Auswärtstorregel - oft entscheidend, hart umstritten

Der Auswärtstorregel sei Dank: Jubel beim SV Wehen Wiesbaden

Relegation

Auswärtstorregel - oft entscheidend, hart umstritten

Von Chaled Nahar

Beide Relegationsrunden sind durch Auswärtstore entschieden worden. Schon oft wurde über die Regel gestritten - auf europäischer Ebene könnte ihr bald das Ende bevorstehen.

Nach den beiden Relegationsspielen zwischen Union Berlin und dem VfB Stuttgart stand es 2:2, nach den Partien zwischen dem FC Ingolstadt und dem SV Wehen Wiesbaden 4:4 - und trotzdem feierte hinterher ein "Sieger". Auswärtstore sind beim Prinzip aus Hin- und Rückspiel in vielen Wettbewerben mehr wert, so will es die Regel. Sie entscheiden bei einem Unentschieden darüber, wer sich durchsetzt. Doch die Zweifel an der Regel werden immer größer.

Aus der Urzeit des Fußballs

1965 führte die UEFA die Auswärtstorregel im Europapokal ein. Auswärtsmannschaften sollten zum Offensivspiel animiert und der Nachteil der damals beschwerlichen Anreisen ausgeglichen werden. Früher hatten die Teams zudem unterschiedliche Bälle, auch die Plätze waren nicht genormt. Das wertvollere Auswärtstor sollte das ausgleichen.

All diese Dinge stammen jedoch aus der Urzeit des Fußballs und haben mit der heutigen Realität nicht mehr viel zu tun. "Der Fußball hat sich verändert", sagte Arsène Wenger schon 2015. Der frühere Trainer des FC Arsenal ist seit langem ein Gegner der Regel. "Die Gewichtung des Auswärtstors ist für die heutige Zeit zu groß", sagte er damals.

Europas Spitzentrainer fordern die Abschaffung

Arsenals früherer Trainer Arsène Wenger

Arsenals früherer Trainer Arsène Wenger

Und mittlerweile teilen andere Spitzentrainer Wengers Ansicht. Im September bat die UEFA zahlreiche Trainer von Spitzenklubs zu einem Treffen. UEFA-Generalsekretär Giorgio Marchetti sprach mit Trainern wie Massimiliano Allegri, Carlo Ancelotti, José Mourinho und Thomas Tuchel.

Die Trainer baten "die UEFA darum, die Auswärtstorregel in europäischen Wettbewerben zu überdenken", hieß es in einer Mitteilung der UEFA. "Sie denken, dass das Erzielen von Auswärtstoren nicht mehr so schwierig ist wie in der Vergangenheit", sagte Marchetti.

Mehr Defensive der Heimteams?

Tatsächlich stellt sich in Europa wie in der deutschen Relegation gleichermaßen die Frage, warum ein Tor mehr zählt als das andere. Wenn es nach zwei Spielen 2:2 oder 4:4 steht, erscheint eine Verlängerung logischer als eine La Ola vor dem Fanblock. Die Regel raubt zudem vielen Rückspielen die Spannung: Wenn nach einem 0:0 im Hinspiel die Gastmannschaft in der Schlussphase des Rückspiels trifft, wird es für das Heimteam schnell aussichtslos.

Völlig unlogisch wurde es bei einem Halbfinale der Champions League 2002/03, als der AC Mailand auf Inter Mailand traf. Beide Spiele fanden im selben Stadion statt, Milan kam nach einem 0:0 und einem 1:1 dank des "Auswärtstores" weiter.

Schon Wenger kritisierte vor Jahren: Die Auswärtstorregel animiert Auswärtsteams weniger zum Offensivspiel, als dass sie vielmehr das Defensivspiel der Heimmannschaften verstärkt - aus deren Angst vor einem vorentscheidenden Tor der Gäste. Kommt es zu einer Verlängerung, profitiert eine Mannschaft zudem auch noch 30 Minuten länger von der Regel.

Union Berlin steigt auf und feiert Sportschau 28.05.2019 00:31 Min. Verfügbar bis 28.05.2020 Das Erste

Kompromissversuche wirken schwierig

Natürlich gibt es auch weiter Argumente für die Regel. Der Vorteil in der Verlängerung würde sich bei einer Abschaffung auf die Seite der Heimmannschaft verlagern, die in den entscheidenden Minuten den Heimvorteil hätte. Dieser existiert wohl, nimmt in seiner Bedeutung aber möglicherweise ab, wie die "Süddeutsche Zeitung" errechnet hat. Demnach sei in der Champions League in den vergangenen Jahren die Zahl der Heimtore gegenüber der Zahl der Auswärtstore gesunken. Der Heimvorteil könnte sich also abgeschwächt haben.

Einige Wettbewerbe versuchen es mit Kompromissen. In der CONCACAF-Champions-League ist die Auswärtstorregel beispielsweise in der Verlängerung aufgehoben. Im englischen Ligapokal 2018/19 wurde die Auswärtstorregel in der laufenden Saison nur angewendet, wenn es zu einer Verlängerung kam. Beim Resultat 2:0/1:3 ging es demnach in die Verlängerung. Es konnte aber sein, dass sich der Spielstand dort nicht änderte und dennoch kein Elfmeterschießen nötig wurde. Solche Konstrukte dürften sich aber kaum durchsetzen, verkomplizieren sie das Spiel doch deutlich.

Änderung wohl frühestens 2021

In mindestens einer Sitzung des UEFA-Exekutivkomitees stand das Thema schon auf der Tagesordnung - eine Abschaffung wäre aber wohl frühestens 2021 denkbar, dann beginnt der nächste "Drei-Jahres-Zyklus" der europäischen Klubwettbewerbe, für die meist ein einheitliches Reglement gilt. Der Europapokal ist der Leuchtturm für die Auswärtstorregel. Kippt die Regel dort, könnte bald auch in der Relegation gelten, dass man für einen Sieg auf jeden Fall ein Tor mehr schießen muss als der Gegner.

Stand: 29.05.2019, 11:51

Darstellung: