Bundesliga: Gleiches Geld für alle?

TV-Kamera in München

Verteilung der Fernsehgelder

Bundesliga: Gleiches Geld für alle?

Von Frank Hellmann

Nach Thomas Röttgermann (Fortuna Düsseldorf) setzt sich auch Jan Lehmann (1. FSV Mainz 05) dafür ein, die Fernsehgelder ab der Saison 2021/2022 komplett gleich zu verteilen. Die kleinen und mittelständischen Klubs haben eine Strategie entwickelt, die in Corona-Zeiten keine so schlechten Erfolgsaussichten besitzt.

Es dauert noch eine ganze Weile, bis in der Bundesliga der Ball rollt. Startschuss ist erst das dritte September-Wochenende, aber hinter den Kulissen hat längst ein Spiel begonnen, dass für den durch die Corona-Krise zu wirtschaftlichen Einschnitten gezwungenen Profifußball enorm wichtig erscheint: Wie werden künftig die leicht absinkenden Fernsehgelder verteilt?

Als Christian Seifert den neuen Vierjahresvertrag ab der Saison 2021/2022 mit einem Gesamtvolumen von 4,4 Milliarden Euro präsentierte, ahnte der Vorsitzende der DFL-Geschäftsführung schon, dass die "Debatte um die Geldverteilung mindestens so intensiv wie die über die Auktion" werde. Öffentlichkeitswirksam wird jetzt mit Vehemenz ein komplett anderes Verteilungsmodell verlangt: gleiches Geld für alle nämlich.

Prinzipienwechsel angeregt

So argumentieren gleichlautend die Vorstände Thomas Röttgermann (Fortuna Düsseldorf) und Jan Lehmann (1. FSV Mainz 05). Zwei Finanzfachleute, von denen der eine aus der Sportvermarktung kommt (Röttgermann), der andere selbst bei der DFL an der Rechteausschreibung mitgearbeitet hat (Lehmann), plädieren für eine andere Verteilung der TV-Gelder.

Düsseldorfs Vorstandsvorsitzender Röttgermann möchte über einen "grundsätzlichen Prinzipienwechsel" reden. Der 59-Jährige wünscht sich eine Gleichverteilung als "einfache und gute Lösung", weil die Fernsehgelder nicht die Leistung der Klubs honorieren sollen, "sondern die Attraktivität einer Liga". Diese aber leidet, wenn die Budgets so gewaltig voneinander abweichen. Die Medienerlöse bilden dabei für fast alle Vereine die wichtigste Einnahmesäule.

Es braucht wieder sportlichen Wettbewerb

Finanzvorstand beim FSV Mainz 05: Jan Lehmann

Finanzvorstand beim FSV Mainz 05: Jan Lehmann

Auch der Mainzer Finanzvorstand Lehmann will den Automatismus der immer weiter auseinanderdriftenden Fernsehgelder zwingend stoppen. "Wir wollen wieder mehr sportlichen als wirtschaftlichen Wettbewerb", sagt der 49-Jährige im Gespräch mit der Sportschau. Nächste Saison werden nach Berechnungen des Fachmagazins "Kicker" der FC Bayern aus der nationalen Vermarktung mehr als 70 Millionen Euro, Aufsteiger Arminia Bielefeld knapp 30 Millionen bekommen.

Lehmann weist darauf hin, unbedingt Gelder aus der internationalen Vermarktung dazuzurechnen, die von der DFL vorrangig an die Europapokalteilnehmer ausgeschüttet werden: Dann betrage das Verhältnis zwischen dem Tabellen-18. und dem Meister nicht 1:2, sondern sogar 1:4. Aus seiner Sicht ergibt das derzeit über ein Vier-Säulen-Modell angewandte Leistungsprinzip für den deutschen Profifußball gar keinen Sinn mehr.

Lehmann: Europäische Wettbewerbe zerstören nationale Ligen

Denn in jüngerer Vergangenheit hätten die opulenten Ausschüttungen der UEFA für die Champions-League-Vertreter massiv in den nationalen Wettbewerb eingegriffen. Mit der Folge, dass in ganz Europa fast immer dieselben Klubs den finanziellen Rahm abschöpfen. Ein Teufelskreis, der die nationalen Wettbewerbe zerstört, wie Lehmann findet. Er beruft sich auf mehrere Studien, die nachweisen, dass sportlicher Erfolg "in ganz großen Teilen auf dem eingesetzten Geld beruht".

So fanden die Autoren Stefan Legge von der Universität St. Gallen und Steffen Löhr von der Universität Duisburg-Essen in einer gemeinsamen Untersuchung vor einem Jahr zwei Fakten heraus: eine zunehmende finanzielle Ungleichheit zwischen europäischen Fußballklubs und ein enges Verhältnis zwischen Finanzen und Leistung der Klubs. "Es ist die Kombination der beiden Tatsachen, die in dem Sinne problematisch sein kann, dass sie zu einer Konzentration des Erfolgs führen kann."

Röttgermann: Dann können bald alle Modelle in die Tonne

Röttgermann warnte gegenüber dem WDR-Hörfunk davor, "den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen." Es herrsche keine Spannung mehr in der Liga. Bayern München und Borussia Dortmund hätten aufgrund "der großen Beträge, die sie bekommen" Planungssicherheit, "aber der Sport, die Unwägbarkeit der sportlichen Auseinandersetzung muss gewahrt bleiben. Wenn wir das nicht tun, vergraulen wir die Menschen, die sich das ansehen. Dann können wir alle Modelle, die wir jetzt haben, in die Tonne kloppen."

Die Kritik an den betonierten Zuständen in der Bundesliga habe sich durch die Auswirkungen der Pandemie verstärkt, deshalb müsse an die Konsequenzen gedacht werden, wenn man bald nichts ändere. Es könne doch nicht sein, so der Fortuna-Boss, dass in zehn Jahren der FC Bayern seine 18. Meisterschaft in Folge feiere.

Große Ligen als Monokulturen

Der einfachste Beleg findet sich gerade wieder in den Abschlusstabellen: Vier der fünf europäischen Top-Ligen sind tatsächlich längst zu Monokulturen verkommen, in der immer dieselben Klubs Meister werden: Der FC Bayern (Deutschland), Juventus Turin (Italien), Paris St. Germain (Frankreich) und Real Madrid oder FC Barcelona (Spanien).

Nur England macht bei dieser Eintönigkeit nicht mit. Die Frage muss erlaubt sein, ob der FC Bayern mit seiner achten Meisterschaft in Folge vergangene Saison wirklich mehr geleistet hat als der SC Freiburg, der mit einem Bruchteil des Budgets Achter geworden ist?

Drei Regionalkonferenzen anberaumt

Solche Gedanken sollen die Vereinsvertreter nun von Angesicht zu Angesicht auf drei Regionalkonferenzen vortragen, wenn über den Verteilerschlüssel erstmals beratschlagt wird. Die Termine dazu stehen noch nicht fest: Erst Ende des Jahres soll ein Beschluss gefasst werden, den die Mehrheit der 36 Lizenzvereine trägt. Die Entscheidung trifft das neunköpfige DFL-Präsidium, in dem sich die Machtverhältnisse inzwischen verschoben haben.

Seifert: "Wünsche mir Diskussionen mit Anstand und Weitblick" Sportschau 23.06.2020 00:56 Min. Verfügbar bis 23.06.2021 Das Erste

Fünf der sieben Klubvertreter vertreten die Interessen des Mittelstandes, der kleineren Vereine inklusive zweiter Liga: namentlich Alexander Wehrle (1. FC Köln), Oliver Leki (SC Freiburg), Steffen Schneekloth (Holstein Kiel), Rüdiger Fritsch (SV Darmstadt 98) und Oke Göttlich (FC St. Pauli). Auffällig, dass sich das Quintett gerade zum Thema zurückhält, aber Göttlich hat beispielsweise schon vor Beginn der Pandemie wiederholt ein radikales Umdenken angeregt.

Extreme Forderung kommt nicht durch

Die Gleichverteilung aller Medienerlöse ist eine Extremforderung, die bei realistischer Betrachtung keine Chance auf Durchsetzung hat. Aber wenn als Kompromiss ein fixer Sockelbetrag - wie übrigens in der englischen Premier League praktiziert - herauskäme, sodass 50 Prozent aller TV-Gelder unabhängig von Tabellenplätzen ausgeschüttet würden, wäre schon viel gewonnen. Bundesligisten wie der FC Augsburg oder Werder Bremen unterstützen diesen Ansatz.

Schafft es eine Mehrheit, das Rad gegen den Widerstand der Großen zurückzudrehen? Unter dem Gleichheitsprinzip wurde bis Ende der 90er Jahre das Fernsehgeld verteilt, als die wenigsten Bundesligaprofis eine Millionengage kassierten. 255 Millionen Mark betrug der gesamte Rechtepreis in der Saison 1998/99. Rund zehn Millionen Mark kassierte jeder Erstligist, die Zweitligisten bekamen etwa die Hälfte.

In den 90er Jahren gab es fünf verschiedene Meister

Die Rückkehr zu dem Status quo aus dieser Epoche hätte schon deswegen enormen symbolischen Wert, weil sich zwischen 1990 und 1999 tatsächlich fünf Vereine (FC Bayern, Borussia Dortmund, 1. FC Kaiserslautern, VfB Stuttgart, Werder Bremen) bei der Schalenvergabe abwechselten. Vier Mal jubelte damals der FC Bayern, aber zwei Mal funkte noch der Underdog aus Kaiserslautern dazwischen.

Seit 2013 ist die Liga von der Langeweile an der Spitze infiziert. Die Pandemie hat ihr das Versprechen abgerungen, mehr für ein nachhaltigeres Wirtschaften zu tun. Unter dieser Prämisse gleich auch mehr Gerechtigkeit bei der wichtigsten Einnahmequelle walten zu lassen, wäre eigentlich kein schlechtes Signal.

Stand: 28.07.2020, 13:39

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