Werder Bremen: Radau auf den Rängen

Ersatzbank von Werder Bremen

Funktionsteam spielt Fankurve

Werder Bremen: Radau auf den Rängen

Von Frank Hellmann

Die schlechteste Abwehr, aber die lauteste Bank der Liga: Der SV Werder ersetzt die Fankurve durch die organisierte Unterstützung im Begleittross. Und das Bremer Beispiel scheint Schule zu machen.

Einer der lautesten Fans der Bundesliga-Geschichte war "Manolo". Der Gastarbeiter Ethem Özerenler, so sein richtiger Name, tauchte Ende der 70er Jahre erstmals bei Borussia Mönchengladbach mit einer Trommel im Stadion auf, irgendwann wurde der "Trommler vom Bökelberg" zur Legende.

Es ist noch nicht sicher, ob Adis Lovic von Werder Bremen denselben Status erreicht. Aber der Gummihammer und der Metallkoffer des Physiotherapeuten sind im Geisterspiel-Betrieb ein neues Erkennungsmerkmal. Denn bei der Saisonfortsetzung ohne Publikum ist der offiziell als Dopingbeauftragte geführte Lovic noch besser zu hören als der 2008 verstorbene "Manolo".

Beachtliche Phonstärke

Der lärmende Masseur gibt im verwaisten Weserstadion einen verkappten Capo, wie die Vorsänger der Ultras heißen. Einpeitscher für das 20-köpfige Funktionsteam und die neun Reservisten, die auf den Rängen richtig Radau machen. Mönchengladbach oder Frankfurt bei ihren Gastspielen, Freiburg oder Schalke als Gastgeber: Sie alle waren durchaus beeindruckt, mit welchem Korpsgeist und vor allem welcher Phonstärke die grün-weiße Delegation die Geräuschkulisse dominierte.

Beim Nachholspiel gegen Frankfurt (0:3) am vergangenen Mittwoch ordneten sich der Mannschaftsverantwortliche Tim Barten oder der Medienverantwortliche Norman Ibenthal zwar dem Hygienekonzept entsprechend immer mit einigen freien Sitzen Abstand an, bildeten mit den Reservisten aber ganz bewusst einen Mini-Block auf der Südtribüne. Die Ersatz-Ostkurve sozusagen.

Bremens Gegner fast verdutzt

"Weiter so! Come on!" schrie Ersatztorwart Stefanos Kapinos unentwegt aufs Feld, derweil Auswechselspieler Philipp Bargfrede ständig mit den Handflächen gegen die Sitzschalen-Lehnen haute. Der Rest schrie sich die Seele aus dem Leib. Auch die Physiotherapeutin Laura Kersting oder Athletiktrainer Günther Stoxreiter beteiligten sich. 70, 80 Meter weiter schauten die Eintracht-Auswechselspieler recht verdutzt herüber. Das hatten sie im Geisterspiel-Betrieb weder gesehen noch gehört.

Hütter: "Emotionen gehören dazu, aber es gibt auch Grenzen" Sportschau 05.06.2020 00:49 Min. Verfügbar bis 05.06.2021 Das Erste

Auch Cheftrainer Florian Kohfeldt war mit seiner durchdringenden Stimme für viele Dezibel gut. "Ganz andersrum, das Foul! Zum vierten Mal!" schrie der 37-Jährige einmal in Richtung des Vierten Offiziellen. Die Unruhe aus der Coachingzone störte irgendwann den Gegner: Nachdem sich der Bremer Torwarttrainer Christian Vander und der Frankfurter Sportdirektor Bruno Hübner in die Haare bekamen, wurde es Adi Hütter zu viel. Die Bremer sollten sich nicht so sehr "aufmüpfen", klagte der Eintracht-Cheftrainer öffentlich: "Jeder kämpft für seine Mannschaft, trotzdem muss ich nicht bei jeder Entscheidung aufspringen." Er forderte Respekt ein - und wünschte sich mehr Zurückhaltung.

"Alle komplett engagiert"

Doch daran denken die Bremer als Vorletzter vor dem nächsten Abstiegs-Endspiel gegen den VfL Wolfsburg (Sonntag 13.30 Uhr) gar nicht. "Natürlich ist das ein wichtiger Schlüssel, dass wir alle zusammenstehen; dass vom Zeugwart bis zum Cheftrainer alle komplett engagiert sind - das Wichtigste sind allerdings die Spieler, dass diese den Geist beibehalten", erklärte Kohfeldt. Werder mag die meisten Gegentore aufweisen, hat aber die lauteste Bank der Liga. Ob's im Überlebenskampf noch hilft?

Trainerbank Werder

Lautstarker Trainer: Florian Kohfeldt.

Die Idee entstand nach dem verpatzten Re-Start gegen Bayer Leverkusen (1:4), als sich inklusive Begleitteam alle leblos in die Niederlage fügten. Bereits in Freiburg (1:0) war der Schulterschluss zur Wiederbelebung deutlich hörbar, beim Heimspiel gegen Mönchengladbach (0:0) noch mehr. Es sei zwar keine Anweisung gewesen, dass "jetzt alle eine Kutte umlegen und raus auf die Tribüne gehen, aber das Ziel war", erklärte Kohfeldt, "mit allen, die dieser Gruppe angehören, Leben reinzubringen - wenn sonst schon keiner da ist.“ Nach dem Auswärtssieg auf Schalke (1:0) wurde beim Verlierer sogar explizit thematisiert, wie der Gast mit einfachsten Mitteln eine Heimatmosphäre erzeugte.

In Mainz macht auch die Pressesprecherin mit

Das Bremer Beispiel macht durchaus Schule. Beim 1. FSV Mainz 05 gingen alle aufgeführten Verantwortlichen zuletzt ähnlich vor: Pressesprecherin Silke Bannick wechselte kurz vor Anpfiff des Heimspiels gegen die TSG Hoffenheim (0:1) extra von den Presseplätzen der Haupttribüne in den Bereich hinter der Ersatzbank, um ihre Mannschaft mit viel Geklatsche anzufeuern.

Es fällt auf, dass vor allem die abstiegsgefährdeten Teams sich dieser Methodik bedienen. Auch beim SC Paderborn wird der Teamgeist großgeschrieben, die bedingungslose interne Unterstützung gehört nicht erst seit der Corona-Krise ins Standardrepertoire. "Wir wollen über unsere einmalige Teamchemie kommen", sagt Torjäger Dennis Sbreny.

Von außen kommt sonst nichts

Die Anhänger können ihre Klubs nicht mehr zum Klassenerhalt brüllen. Nach unzweideutigen Statements der Fangruppierungen hatten die Bundesligisten sich darauf verständigt, auf jedwede akustische Unterstützung über eingespielte Fangesänge aus den Lautsprechern oder gar einer Fan-App zu verzichten.

Für viele Ultras ist schlimm genug, dass Fernsehanbieter optional die Stadionatmosphäre als Tonspur unterlegen. Vor Ort bleibt gar nichts anderes übrig, als dass die wenigen Zutrittsberechtigten eines Vereins jetzt eben irgendwie die Fanfunktion übernehmen. So gut es in der Kleingruppe geht. Damit sich niemand vorwirft, bei einem möglichen Abstieg nicht wirklich alles gegeben zu haben.

Stand: 05.06.2020, 12:51

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