Abrahams Aussetzer zur Unzeit

David Abraham wird nach seinem Einsatz gegen Christian Streich zurückgedrängt

Debatte um Trainer-Attacke

Abrahams Aussetzer zur Unzeit

Von Frank Hellmann

Mit der Attacke auf Christian Streich hat David Abraham ein Tabu gebrochen. Die Versöhnung mit dem Trainer des SC Freiburg wird den Rot-Sünder von Eintracht Frankfurt kaum vor einer drastischen Strafe bewahren. Denn ein anderer Fall spielt in die Bewertung ein.

Denkwürdige Szenen, bei denen Trainer im deutschen Profifußball zu Boden gehen, gibt es einige. Vor allem Norbert Meier schrieb mit einer vermeintlichen Kopfnuss Geschichte, nachdem der damalige Trainer des MSV Duisburg im Dezember 2005 im Bundesligaspiel gegen den 1. FC Köln Stirn an Stirn mit Albert Streit stand und plötzlich hinfiel. Die Fernsehbilder überführten Meier der Schauspielerei, der mit einem dreimonatigen Berufsverbot belegt und vom Verein bald entlassen wurde.

Schlecht gemacht war auch die Schauspieleinlage, die sich Heiko Herrlich als Coach von Bayer Leverkusen im Dezember 2017 im DFB-Pokalspiel bei Borussia Mönchengladbach leistete. Das DFB-Sportgericht verhängte eine Geldstrafe, sah aber von einer Sperre ab, nachdem sich Herrlich nach einem leichten Schubser des Gladbacher Denis Zakaria in der Coaching Zone theatralisch fallen ließ. "Ich schäme mich", sagte Herrlich reumütig. Das Sorry bewahrte ihn nicht vor einem Imageverlust.

Schnelle Entschuldigungen in Freiburg

Trainer Norbert Meier attackiert Albert Streit

Denkwürdiges Tête-à-Tête: Norbert Meier und Albert Streit

Entschuldigungen standen nach dem neuesten Eklat an der Seitenlinie ebenfalls hoch im Kurs. Nachdem David Abraham am Sonntagabend (10.11.2019) in der Nachspielzeit des Bundesligaspiels SC Freiburg gegen Eintracht Frankfurt (1:0) mit ausgestrecktem Arm den Heimtrainer Christian Streich umgerannt hatte und dieser fast im hohen Bogen zu Boden ging, übten sich die Protagonisten alsbald in der Deeskalation.

Die Eintracht stellte vor allem heraus, dass sich die beiden Streithähne - anders als einst im Fall Meier gegen Streit - rasch versöhnt hätten. Abraham wurde noch am selben Abend vom Verein so zitiert: "Ich wollte in der letzten Minute der Nachspielzeit den Ball so schnell wie möglich wieder ins Spiel bringen und hätte ausweichen müssen. Ich bin sehr froh, dass wir nach dem Spiel gesprochen haben und alles gut zwischen uns ist." Fernsehbilder zeigen, dass Streich etwas ruft, als Abraham heraneilt. Was allerdings niemals eine Tätlichkeit rechtfertigt.

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Trainer müssen unantastbar bleiben

Streich schilderte in seinem badischen Idiom die Szene so: "Ich hab' ihn gsehe, er isch halt ein emotionaler und wilder Spieler. Ich kenne ihn von seiner Zeit in Basel, des isch net weit von uns weg, da habe ich ihn oft gsehe. Dann kommt er also, aber er kam so schnell. Der Ball isch an mir vorbeigrollt und dann hat er mich, bumm, über de' Hufe grannt." Aber es sei alles gut, das sei keine Story wert. Streich wörtlich: "Ich habe wirklich keinen Bock auf das ganze Zeug."

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Aber der impulsive Fußballlehrer sollte wissen, welche Signale von solchen Bildern ausgehen. Trainer müssen genauso wie Schiedsrichter unantastbar für gegnerische Spieler bleiben. Wer dagegen verstößt, kann ungeachtet einer Entschuldigung nicht so tun, als sei nichts geschehen. Und Abraham spielt seit mehr als zehn Jahren in Europa, so dass er die Verhaltensregeln kennen sollte.

Streich nach Abraham-Check: "Runterfahren, fertig, interessiert nicht" Sportschau 11.11.2019 00:25 Min. Verfügbar bis 11.11.2020 Das Erste

DFB stellt Strafanträge

Daher erwartet Abraham eine drastische Strafe - allein wegen des abschreckenden Effekts. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wird nach den Vorfällen in der chaotischen Schlussphase zwei Strafanträge an das Sportgericht stellen.

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Nicht nur Abraham war vom Platz gestellt worden, sondern auch der Freiburger Vincenzo Grifo sah nach Einsatz des Videobeweises Rot, weil er Abraham während der anschließenden Rudelbildung ins Gesicht gefasst hatte. Während den Freiburger Übeltäter drei, vier Spiele Sperre erwarten könnten, ist es möglich, dass für den Frankfurter Kapitän die Hinrunde sogar gelaufen ist.

Der Argentinier ist Wiederholungstäter

Zum einen ist der 2015 von der TSG Hoffenheim zur Eintracht gewechselte Argentinier ein Wiederholungstäter. Sechs Platzverweise sammelte er bereits in seiner Karriere, zwei davon in der Bundesliga. Seine bis dato letzte Hinausstellung erlebte der kantige Eintracht-Verteidiger in der Saison 2016/2017 gegen den FC Ingolstadt (0:2), aber unfairer war der Ellbogenschlag, den sich Abraham in derselben Saison gegen die TSG Hoffenheim (0:0) im Laufduell mit Sandro Wagner leistete.

Es folgten heftige Debatten um den rustikalen Stil des Verteidigers, doch die Körperlichkeit war bei der Eintracht sowohl unter Niko Kovac als auch Adi Hütter ein Markenkern. Das Fairplay musste dafür aber nicht mit Füßen getreten werden.

Doch nun hat ausgerechnet der Kapitän eine Grenze überschritten. Sportvorstand Fredi Bobic kündigte bereits eine interne Sanktion an. Gegenüber seinem Spieler sagte Bobic am "Sky"-Mikrofon: "Das darf er nicht machen. Er hat sich provoziert gefühlt, dass der Ball einfach am Trainer vorbeigelaufen ist. Er ist natürlich emotional, aber das darf ihm nicht passieren."

Der Schiedsrichter-Fall wirkt hinein

Zum anderen könnte bei der Bestrafung durch die Verbandsrichter unterbewusst auch die allgemeine Debatte um Respekt und Fairness eine Rolle spielen. Gerade in der Rhein-Main-Region waren die Diskussionen über einen gesitteten Umgang aller Beteiligten auf dem Fußballplatz mit besonderer Verve geführt worden, weil am 27. Oktober im hessischen Münster ein Schiedsrichter in einem Kreisligaspiel mit einem Faustschlag krankenhausreif geschlagen wurde. Der erst 22-jährige Referee musste mit einem Rettungshubschrauber abtransportiert werden.

Der Fall erregte bundesweit die Gemüter. Nicht wenige erinnerten in diesem Zusammenhang an die Vorbildwirkung, die für die Zukunft vom Profifußball ausgehe. Am deutlichsten wurde dabei der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU), der erst am vergangenen Freitag zur Vorbildfunktion des Profifußballs mitgeteilt hatte: "Was dort vorgelebt wird, greifen Nachwuchsspieler und Amateure in den unteren Ligen auf."

Unter diesem Aspekt ist eigentlich auch nur schwer vorstellbar, dass David Abraham noch Kapitän bei Eintracht Frankfurt bleiben kann. Vermutlich werden bei der erwartet langen Zwangspause alle Beteiligten genügend Zeit haben, über solche Fragen nachzudenken.

mit dpa, sid | Stand: 11.11.2019, 09:27

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