Augsburg gegen Bremen - Notretter gegen Optimist

Markus Weinzierl (l.) und Florian Kohfeldt

Bundesliga-Abstiegskampf

Augsburg gegen Bremen - Notretter gegen Optimist

Von Frank Hellmann

Der FC Augsburg und Werder Bremen beschreiten unterschiedliche Wege, um das Überleben in der Liga zu sichern. Die einen haben noch schnell Markus Weinzierl engagiert, die anderen setzen weiterhin auf Florian Kohfeldt.

Wer möchte, kann die jüngere Bundesliga-Geschichte des FC Augsburg als gutes Omen nehmen. Brenzlige Situation im Abstiegskampf sind für die bayrischen Schwaben nicht neu, sondern zählen seit dem Aufstieg 2011 im Grunde zum Alltag. Der jüngst zurückgeholte Trainer Markus Weinzierl kennt Situationen wie vor dem Abstiegsduell gegen Werder Bremen am Samstag (15.05.2021) zur Genüge.

In der Saison 2012/2013 glückte am letzten Spieltag durch ein 3:1-Heimsieg gegen Greuther Fürth der Sprung ans rettende Ufer. Und damit nicht genug: Eben gegen Werder Bremen feierte der 46-Jährige in jener Zittersaison seinen ersten Sieg als Bundesliga-Coach. Jetzt am vorletzten Spieltag ist die Ausgangslage ähnlich.

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Der Nothelfer hat Mut und Überzeugung zurückgebracht

Augsburg hat zwei Punkte mehr als Bremen auf dem Konto, ein Sieg würde das Ende aller Abstiegsängste bedeuten. "Wir haben keine Sorgen. Ich sehe das als Matchball", sagte Weinzierl, der wie so viele Kollegen den Seitenblick zur Konkurrenz sich ersparen möchte.  Auch wenn er sich selbst dabei erwische, manchmal "nach links und rechts" zu blicken: "In erster Linie schauen wir wirklich auf uns. Wenn wir gewinnen, dann können die anderen machen was sie wollen."

Die Konstellation: Gewinnt der FCA, dann kann er nicht mehr auf einen Abstiegsrang rutschen. Wenn Arminia Bielefeld gegen die TSG Hoffenheim verliert und der 1. FC Köln bei Hertha BSC nicht gewinnt, dann würde Augsburg ein Remis zur De-Facto Rettung reichen. Aber Taktieren ist aus Weinzierls Sicht nicht angesagt.

Der Nachfolger des glücklosen Heiko Herrlich hat seine Mannschaft auf Angriff getrimmt, im ersten Spiel beim VfB Stuttgart (1:2) agierte der FCA wieder mit Mut, Überzeugung und Entschlossenheit, brachte sich aber durch eklatante Aussetzer in der Abwehr selbst um die Früchte der Arbeit. Weinzierls Versprechen: "Wir werden nach vorne spielen, mit dem Ziel, zu gewinnen. Wir werden uns nicht verstecken, aber wir werden auch nicht Harakiri spielen". Viel deutet darauf hin, dass die Offensivkräfte Marco Richter, Ruben Vargas, André Hahn und Florian Niederlechner allesamt einen Platz in der Startformation erhalten. Eine angriffslustige Aufstellung und Ausrichtung. Zögerliche Vorstellungen gab es unter Vorgänger Herrlich nämlich genug.

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Die Verantwortlichen verloren das Vertrauen in Heiko Herrlich

Auch das war der entscheidende Grund, warum sich Manager Stefan Reuter in enger Absprache mit Klubchef Klaus Hofmann noch zum Trainerwechsel auf der Zielgeraden entschloss. Die spielerische Armut speziell in der Rückrunde war erschreckend, als dann gegen Schalke (0:1), Bielefeld (0:0), Frankfurt (0:2) und Köln (2:3) ein Offenbarungseid nach dem anderen folgte, verloren die Verantwortlichen die Geduld.

Hofmann fuhr auf der Tribüne aus der Haut, sprach nach der Nullnummer gegen Aufsteiger Bielefeld bereits von einer "weiteren Episode unansehnlicher Leistungen". Der Trainer war zu diesem Zeitpunkt bereits auch intern angezählt, die Herrlich-Entlassung erfolgte mit Ansage. Nun herrscht wieder Zuversicht, obwohl Weinzierl auch viel verlieren kann, sollte unter seiner Regie der erste Bundesliga-Abstieg der Fuggerstädter stehen.

Werder ist seit acht Spielen sieglos

Doch dass für Optimismus im Abstiegskampf nicht zwingend ein Trainerwechsel erforderlich ist, belegt das Beispiel Luftlinie 545 Kilometer gen Norden. In Bremen hat sich die Geschäftsführung mit dem Vorsitzenden Klaus Filbry, Vereinspräsident Hubert Hess-Grunewald und den für sportliche Belange zuständigen Frank Baumann erneut für das Festhalten an Florian Kohfeldt entschieden.

Wie schon im Vorjahr steckt Werder doch wieder tief im Schlamassel, die spielerische Armut ist bei den Hanseaten mindestens ebenso erschreckend wie beim kommenden Gegner. Und während Augsburg seit fünf Spielen ohne Sieg ist, warten die Grün-Weißen seit acht Partien auf einen Dreier. Um Kohfeldt hatte es nach der Niederlage bei Union Berlin (1:3) intern heftige Debatten gegeben, zumindest Teile des Aufsichtsrates wollten eine Trennung vom Fußballlehrer, der diesen Sommer seit 20 Jahren dem Verein angehört.

Am Saisonende könnte die Mission von Florian Kohfeldt enden

Das Vertrauen in den 38-Jährigen bröckelte zwar, aber die achtbaren kämpferischen Leistungen im DFB-Pokalhalbfinale gegen RB Leipzig (1:2 n.V.) und gegen Bayer Leverkusen (0:0) wurden allenthalben als Beleg gewertet, dass die Beziehung zwischen Trainer und Mannschaft stimmt. Zumindest bis Saisonende gilt der Schulterschluss, danach könnten beide Seiten zur Einsicht gelangen, dass eine Trennung trotz eines bis 2023 gültigen Vertrags mehr Sinn macht. Dieses Thema schieben jedoch alle Beteiligten ebenso beiseite wie die dramatischen Finanzprobleme. Bis Saisonende soll sich das negative Eigenkapital auf 26 Millionen Euro belaufen, Gesamtverbindlichkeiten von 75 Millionen Euro belasten den Klub.

Der Fokus gilt den Abstiegsendspielen jetzt in Augsburg und dann vermutlich zuhause gegen Borussia Mönchengladbach. Für Bremen könnte der Vorteil darin bestehen, die Situation aus der Vorsaison zu kennen, als sich Werder am letzten Spieltag mit einem unverhofften Kantersieg gegen den 1. FC Köln (6:1) bei gleichzeitiger Schützenhilfe von Union Berlin noch in die Relegation rettete. "Wir wissen, wie wir es damals bestanden haben. Aber es gibt keine Garantie", sagt Kohfeldt. Er erwartet übrigens wie Weinzierl ein "Nervenspiel".

Im Juni des vergangenen Jahres warf seine Mannschaft am Ende noch alle Blockaden über Bord. Yuya Osako und Milot Rashica und Niclas Füllkrug wirbelten damals wie in besten Werder-Tagen. Doch Osako und Rashica sind jetzt nur noch Reservisten, Füllkrug fehlt nach den vielen Verletzungspausen die Form. Stattdessen setzt Kohfeldt auf Davie Selke, der zwar enormen Einsatz, aber kaum Torgefahr versprüht. Bremen will mit der Brechstange den Klassenerhalt erzwingen. Und dem Trainer, der schon im Vorjahr die Rettung schaffte. Notfalls halt auch wieder über die Relegation.

Stand: 14.05.2021, 11:20

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