K. Volland, Havertz, Brandt (79. Paulinho) – Alario (70. Bailey)

2
Wappen Borussia Dortmund

Borussia Dortmund

Bürki – Hakimi, Akanji, Zagadou, Diallo – Witsel, Delaney (46. Dahoud) – Pulisic (68. Sancho), Bruun Larsen – Philipp (63. Alcácer), Reus

4

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Weiser (9.)
  • 2:0 Tah (39.)
  • 2:1 Bruun Larsen (65.)
  • 2:2 Reus (69.)
  • 2:3 Alcácer (85.)
  • 2:4 Alcácer (90.+4)

Strafen:

  • gelbe Karte Delaney (1 )
  • gelbe Karte Wendell (1 )

Zuschauer:

  • 30.210

Schiedsrichter:

  • Dr. Felix Brych (München)

Stand der Statistik: Samstag, 29.09.2018, 20:25 Uhr

Wappen Bayer 04 Leverkusen

Bayer 04 Leverkusen

Wappen Borussia Dortmund

Borussia Dortmund

Tore 2 4
Schüsse aufs Tor 6 10
Ecken 6 8
Abseits 0 1
gewonnene Zweikämpfe 116 124
verlorene Zweikämpfe 124 116
gewonnene Zweikämpfe 48,33 % 51,67 %
Fouls 11 12
Ballkontakte 639 824
Ballbesitz 43,68 % 56,32 %
Laufdistanz 128,26 km 124,17 km
Sprints 223 236
Fehlpässe 76 71
Passquote 81,99 % 88,11 %
Flanken 13 5
Alter im Durchschnitt 24,3 Jahre 23,6 Jahre

Stand: 29.09.2018, 22:15

Bundesliga | Tabelle

RangTeamSP
1.RB Leipzig410
2.Bor. Dortmund49
3.SC Freiburg49
4.Bayern München48
5.VfL Wolfsburg48
 ...  
16.1. FSV Mainz 0543
17.SC Paderborn 0741
18.Hertha BSC41
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