Leere Sitze in der Bundesliga als Alarmsignal

Leere Tribünen im Olympiastadion

Zuschauerzahlen

Leere Sitze in der Bundesliga als Alarmsignal

Von Frank Hellmann

Keine Fußball-Liga zieht mehr Zuschauer ins Stadion als die Bundesliga. Doch es gibt Alarmzeichen, dass das Publikum auf Distanz geht. Die Zahl nicht genutzter Tickets scheint zu steigen, definitiv gibt es bereits weniger ausverkaufte Spiele in dieser Saison.

Der vergangene Sonntag (25.02.18) hätte für RB Leipzig kaum ernüchternder verlaufen können. Neben der 1:2-Heimpleite gegen Schlusslicht 1. FC Köln lag auch deshalb viel Tristesse wie ein bleierner Schleier über der Spielstätte am Sportforum, weil so viele Plätze leer geblieben waren. Offiziell 31.793 Besucher vermeldete die Videotafel. Jeder vierte Platz war damit nicht besetzt. Nur zum Vergleich: In der Vorsaison lag der Schnitt bei fast 40.000. Hat sich schon im zweiten Bundesliga-Jahr der erste Verdruss in der Messestadt eingestellt, die so lange auf erstklassigen Fußball warten musste?

Gut, dass jetzt erst Borussia Dortmund (03.03.2018) und dann der FC Bayern (18.03.2018) beim Vizemeister und Europa-League-Achtelfinalisten antreten: Für beide Begegnungen gibt es im Vorverkauf keine Karten mehr. Alles andere wäre auch ein Armutszeugnis für die ehrgeizigen Ambitionen des sächsischen Emporkömmlings.

Braucht es in Leipzig ein größeres Stadion?

Eigentlich will der Verein seine Arena bald erweitern und die Kapazität auf mindestens 50.000 erhöhen. Dafür ist der Klub vom Mieter zum Eigentümer geworden, will weitere 40 Millionen Euro investieren und plant eine Reihe von baulichen Maßnahmen. Unter anderem einen Ausbau der Tribünen, die näher ans Spielfeld rücken sollen. Auch der Fanblock soll größer werden.

Ursprünglich war sogar mal von einem Ausbau für 57.000 Zuschauer die Rede. RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff ruderte bereits zurück: "Wir wollen Schritt für Schritt gehen. Natürlich haben wir eine tolle Zuschauerquote, aber es ist auch nicht so, dass wir für jedes Spiel 60.000 Tickets verkaufen könnten." Mittlerweile stellt sich die Frage, ob die Kapazität von 42.500 nicht schon ausreichend wäre. Fast 2000 Anhänger fehlen im Vergleich zur Vorsaison.

Hertha hat 5000 Fans verloren

Es ist nur ein schwacher Trost, dass sich der Brauseklub in guter Gesellschaft mit zahlreichen Traditionsklubs befindet. Am krassesten trifft der Zuschauerrückgang den zweiten Ost-Verein: Bei Hertha BSC kommen 5000 Fans weniger. Erstmals wird kein Heimspiel in dieser Saison ausverkauft sein. Gegen den FSV Mainz 05 war zuletzt nicht einmal jeder zweite Platz besetzt: Nur 30.908 Zuschauer verloren sich an einem kalten Freitagabend im weitläufigen Oval, das - vollbesetzt - so einen stimmungsvollen Rahmen bieten kann. Sind aber zu viele der grauen Plastiksitze leer, dann ist das Olympiastadion ein trostloser Schauplatz.

Leipziger Alltag: viel Action, aber einige leere Plätze

Leipziger Alltag: viel Action, aber einige leere Plätze

Die "Sportbild" hat nun berichtet, dass ein Dutzend Vereine einen Zuschauerrückgang beklagen. Und: Mit 32 Prozent ausverkaufter Spiele ist diese Quote so schlecht wie seit zehn Jahren nicht mehr. Beim Hamburger SV, dem FSV Mainz 05 und beim FC Augsburg war in dieser Spielzeit nur eine einzige Partie ausverkauft. Spitzenreiter in dieser Hinsicht ist der FC Bayern. Zwölf Heimspiele, zwölfmal volles Haus mit 75.000 Zuschauern.

Liga mit dem besten Zuspruch in Europa

Das passt auf den ersten Blick nicht zu den Meldungen, die gerade vor zwei Wochen die Deutsche Fußball Liga (DFL) in Umlauf gebracht hat. Demnach kam es in der der Hinrunde der laufenden Saison im Vergleich zu 2016/17 wieder zu einer deutlichen Steigerung: So pilgerten im Schnitt 43.429 Fans in die Stadien. Damit wurde das zweitbeste Hinrunden-Ergebnis der Bundesliga-Geschichte nach 2011/12 (44.345) erreicht bei einem Anstieg von acht Prozent im Vergleich zur vergangenen Spielzeit 2016/17 (40.271). Die 153 Spiele der Hinrunde besuchten insgesamt 6.644.612 Zuschauer (2016/17: 6.161.399). Keine Liga in Europa hat solch einen Zulauf. Und von allen Profiligen ist nur die NFL, die amerikanische Football-Liga, besser besucht.

Die objektiven Zahlen widersprechen also dem subjektiven Eindruck der vergangenen (winterlichen) Wochen. Zudem steigen im Frühjahr bei besserer Witterung und größerer Spannung die Zuschauerzahlen wieder, die sich mit dem Wiederaufstieg des VfB Stuttgart und von Hannover 96 ohnehin erhöht haben. Sie ersetzten den FC Ingolstadt und den SV Darmstadt 98 mit ihren kleinen Stadien.

No-Show-Rate bei zehn Prozent

Als DFL-Chef Christian Seifert kürzlich in Frankfurt den Liga-Report vorstellte, kam auch das Thema Zuschauer zur Sprache. Die No-Show-Rate, also die Zahl erworbener, aber nicht genutzter Tickets, habe sich bei rund zehn Prozent nicht erhöht, hieß es. Tatsächlich ist es seit längerem an vielen Standorten üblich, dass Dauerkarteninhaber nicht alle 17 Heimspiele ihres Klubs besuchen. So kommt es, dass die DFL eine Auslastung von 91 Prozent verkaufter Karten vermeldet, eine Studie des Center of Sports and Management (CSM) an der Wirtschaftsuniversität Düsseldorf aber nur auf 82 Prozent genutzter Karten kommt.

Es ist ein bekanntes Problem, dass sich der Kunde nur die Rosinen, sprich die Topspiele gegen Bayern, Dortmund oder Schalke herauspickt, aber gegen Augsburg, Mainz oder Freiburg gerne mal zuhause bleibt. Beim Hamburger SV oder beim VfL Wolfsburg müssen Stammbesucher mindestens zehnmal in der Saison erscheinen, sonst erlischt der Anspruch auf das Saisonticket.

Zuschauereinnahmen immer unwichtiger

Leere Tribünen beim Spiel gegen den FC Augsburg

Leere Südtribüne in Dortmund am Montagabend

Besonders krass trat die Verweigerungshaltung zutage, als fast die gesamte Dortmunder Fanszene zum Boykott des jüngsten Montagsspiels gegen den FC Augsburg (1:1) aufgerufen hatte. Der BVB vermeldete dann auch nur die Zahl der wirklich ins Stadion gekommenen Besucher: 54.300. So wenig wie seit 20 Jahren nicht mehr. "Diese große Ablehnung habe ich nicht erwartet", stellte Vorstandschef Hans-Joachim Watzke fest, der auch schon verlauten ließ, auf Geld zu verzichten, wenn die Fans eine andere Terminierung wünschten.

Tatsächlich sind die Zeiten längst vorbei, dass die Zuschauereinnahmen die wichtigste Säule im Etat der Profiklubs ausmachen. Der Anteil der Spielerlöse sinkt ständig. Die Bundesliga nahm zwar in 2016/2017 immerhin 503,8 Millionen auf diesem Sektor ein, das machte aber nur noch knapp 15 Prozent am Gesamtertrag aus. Mehr als die Hälfte der Einnahmen steuern zusammen Werbung und mediale Verwertung bei. Dennoch sind leere Plätze immer ein Alarmsignal - weil nämlich nicht stimmungsfördernd fürs Stadion und nicht imagefördernd fürs Fernsehbild.

Stand: 28.02.2018, 15:33

Darstellung: