FC Schalke 04 - Corona kratzt an der Existenz

Das Trainingsgelände des Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 mit der Veltinsarena

Traditionsklub in Bedrängnis

FC Schalke 04 - Corona kratzt an der Existenz

Von Jörg Strohschein

Der FC Schalke 04 kommt durch die Corona-Krise in finanzielle Schieflage. Der Verein kämpft um seine Existenz. Benötigt der Klub die "Geisterspiele" in der Bundesliga sogar, um überleben zu können?

Es war wohl als flehentlicher Appell zu verstehen, den die Schalker unter ihre Mitteilung an ihre Ticket-Inhaber als letzten Satz verfasst haben. "In schlechten Zeiten müsst ihr Schalker sein, in guten haben wir genug davon", hatte einst der langjährige Mannschaftsbetreuer Charly Neumann gesagt, der im Klub und bei den Fans so etwas wie die gute Seele des Vereins verkörperte und (zumindest in der Öffentlichkeit) nie den Optimismus verlor. Und der einige finanzielle und sportliche Talfahrten mit dem Klub miterlebt hatte.

Irgendwie ging es immer weiter. Neumann ist im Jahr 2008 verstorben, er genießt noch immer hohes Ansehen im Verein. Dass seine Worte noch einmal für die Corona-Krise herangezogen werden, deutet aber daraufhin, dass auch die Nostalgiker mit in das Schalker Boot gezogen werden sollen, das sich derzeit in sehr schwerer See bewegt.

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Sportschau 15.04.2020 02:32 Min. Verfügbar bis 15.04.2021 ARD

Existenzbedrohende Situation

Die rund 44.000 Dauerkarten-Inhaber sowie die Tageskartenkäufer wurden vor gut einer Woche darum gebeten, auf die Rückforderung ihrer Eintrittsgelder zu verzichten. Dafür sollten sie als Kompensation Gutscheine oder Trikots erhalten. Am 8. April hatte Marketing- und Kommunikationsvorstand Alexander Jobst eine E-Mail an die Logen-Besitzer verschickt.

Darin bat er um dringende wirtschaftliche Unterstützung für den Traditionsverein, wie "Sport Bild" berichtet. Schalke 04 stehe unabhängig von der Entscheidung, ob die Bundesliga die Saison zu Ende spielt, "aktuell vor einer potenziell existenzbedrohenden wirtschaftlichen Situation" und sei daher "mehr denn je auf die Sponsoren- und Hospitality-Einnahmen angewiesen", heißt es in dem Schreiben.

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Sportschau 18.04.2020 02:46 Min. Verfügbar bis 18.04.2021 ARD Von Jan Wochner

Finanzvorstand: Vielleicht bleibt nichts

Schalkes Vorstandsmitglied Peter Peters

Finanz-Vorstand Peter Peters

"Ich mache mir auch Sorgen. Alles was wir tun, hängt am Fußballspiel", sagte Finanzvorstand Peter Peters bei einem vom Klub organisierten Facebook-Chat am Dienstagabend (14.04.2020). "Wir haben es ein Stück weit falsch eingeschätzt. Wir haben gedacht, wir haben eine schöne Catering-Gesellschaft, wir haben digitale Medien und andere Geschäftsfelder. Aber auf einmal stellen wir fest: Wenn der Fußball nicht mehr da ist, dann bleibt uns wenig, vielleicht auch nichts."

Saisonabbruch wäre der Super-GAU

Das Wasser steht dem Traditionsklub bereits bis zum Hals, eine Fortsetzung des Spielbetriebs ohne Zuschauer und damit die Auszahlung der Fernsehgelder ist für die Schalker von existenzieller Bedeutung. "Ein Saisonabbruch wäre der Super-GAU“, sagte Aufsichtsratschef Clemens Tönnies jüngst in einem Interview mit der "Welt am Sonntag". "Dann würden wir so manchen Verein nächste Saison nicht wiedersehen, befürchte ich." Er mache sich derzeit große Sorgen um den FC Schalke und den gesamten Fußball, "weil keiner genau weiß, mit welchem Szenario wir planen können".

Während es Bundesliga-Klubs wie dem FC Augsburg nach eigenen Aussagen offenbar gelingt, auch ohne "Geisterspiele", ohne Insolvenz-Gefahr durch diese Monate zu kommen, wird deutlich, wie sehr die Schalker vom sportlichen Erfolg in einer Saison abhängen. Besonders die vergangene Spielzeit, als das Team beinahe abgestiegen wäre und einen internationalen Startplatz verpasste, hat dem Klub finanzielle Substanz gekostet. Der Klub hangelt sich momentan von Monat zu Monat. Gehen womöglich bald die Lichter aus?

Spielertransfers und Vertragsverlängerungen liegen auf Eis

Die Schalker haben laut Konzernbericht vom März 2020, Stichtag 31. Dezember 2019, Verbindlichkeiten in Höhe von knapp 198 Millionen Euro. Schalke verbuchte für 2019 ein Minus von 26,1 Millionen Euro, der Umsatz ist von 350 auf 275 Millionen Euro eingebrochen. Die Kosten für die Gehälter im Klub inklusive der Profis beliefen sich auf 116,6 Millionen Euro. Mögliche Spielertransfers sowie Vertragsverlängerungen sind erstmal auf Eis gelegt. Die ohnehin unerfreuliche Bilanz bekommt in diesem Jahr ohne weitere Zuschauereinnahmen den nächsten gravierenden Knick nach unten. So viel steht jetzt schon fest.

Dennoch verteidigt Peters die bisherige Strategie des Klubs: "Ganz wichtig für Schalke 04 ist, dass wir nachhaltig investieren. Das haben wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten immer wieder getan, indem wir unsere Überschüsse in langfristige Projekte investiert haben wie zum Beispiel in die Veltins Arena oder jetzt das Berger Feld. Beim einstigen Stadion-Bau und dem aktuellen Erschaffen einer völlig neuen Sport- und Trainings-Infrastruktur (Kosten: rund 95 Millionen Euro) auf dem Vereinsgelände zeigte sich der Traditionsklub überaus risikobereit, um mit Entwicklungen an anderen Standorten in der Bundesliga mithalten zu können.

Kommen die Leihspieler zurück?

Schalke-Leihspieler Sebastian Rudy

Schalke-Leihspieler Sebastian Rudy

Allerdings gab es auch schon zu früheren Zeiten erhebliche finanzielle Engpässe bei S04, etwa bei der Stadionfinanzierung. Im September 2009 sprang die städtische Gesellschaft für Energie und Wirtschaft GEW mit einer Finanzspritze von 25,5 Millionen Euro ein, um dem Klub Luft zum Atmen zu verschaffen. "Ich bin nach wie vor der festen Auffassung, dass es richtig war, diese Verbindlichkeiten aufzunehmen, um diesen Verein langfristig so aufzustellen, wie er jetzt steht. Diese aktuelle Krise konnte ja keiner vorhersehen", argumentiert Peters.

Noch unangenehmer könnte es für den Klub werden, wenn einige vermeintlich teure Leihspieler nach Saisonende wider Erwarten nach Gelsenkirchen zurückkehren. Noch haben sich für Nabil Bentaleb (Newcastle), Sebastian Rudy (Hoffenheim), Mark Uth (Köln) oder Hamza Mendyl (Dijon) keine Käufer gefunden. Zum einen müsste der Klub dann für deren Gehälter aufkommen. Zum anderen fehlten den Schalkern auch noch die eingeplanten Transfererlöse.

Einschneidende Maßnahmen

Die Schalker schöpfen derzeit viele Möglichkeiten aus, um Kosten zu sparen. Steuerstundungen, Kurzarbeit, Gehälterverzicht, Einsparungen bei den Klub-Basketballern und mögliche weiterreichende Maßnahmen bei anderen Vereinssparten sind nur einige Mittel, um diese Zeit irgendwie zu überstehen. Auch die Aufnahme neuer Kredite wird erwogen. "Je länger die Situation dauert, umso einschneidendere Maßnahmen werden wir ergreifen müssen", sagt Peters.

Ausgliederung aus dem e.V.?

Selbst eine Ausgliederung der Schalker Profis aus dem e.V. in eine Kapitalgesellschaft wird nun vermehrt in den sozialen Medien diskutiert, um mögliche neue Geldgeber zu finden. Bisher war dies ein absolutes Tabuthema bei der großen Mehrzahl der Anhänger und Mitglieder. "Wir haben schon zu meiner Zeit gesagt, dass wir über diese Rechtsform für Schalke nachdenken müssen. Damals machte es noch keinen Sinn, jetzt wäre eine Ausgliederung sicher eine Lösung", sagt Schalkes Ex-Präsident Josef Schnusenberg (79).

Womöglich stehen die Schalker in dieser Corona-Krise vor einer grundlegenden Neuaufstellung des gesamten Klubs.

Stand: 15.04.2020, 09:16

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