1. FC Köln und Werder Bremen - Krisenbewältigung ganz anders

Markus Gisdol und Florian Kohfeldt (v.l.)

Kellerduell in der Bundesliga

1. FC Köln und Werder Bremen - Krisenbewältigung ganz anders

Von Frank Hellmann

Vor dem Kellerduell zwischen dem 1. FC Köln und Werder Bremen schält sich ein völlig unterschiedlicher Umgang mit der Krise heraus. Während Werder mit Kontinuität nicht aus der Talsohle kommt, scheint der FC mit Rochaden im Vorteil.

Markus Gisdol hatte die Stirn sofort in Falten gelegt. Werder Bremen ein dankbarer Gegner? Diese These ging dem Trainer des 1. FC Köln vor dem Kellerduell (Samstag, 21.12.2019, 15.30 Uhr) zu weit.

Seine Devise vor dem Aufeinandertreffen der auf Tabellenplatz 15 gesprungenen Rheinländer und den auf den Relegationsrang abgerutschten Bremern: "Schlau sein, Kopf einschalten." Und das gute Gefühl mitnehmen: Der dritte Sieg in Folge würden sich wie eine vorgezogene Bescherung anfühlen. Der Derbysieg gegen Bayer Leverkusen (2:0) und der Auswärtserfolg bei Eintracht Frankfurt (4:2) fühlen sich wie eine Auferstehung für den schon totgesagten "Effzeh" an, der mit 17 Punkten überwintern könnte.

Kohfeldt fleht das gute Gefühl herbei

Anders die Stimmungslage beim SV Werder, wo Florian Kohfeldt fast schon fleht: "Ich will mit einem einigermaßen guten Gefühl in die Winterpause gehen." Die Grün-Weißen müssen nach drei nicht erstligareifen Auftritten gegen Paderborn (0:1), bei den Bayern (1:6) und gegen Mainz (0:5) um die Bundesligazugehörigkeit fürchten, die bislang nur von einer Abstiegssaison (1979/80) unterbrochen wurde. Damals war die Rückversetzung in die zweite Bundesliga Nord ein Segen, um unter Otto Rehhagel eine Erfolgsära einzuläuten. Vier Jahrzehnte später wäre das wegen der gewaltigen Einbußen bei den Einnahmen unmöglich.

Beide Traditionsvereine streben mit unterschiedlicher Herangehensweise nach dem Ligaerhalt. Es schält sich ein unterschiedlicher Umgang mit der Krise heraus - ohne dass sich daraus gleich ein Königsweg ableiten ließe. Der notorisch unruhige 1. FC Köln hat bereits die sportliche Leitung getauscht: Die Inthronisierung des im Abstiegskampf mit der TSG Hoffenheim und dem Hamburger SV sehr erfahrenen Gisdol und des neuen Sportdirektors Horst Heldt war insofern eine Befreiung, weil beiden die fehlerhafte Kaderplanung des Sommers nicht angelastet werden konnte.

Kohfeldt: "Jetzt ist nicht die Zeit, alle in den Arm zu nehmen" Sportschau 19.12.2019 00:54 Min. Verfügbar bis 19.12.2020 Das Erste

Der für seine Kontinuität bekannte SV Werder weigert sich, bei Trainer und Manager Tabula rasa zu machen. Noch zweifelt Aufsichtsratschef Marco Bode nicht an den tief im Verein verwurzelten Florian Kohfeldt und Frank Baumann, obwohl beide sich in der Leistungsstärke des Kaders mächtig getäuscht, die Ziele zu hoch gesteckt, den Verlust von Max Kruse kleingeredet und die Lage lange schöngefärbt haben. Baumann scheint sogar sein Schicksal an Kohfeldt zu knüpfen, so überzeugt ist er von dem bis 2023 gebundenen Fußballlehrer.

Gisdol setzt auf unverbrauchte Kräfte

Ismael Jakobs vom 1. FC Köln feiert zusammen mit Noah Katterbach den Sieg der Kölner gegen Eintracht Frankfurt

Zwei der jungen Wilden des 1. FC Köln feiern: Ismail Jakobs und Noah Katterbach.

Unterschiedlich gehen beide Trainer mit den Spielern um. Spötter behaupten in Köln, die Ersatzbank sei unter Gisdol prominenter besetzt als die Startelf. Anthony Modeste, Simon Terodde oder Marco Höger sind nur noch Ersatz. Dafür standen zuletzt Jan Thielmann (17), Noah Katterbach (18), Ismail Jakobs (20) und Sebastiaan Bornauw (20) auf dem Rasen.

"Die Jungen bringen frisches Blut", sagt der Coach, der zwar betont, dass es auf die richtige Mischung ankomme, aber damit den Konkurrenzkampf schürt. Das Kölner Nachwuchsleistungszentrum hat jahrelang gute Arbeit gemacht, was der 50-Jährige nutzt, um seinen schon in Hoffenheim angewendeten Überzeugungen zu folgen: Der gebürtige Schwabe hatte 2016 den erst 17-jährigen Niklas Süle in der Endphase und in den Relegationsspielen eingesetzt. Jetzt wiederholt sich das Vertrauen in die Jugend: Kölns Startelf war zuletzt fast drei Jahre jünger als die Bremer.

Köln hat die jüngere Elf als Bremen

Bei Werder liefert der Nachwuchs nicht so viel Nachschub. Und: Der in der Vorsaison bereits zur A-Nationalmannschaft berufene Maximilian Eggestein steckt im Formtief, der bei der U21 zum Kapitän ernannte Johannes Eggestein stagniert in seiner Entwicklung. Prominentestes Opfer dürfte in Bremen vorläufig Nuri Sahin (31) werden, der Kohfeldts Ansprüche nach mehr "Tempo und Körperlichkeit" am allerwenigsten erfüllt.

Vertreter Philipp Bargfrede (30) zählt allerdings zu den verletzungsanfälligsten Spielern der Liga. Ein Überraschungsgast könnte Youngster Nick Woltemade aus der eigenen U19 werden: Der 17-Jährige ist allein wegen seiner 1,98 Meter schon eine auffällige Figur. Vielleicht geht der kämpferische Coach auch mit dem schnellen Comeback des lange verletzten Fin Bartels (32) ins Risiko, der bei seinen Kurzeinsätzen schon gute Anlagen zeigte. Der mit der ersten richtigen Delle im Profibereich konfrontierte Kohfeldt will übrigens auch weg vom Ballbesitz- und Kombinationsfußball, der an der Weser ohnehin mit den vielen Verletzten zu Saisonbeginn kaum funktionierte.

"Wir werden uns jetzt nicht hinten reinstellen. Aber wir werden darauf eingehen, was uns in den letzten Wochen Probleme bereitet hat", erklärt der 37-Jährige. Und wenn der Zweck alle Mittel heiligt. Gisdol setzt auch hier auf den Gegenentwurf: "Ich schaue nicht auf die Tabelle. Mir ist wichtig, dass wir vernünftig Fußball spielen."

Stand: 20.12.2019, 12:24

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