Bundesliga-Relegation als Duell der Gegensätze

Relegation

Werder Bremen erwartet den 1. FC Heidenheim

Bundesliga-Relegation als Duell der Gegensätze

Von Frank Hellmann

Im Jahre 2009, als die Relegation wieder eingeführt wurde, war die Favoritenrolle nicht so leicht zu klären. Energie Cottbus ging als Drittletzter aus dem Oberhaus in diese Spiele, der 1. FC Nürnberg kam als Dritter aus dem Unterhaus.

Die meisten erwarteten tatsächlich ein Duell auf Augenhöhe, zwei Vereine mit gleichen Voraussetzungen. Heraus kam unter dem Strich ein klares 5:0. Für den Zweitligisten aus dem Frankenland, der gegen die Lausitzer gleich zweimal (2:0, 3:0) reüssierte.

Elf Jahre später ist alles anders. Für die anstehenden Relegationsspiele von Werder Bremen gegen den 1. FC Heidenheim (Donnerstag 20.30 Uhr/ Rückspiel Montag 20.30 Uhr) könnten die Startbedingungen unterschiedlicher kaum sein. Die Außenseiterrolle kann ob der wirtschaftlichen Kennziffern und strukturellen Gegebenheiten allein der Zweitligist beanspruchen.

Krasse Unterschiede in den Kennzahlen

Und so unterschiedlich die Mundarten in den 630 Kilometer voneinander getrennten Standorten sind, stellt sich auch die sportliche Ausgangslage dar: Der Goliath kommt von der Weser, der David von der schwäbischen Ostalb. Die Gegensätze wirken noch krasser als bei der letztjährigen Relegation zwischen VfB Stuttgart und Union Berlin, als den "Eisernen" die Überraschung gelang. Zuvor hatten sich seit 2009 neben dem 1. FC Nürnberg nur noch Fortuna Düsseldorf (2012 gegen Hertha BSC) als Zweitligist durchgesetzt.

Finanz-Vergleich zwischen Werder Bremen und Heidenheim

Finanz-Vergleich zwischen Bremen und Heidenheim (Quelle: DFL-Finanzkennzahlen in Mio. €)

Der Kader des Bundesliga-Drittletzten hat einen Marktwert von knapp 134 Millionen Euro, das Aufgebot des Zweitliga-Dritten steht bei nicht mal 19 Millionen. Werders bester Spieler Milot Rashica ist 13 Mal so viel wert wie Heidenheims teuerster Profi Tim Kleindienst. Die Heidenheimer Oliver Hüsing, Norman Theuerkauf, Marnon Busch und Patrick Mainka waren alle mal bei Werder, nur keiner jemals Bundesliga-Stammspieler.

Bundesliga ist gar nicht das Ziel in Heidenheim

Krass ist jetzt das Gefälle bei den Budgetzahlen: Bremen hat mit 152 Millionen Euro Umsatz (Saison 2018/2019) operiert, einen Personalaufwand (für alle Angestellten) von 71 Millionen betrieben. Heidenheim stand bei knapp 40 Millionen Umsatz, das Personal bekam 15 Millionen.

Ordentlich fürs Unterhaus, aber gerade erst hat Vorstandschef Holger Sanwald in der "FAZ" gesagt: "Die Zielsetzung erste Bundesliga kann es in Heidenheim nicht geben, dafür sind wir nicht aufgestellt." Für ihn sei es schon ein Traum, ans Tor zur Bundesliga zu klopfen, so hörbar wie nie, "aber das ist kein Ziel, auf das wir ständig hinarbeiten".

Stadtstaat gegen Kreisstadt

Wer einmal die beschauliche Kreisstadt Heidenheim mit rund 50.000 Einwohnern und dem nur 15.000 Zuschauer fassenden Stadion besucht hat, kann nur bestätigen: Das Städtchen an der Brenz unweit der A7, noch 33 Kilometer von Ulm entfernt, gilt vielen wie die Standorte Sandhausen oder Aue als Synonym für das provinzielle Ambiente der zweiten Liga. Gewiss nicht unsympathisch, aber nicht unbedingt für den Städtekampf im Oberhaus gemacht.

Während die stolze Hansestadt Bremen wegen ihres Hafens, der Amüsiermeile Schlachte, der Brauerei Becks oder dem Autobauer Mercedes und nicht zuletzt Sehenswürdigkeiten wie dem Roland, den Stadtmusikanten oder dem Schnoor-Viertel von Touristen aus aller Welt besucht wird, hat das kleine Heidenheim nicht ganz so viel zu bieten: Wahrzeichen ist das 1056 erbaute Schloss Hellenstein, das oberhalb der Stadt liegt.

Jeder für seine Liga gepolt

Bremen hingegen ist ungeachtet aller Standortnachteile gegenüber anderen Erstligisten immer noch ein eigenes Bundesland - und seit 56 Jahren mit einer einzigen Unterbrechung immer Bundesligist. Hier stehen die Trophäen von vier Meisterschaften, sechs Pokalsiegen und einem Europapokaltriumph in der Vitrine – dort gab es eine Drittliga-Meisterschaft 2014 zu feiern. Der eine Relegationsteilnehmer ist ganz auf die Bundesliga und der andere allein auf die zweite Liga gepolt.

Das drückt sich übrigens auch in den sozialen Medien aus: Werder hat rund 300.000 Abonnenten bei Instagram, Heidenheim bringt es auf 33.400 in der Gefolgschaft. Bei Twitter stehen mehr als 500.000 bei den Bremern nur knapp 33.000 auf Heidenheimer Seite gegenüber. Aber auch das spielt keine Rolle, wenn sich der Underdog in seine Rolle verbeißt, wie es Heidenheims Trainer-Urgestein Frank Schmidt ankündigt: "Wir gehen nicht in diese Spiele, um zu schauen, was passiert. Wir wollen die Sensation und wollen alles dafür probieren."

Bremens Boss warnt vor Abstieg

Bremens Vorstandschef Klaus Filbry bleibt wachsam wie sorgenvoll. Die "Kombination Abstiegskampf und Corona" sei die größte Herausforderung seiner Amtszeit gewesen, gab der Geschäftsführer im NDR-Sportclub zu. Die Fehlbeträge für den Abstiegsfall sind vom Finanzfachmann klar beziffert worden: 30 Millionen weniger TV-Geld, 30 bis 45 Prozent weniger von Sponsoren, ungewisse Ticketeinnahmen. Selbst bei einem Ligaverbleib würden übrigens acht Millionen bei den Medienerlösen fehlen. In der zweiten Liga sehen die Arbeitsverträge bereits verankerte Abschläge zwischen 30 und 50 Prozent vor.

Die Kostenstruktur muss ein Verein, der demnächst einen zweistelligen Millionenkredit beansprucht, so oder so anpassen. Filbry verspricht: "Wir sind durchfinanziert bis September/Oktober. Wir werden das schaffen." Zuerst verlangt der Klubchef, "die zwei Matchbälle" zu verwandeln. Das 4:1 im DFB-Pokal im Herbst vergangenen Jahres kann aus verschiedenen Gründen kein Gradmesser sein, auch wenn die damals gezeigte Spielfreude offenbar zurückgekehrt ist, wie das 6:1 gegen den 1. FC Köln belegte. Doch zwischen diesen beiden Partien lagen reihenweise Bremer Auftritte, die wie eine Bewerbung für die Rückversetzung in die natürliche Heidenheim-Heimat aussahen.

Stand: 30.06.2020, 12:27

1. FC Heidenheim in den Medien

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