Trainerbank am Sportplatz

Die Zukunft des Amateurfußballs - von Enthusiasmus, Norweger-Modell und eSports

Amateurfußball

Serie zum Amateurfußball

Die Zukunft des Amateurfußballs - von Enthusiasmus, Norweger-Modell und eSports

Von Dirk Hofmeister

Nur Probleme oder was? Die Situation im Amateurfußball ist alles andere als rosig. Aber es gibt Bewegung - und positive Signale.

Stephan Schmidt ist ein Mann der Tat. Fester Blick, fester Händedruck, feste Stimme - klare Aussagen. Krise des Amateurfußballs? "Ich sehe grundsätzlich das halbvolle und nicht das halbleere Glas." Finanzielle und personelle Schwierigkeiten bei Vereinen? "Bevor wir uns damit beschäftigen, was alles nicht geht, versuchen wir, gangbare Lösungen zu finden."

Amateurfußball

Schmidt (li.) und Kittler (re.) von Rotation 1950 Leipzig.

Es ist Sonntagmittag auf einer Fußballanlage im Norden von Leipzig. Ein echter Frühsommertag im Mai. Schmidt kommt gutgelaunt von einem Nachwuchsturnier aus dem Umland auf das Vereinsgelände von Rotation 1950. Auf dem Kunstrasenplatz gewinnt gerade die 3. Männermannschaft gegen ein Spitzenteam der 2. Kreisklasse. Auf dem Hauptplatz macht sich die Zweite warm. Schmidt ist Vorstandsvorsitzender von Rotation, und wenn man ihm und seinem Vize Uwe Kittler zuhört, zerfällt ein massiver Felsen von Problemen der Fußballvereine unterer Ligen in handliche Kieselsteine.

"Keine Lungenentzündung mehr"

"Natürlich ist die Refinanzierung unserer Kosten schwerer geworden. Aber nicht unlösbar. Vor 20 Jahren bin ich zu 'Marktkauf' gefahren, habe gesagt, dass ich mit Jugendmannschaften ins Trainingslage fahre und bin mit einem PKW-Anhänger voller Sachspenden zurückgekommen. Heute muss ich eine schriftliche Anfrage stellen und bekomme nicht einmal eine Antwort", beschreibt Schmidt. Daher habe sich sein Verein neue Wege gesucht: "Wir gehen jetzt über Eltern, Freunde, kleinere Sponsoren. Wir haben einen Klub der 100. Wenn da einer wegfällt, haben wir keine Lungenentzündung mehr, sondern vielleicht ein bisschen Husten."

Kein gefühltes Problem - statistische Realität

Allem Enthusiasmus und Erfindungsreichtum von Schmidt und Kittler zum Trotz - die Schwierigkeiten des Amateurfußballs sind kein gefühltes Problem, sondern statistische Realität. Allein zwischen 2016 und 2017 sank die Anzahl der Fußballmannschaften im DFB um mehr als 2.200 (von 159.545 auf 157.313), die meisten davon (mehr als 1.400) im Junioren-Bereich. Der Deutsche Fußball-Bund selbst hat die Gründe analysiert: "kontinuierliche gesellschaftliche Veränderungen wie der demografische Wandel, Veränderungen im Bildungssystem und die angespannte Situation der öffentlichen Finanzen", so heißt es im "Masterplan Amateurfußball", der dem unbezahlten Freizeitfußball in den nächsten Jahren auf die Sprünge helfen soll.

Konkret geht es darum, dass immer mehr Menschen vom Land in die Stadt ziehen, weniger Jugendliche Lust aufs Kicken haben und die Vereine Probleme haben, ehrenamtliche Helfer und Gelder aufzutreiben. Die Folge: Vereine auf dem Land bluten aus und müssen schließlich dicht machen. Fußballvereine in der Stadt können sich zwar über Zulauf freuen, haben aber Probleme, ehrenamtliche Trainer und Betreuer zu finden sowie die Sportstätten zu finanzieren - und müssen schließlich ebenfalls dicht machen.

Problemanalyse unter Dach der Verbände

Doch der DFB und vor allem die Landesverbände versuchen mittlerweile an einigen Stellen gegenzusteuern. In vielen Verbänden sind so genannte Vereinsstammtische angelaufen, um die Probleme zu erfassen und möglichst niedrigschwellig anzugehen.

Arbeitsgruppe "Spielbetrieb der Zukunft"

Amateurfußball

Beim Sächsischen Fußballverband (SFV) hat sich eine Arbeitsgruppe "Spielbetrieb der Zukunft" gebildet. Das Ziel: durch eine Flexibilisierung des Spielbetriebs soll es Klubs ermöglicht werden trotz angespannter Personallage weiter am Spielbetrieb teilzunehmen. Seit 2014 ist es in Sachsen möglich, aus bis zu drei Vereinen eine Spielgemeinschaft zu bilden, mit Zweitspielrechten als Pendler sowohl am Wohnort als auch am Arbeitsort Fußball zu spielen oder nach dem so genannten "Norweger-Modell" zu kicken. Dieses Modell hilft Mannschaften mit personellen Engpässen: Wenn ein Team nur mit acht Feldspielern zum Punktspiel anreist, dann darf der Gegner auch nur mit acht Spielern antreten.

Bundesweit wird experimentiert

Der sächsische Verband ist längst nicht der einzige, in dem mit diesen flexiblen Modellen experimentiert wird - auch in Bayern, Württemberg, im Harz oder in Hessen wird in unterschiedlichen Alters- und Spielklassen nach dem "Norweger-Modell" in Spielgemeinschaften oder mit Wiedereinwechsel-Regelungen gebolzt.

Mörtitz: Spielgemeinschaft bewahrt vor Vereinssterben

Profitiert von den Anpassungen in Sachsen hat der LSV Mörtitz, ein kleiner Verein im Norden des Freistaates zwischen Eilenburg und Bad Düben. Seit kurzem, so berichtet Trainer und Schatzmeister Andre Glatte nicht ohne Stolz, gibt es wieder Nachwuchs auf dem Sportplatz. In der G-, F-, und D-Jugend mit Kids von 6 bis 12 Jahren ist der Verein aus dem 700-Einwohner-Dorf nun wieder mit Kindern in den eigenen blau-weißen Trikots vertreten. Ohne die Möglichkeit, zwischenzeitlich mit dem Nachbardorf eine Spielgemeinschaft bilden zu können, hätte sich der Verein mangels Nachwuchs schon längst abmelden müssen.

20 Stunden pro Woche auf dem Platz

Amateurfußball

Andre Glatte beim Training.

Einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Wiederbelebung der Kinder- und Jugendmannschaften hat auch Glatte selbst: Eltern im Dorf und ehemalige Spieler hat er persönlich angesprochen und so ein paar Nachwuchskicker gewonnen. Nun steht er als Trainer zweier Nachwuchs- und der Männermannschaft fünf Tage die Woche auf dem Sportplatz, hinzu kommt die Tätigkeit als Schatzmeister des Vereins. Wöchentlich 20 Stunden nebenberufliche und ehrenamtliche Arbeit für den Verein kommen da locker zusammen.

Und plötzlich stößt der Verein an seine personellen Grenzen: "Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass es hier gut läuft und dass Fußball ein guter Ausgleich für die Kinder ist", freut sich Glatte – und muss kurz darauf einschränken: "Ich habe eine Anfrage vom Kindergarten. Aber ich muss die Kinder wegschicken, weil ich keine Trainer habe."

"Tränen in den Augen eines 75-Jährigen"

Amateurfußball

Winkler: "Man lächelt zwar darüber ..."

Den Mangel an ehrenamtlichen Helfern eint die Vereine in der Stadt und auf dem Land. Und die Lösungsansätze? Die gehen vom Erhöhen des persönlichen Engagements über Forderungen an die Kommunen bis zur Symbolpolitik. "Wir müssen die Leute über Aushänge und Mundpropaganda begeistern. Im Ehrenamt sollt es die Liebe zum Sport sein", sagt Glatte. Auch SFV-Präsident Herrmann Winkler setzt im sportschau.de-Interview auf ideelle Werte - und Auszeichnungen: "Man lächelt zwar darüber, wenn es heißt, es gibt eine goldene Ehrennadel. Wenn ich dann aber eine überreiche und ich sehe Tränen in den Augen eines 75-Jährigen, da sage ich, das ist der richtige Weg und das muss ausgebaut werden."

So eine Ehrung kann dabei auch ganz praktischen Nutzen haben: So wurde Andre Glatte für seine zeitaufwändige ehrenamtliche Arbeit mit einem Gutschein für eine B-Lizenz-Trainerausbildung ausgezeichnet. Und diesen löst gerade ein zweiter Jugendtrainer bei ihm auf dem Dorf ein.

"Wir machen Kinder- und Jugendsozialarbeit"

Amateurfußball

Steffen Tänzer: "benötigen finanzielle und personelle Untersützung"

Die Kommunen in die Pflicht nimmt Steffen Tänzer, Präsident von Fünftligist FC Eilenburg. Neben der Männermannschaft gibt es in seinem Verein elf weitere Nachwuchs-Teams. "Wir haben dafür 23 ehrenamtliche Übungsleiter, aber es könnten ruhig zehn mehr sein", sagt Rechtsanwalt Tänzer, der neben seinem Hauptberuf noch Vorsitzender des Sportgerichtes beim SFV und Beisitzer des DFB-Sportgerichts ist. Damit der Amateurfußball in der Zukunft gesichert werden könne, müssen "sich die Kommunen bewusst werden, welche Aufgabe die Vereine leisten. Wir machen Kinder- und Jugendsozialarbeit. Wir benötigen daher finanzielle und personelle Unterstützung."

"Train-the-Trainer"

Wie bei der Suche nach Sponsoren gehen Schmidt und Kittler von Rotation in Leipzig auch in Sachen Trainergewinnung einen unkonventionellen, individuell-pragmatischen Weg: "Wir sind auf unser Train-the-Trainer-Programm stolz", sagt Schmidt und erklärt: "Es klopft nicht jede Woche ein Trainer an. Wir bilden unsere Trainer selber aus." Und die werden teilweise schon als Jugendliche von älteren Coaches an die Aufgaben eines Übungsleiters herangeführt. 21 Trainer habe man dadurch im Verein, auch zwei Söhne von Schmidt sind dabei. Die Effekte seien durchgehend positiv: "Ich kann nur einen flammenden Appell an alle Eltern senden: Gebt Euern Kindern die Chance, das zu machen. Wie sich meine Kinder sozial entwickelt haben, ist irre."

Zudem streben Schmidt und Kittler quasi das Gegenmodell zum Mörtitzer Tausendsassa Andre Glatte an: Viel Arbeit auf viele Schultern, damit niemand überlastet wird. Eltern werden aufgefordert, kleine Aufgaben bei der Vorbereitung von überschaubaren Projekten, wie einem Fußballturnier oder einem Trainingslager zu übernehmen.

Betriebswirtschaft, Motivation, Kreativität - statt Fußball

Schmidt, Kittler, Glatte - dieser Text über die Lösungsansätze im Amateurfußball ist getragen von den Leistungen von Einzelpersonen. Es braucht nach wie vor diese enthusiastischen, engagierten und sportbegeisterten Menschen, um den strukturellen und personellen Problemen im Amateurfußball zu begegnen. Dafür geht es hier im Text erstaunlich wenig um Fußball - sondern um Betriebswirtschaft, Beweglichkeit von Verbänden, Vereinsgeist, Motivation zur unentgeltlichen Tätigkeit, um Zeitmanagement und Kreativität.

Digitalisierung und eSports

Unmöglich, alle Ansätze zur Sicherung der Zukunft im Amateurfußball umfassend zu erörtern. Der Bayrische Fußballverband steckt derzeit viel Energie und Geld in die Digitalisierung und Verarbeitung der Spieldaten. Denn, so sagt BFV-Präsident Rainer Koch im sportschau.de-Interview: "In einer Welt, in der heute mit Smartphones alles erfassbar ist, gilt es nach unserer Auffassung, den Amateurfußball genau in diesen Lebenswelten abzubilden." Das geht vom Live-Ticker aus der Regionalliga über robotergenerierte Texte aus den Landesligen bis zu Live-Streams der Spiele aus den Kreisklassen. Zudem hat beim DFB ein Umdenken hinsichtlich eSports stattgefunden. Wurden Computerspiele im DFB lange bekämpft, sollen sie nun Bestandteil des Vereinslebens werden können. Dazu sagt DFB-Vize Koch: "Es geht nicht darum, dass 'eSoccer' das aktive Fußballspiel ablöst. Es geht darum, dass diese Spiele eine Verlängerung des Fußballs im Vereinsleben sein können."

Kommt Salzburg-Trainer Rose nach Leipzig?

Stephan Schmidt, der Mann der Tat, hat zudem eine ganz analoge Zukunftsvision. "Bei uns im Verein haben Nicky Adler und Marco Rose das Fußballspielen gelernt. Vielleicht gelingt es uns ja, die beiden irgendwann mal für den Verein zu gewinnen. Auch da sehe ich grundsätzlich das halbvolle Glas."

Stand: 18.05.2018, 08:00

Darstellung: