Fans sind bei der DFL misstrauisch

Zuschauer

Zulassung von Zuschauern

Fans sind bei der DFL misstrauisch

Von Frank Hellmann

Der DFL-Vorschlag für eine Fan-Rückkehr wird von den Fan-Vertretern skeptisch betrachtet. Sie möchten eine Garantie, dass Stehplatz- und Alkoholverbot, personalisierte Tickets und das Gästefanverbot eine Ausnahme bleiben.

Thomas Kessen hat das Szenario schon durchgespielt. Der Anhänger des VfL Osnabrück würde liebend gerne bald wieder ein Heimspiel des Zweitligisten an der Bremer Brücke besuchen: "Um mir persönlich vor Ort ein Bild zu machen und endlich wieder ein Fußballspiel zu sehen."

Gleichwohl glaubt der Beisitzer aus dem Vorstand der Fanvereinigung "Unsere Kurve" nicht, dass er sich mit den avisierten Rahmenbedingungen zur neuen Saison für einen längeren Zeitraum anfreunden kann. Dafür sind die Einschränkungen durch das am Dienstag auf der virtuellen Mitgliederversammlung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zur Abstimmung stehende Konzept zu erheblich; dafür schränkt der neue Leitfaden das gewachsene Fußballerlebnis zu sehr ein.

Stehplatz- und Alkoholverbot mindestens bis zum 31. Oktober, personalisierte Tickets und keine Gästefans - damit  werden vorübergehend jene englischen Verhältnisse erschaffen, gegen die deutsche Fanorganisationen bislang erfolgreich angekämpft haben. Das erschüttert sozusagen die "Grundrechte" einer Kurve im Kern.


Eher Theater als Stadion

Kessen ist bewusst, dass es in der Pandemielage "zwischen dem Gesundheitsschutz und der Fankultur einen nicht auflösbaren Widerspruch gibt". Trotzdem besteht bei dem 31 Jahre alten VfL-Anhänger - ob begründet oder nicht - die Befürchtung, dass "es unter dem  Corona-Deckmantel zu Regularien kommt, die sich später nicht zurücknehmen lassen". Und manche Planspiele sorgen nur für Kopfschütteln. "Wenn jegliches Singen, Schreien und Rufen verboten ist, wird aus dem Fußballspiel eher eine Theaterveranstaltung", sagte Vorstandskollege Jost Peter der "Augsburger Allgemeinen".

Fan-Vertreter: "Diese Atmosphäre wird sehr eigen sein"

Sportschau 29.07.2020 05:29 Min. Verfügbar bis 29.07.2021 ARD Von Sara Schwedmann

Die vor 15 Jahren gegründete Interessensgemeinschaft "Unsere Kurve" vertritt 21 Fanorganisationen mit einer sechsstelligen Zahl aktiver Fans, die über die AG Fankulturen mit DFL und DFB im Dialog stehen - wenn jetzt ein Klima des Misstrauens entsteht, wäre das der weiteren Verständigung zu wichtigen Kernthemen nicht dienlich. "Fans und Fan-Vertretungen müssen zwingend bei allen Prozessen um die Wiederzulassung von Publikum eingebunden sein", hieß es bereits in einem am Montag veröffentlichten Positionspapier, ehe sich am Tag darauf die DFL äußerte. Das wichtigste Fanbündnis hatte das Recht auf Mitsprache, Zulassung von Gäste-Anhängern, keine Ungleichbehandlung, strengen Datenschutz und verbindliche Zusagen verlangt. So geht es bei diesem sensiblen Thema auch mal wieder um die Deutungshoheit.

Ein weiterer heikler Punkt ist der Datenschutz. Zur Abstimmung am Dienstag steht schließlich auch, ob sich die Vereine zur Nachverfolgung möglicher Infektionsketten verpflichten wollen. Im Klartext geht es dabei um personalisierte Tickets - die den organisierten Anhängern ein Dorn im Auge sind. "Vereine und Verbände müssen sicherstellen, dass keine Weitergabe von erfassten Daten an die Sicherheitsbehörden erfolgt", erklärte "Unsere Kurve": "Neue Technologien der Überwachung dürfen nicht durch die Hintertür des Gesundheitsschutzes eingeführt werden."

Garantie in den Ticketbedingungen

Kessen fordert, dass alle von der DFL zur neuen Spielzeit eingeführten Punkte explizit nur für die Corona-Krise gelten "und dies beispielsweise in den Ticketbedingungen auch hinterlegt wird". Wie letztlich jeder Fan vor Ort mit den neuen Gegebenheiten umgeht, sei die persönliche Sache jedes einzelnen. "Wir raten bestimmt nicht vom Stadionbesuch ab. Das steht uns gar nicht zu." Laut Peter würden viele der organisierten Anhänger ohnehin weiter zu Hause bleiben. Denn: "Ein Ausleben eines Fan-Daseins ist unter Corona-Bedingungen gar nicht möglich." Aber was ist die Alternative?

Ausverkaufte Arenen bleiben auf absehbare Zeit wohl Wunschvorstellung. Ergo müssen Kompromisse zur Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln her, was wiederum stark von den örtlichen Gegebenheiten abhängt. Ein vertracktes Thema, bei dem sich die DFL um praktikable Lösungen bemüht, die dann im wichtigsten Schritt noch von den Behörden abgesegnet werden müssen. Daher scheint fraglich, ob es mit dem Saisonstart ein einheitliches Vorgehen für alle 36 Klubs der beiden Bundesligen gibt.

Bedenken vom Virologen

Der Dresdner Virologe Alexander Dalpke sieht die meisten von der DFL geplanten Maßnahmen positiv, steht einer Rückkehr von Zuschauern in die Stadien aber weiter skeptisch gegenüber. "Es wird auch in Stadien Übertragungen geben, das wird nicht zu verhindern sein. Um Infektionen komplett auszuschließen, müsste man Spiele mit Zuschauern weiter verbieten", sagte Dalpke der Deutschen Presse-Agentur. Er sehe das Risiko dahingehend, dass "Sportereignisse emotionale Veranstaltungen sind. Die Leute werden nicht ruhig auf ihren Plätzen sitzen bleiben und schweigen. In dem Moment, wo geschrien wird, werden Tröpfchen und Aerosole produziert und freigesetzt".

Fan-Vertreter Thomas Kessen: Maßnahmen "halten wir für Quatsch"

Sportschau 29.07.2020 02:11 Min. Verfügbar bis 29.07.2021 ARD Von Alexander Lorenz

Der Leiter des Instituts für Virologie, medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Technischen Universität (TU) Dresden sieht eine schwierige Entscheidung: "Letztendlich ist es eine Risikoabwägung, die eher politisch als virologisch begründet sein kann. Rechtsgüter wie der Infektionsschutz des Einzelnen müssen gegen andere wichtigen Dinge des gesellschaftlichen Zusammenlebens abgewogen werden. Sportgroßveranstaltungen spielen eine wichtige soziale Rolle."

Michael Gabriel begrüßt das Konzept

Michael Gabriel von der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) hält das vorgelegte Konzept für "durchdacht und unterstützenswert", sieht aber zwei Herausforderungen: zum einen die Verteilung der Tickets ("sie muss gerecht und transparent erfolgen") und den Verzicht auf Auswärtsfans, die auch für die DFL "einen wichtigen Bestandteil der deutschen Fußballkultur ausmachen". Sonst wäre in der Spielordnung kaum verankert, dass dem Gastverein ein Ticketkontingent von mindestens zehn Prozent der Stadionkapazität zusteht.

Dieser Anteil muss nach Gabriels Ansicht nicht auf null runtergefahren werden. "Ich hielte es für verantwortbar und überlegenswert, eine begrenzte Zahl von Auswärtsfans unter bestimmten Voraussetzungen zuzulassen", sagt der Fanexperte, der darauf verweist, dass dieses Verfahren womöglich bei dem einen oder anderen Verein in der Regionalliga zur Anwendung kommt. Gabriel würde sich auch eine Diskussion darüber wünschen, ob alle Stehplatzbereiche kategorisch geschlossen werden müssen. "Für einen Verein wie Union Berlin, der in überwiegender Zahl Stehplätze anbietet, wäre die Umrüstung mit großem Aufwand verbunden."

Ihm sei bewusst, dass dann womöglich mehr Ordnungspersonal eingesetzt werden müsse, doch warum sollte den Anhängern nicht "ein hohes Maß an Eigenverantwortung überlassen werden"? Denn: "Die Fans haben sich seit dem Restart in überwiegender Mehrzahl sehr verantwortungsvoll verhalten und sind sich der Besonderheit der Situation durchaus bewusst."

mit dpa/sid | Stand: 29.07.2020, 13:08

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