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Regionalliga - wo die Großstadt auf das Dorf trifft

Ungleiches Duell: Steinbach gegen Saarbrücken in der Regionalliga Südwest

Amateurfußball-Serie

Regionalliga - wo die Großstadt auf das Dorf trifft

Von Frank Hellmann

Der Amateurfußball wirkt nirgendwo so heterogen wie in der Regionalliga. Im Südwesten spielen Dorfklubs wie der TSV Steinbach gegen Traditionsvereine wie den 1. FC Saarbrücken. Unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen und Perspektiven.

So weit hat es der TSV Steinbach immerhin schon gebracht, dass eine 1:7-Abreibung im letzten Punktspiel nicht mehr wirklich weh tat. Die Klatsche am 38. Spieltag der Regionalliga Südwest gegen den Meister 1. FC Saarbrücken besaß nur noch statistischen Wert. Denn überwölbt wurde das Aufeinandertreffen zweier ohnehin ungleicher Konkurrenten bereits von den größeren noch anstehenden Aufgaben.

Der 1. FC Saarbrücken unternimmt in den Aufstiegsspielen gegen den Bayern-Meister TSV 1860 München (24. und 27.05.2018) den nächsten Anlauf, in die 3. Liga aufzusteigen. Der Dorfklub und Tabellenachte TSV Steinbach will hingegen im Hessenpokalfinale am Pfingstmontag das eigentliche Ausrufezeichen unter seine bemerkenswerte Entwicklung setzen.

Fanbusse fahren nach Stadtallendorf

Im Herrenwaldstadion in Stadtallendorf gegen Hessen Kassel kann sich ein Außenseiter, der auf dem Weg ins Finale bereits den Drittligisten SV Wehen Wiesbaden und Kickers Offenbach eliminierte, den Traum von der Teilnahme am DFB-Pokal erfüllen. Um dann auf das ganz große Los zu hoffen. Der Verein setzt mehrere Fanbusse ein.

Gut möglich, dass nicht mehr wie in jüngerer Vergangenheit Freundschaftsspiele gegen den 1. FC Köln, Eintracht Frankfurt oder Schalke 04 ausgetragen werden müssen, um mal Bundesliga-Flair zu erleben. "Das Hessenpokalfinale ist das absolute Highlight. Es wäre der größte Erfolg der Vereinsgeschichte", sagt der Medienbeauftragte Sven Firmenich gegenüber sportschau.de. Der 39-Jährige, der im Hauptberuf am Servicetelefon bei der Agentur für Arbeit sitzt, gibt zugleich den Stadionsprecher und betreibt das Fan-Radio in einem Verein, der von seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen wird.

Ein Bremsenhersteller ebnete den Weg

Aber eben nicht nur: Ohne das finanzielle Engagement des Steinbacher Unternehmers Roland Kring, der einen Bremsenhersteller führt, wäre der Aufstieg nicht möglich gewesen. Schließlich war der TSV Steinbach vor einem Jahrzehnt ein unbedeutender Punkt auf Deutschlands Fußball-Landkarte, ehe Kring auf den Plan trat. Der Durchmarsch durch die Spielklassen - angefangen 2008/2009 in der Kreisliga B Gruppe Nord Dillenburg mit 26 Siegen in 26 Spielen und 160:22 Toren - ist gepflastert mit Rekorden.

Als der TSV Steinbach 2015 die Regionalliga erreichte, war er in sieben Jahren sechsmal aufgestiegen. Ihn mit Dietmar Hopp zu vergleichen, gefällt dem Gönner Kring, der einen Großteil des Budgets von mehr als zwei Millionen Euro garantiert, jedoch nicht: Der 58-Jährige legt Wert darauf, dass sich an Umgangsformen und handelnden Personen nur wenig geändert habe: "Jeder kennt sich schon von Kindesbeinen an. Wir versuchen Dorfverein und Regionalliga miteinander zu verbinden."

Euro-Paletten auf der Gegengeraden

Da sieht sich einer als bodenständiger Mäzen: "Im Dorf bin ich nach wie vor der Roland. Man braucht ja auch ein Gesicht für das Ganze und nicht nur einen Firmennamen als Sponsor." Fakt ist: Ein dörflich geprägter Stadtteil der hessischen Kleinstadt Haiger ist zum fußballerisches Aushängeschild im Lahn-Dill-Kreis unweit der A 45 aufgestiegen.

Der Kunstrasenplatz in Steinbach wurde fast zwangsläufig zu klein, gespielt wird seit der Regionalliga-Zugehörigkeit im Sibre-Sportzentrum Haarwasen in Haiger, wo ein Oberliga-Stadion mit verwitterten Steinstufen nach und nach in eine schmucke Heimstätte verwandelt wurde, die mittlerweile fast 5000 Zuschauer fasst. Gegenüber der in Eigenarbeit erweiterten Haupttribüne mit fast 2000 Plätzen stehen auf der Gegengerade einige Zuschauer allerdings noch auf gestapelten Euro-Paletten.

Mehr Zuschauer als Einwohner

So viel Provisorium darf in der Provinz noch sein. Ob hier aber tatsächlich ein mögliches Erstrundenspiel im DFB-Pokal ausgetragen wird, ist noch nicht geklärt – und hängt wohl auch vom Gegner ab. "Unser Einzugsgebiet reicht über Marburg bis Siegen", erklärt Firmenich. Bei rund 1150 Zuschauern liegt mittlerweile der Besucherschnitt. Mehr als Steinbach Einwohner hat. Nämlich nur knapp 900.

Der Verein wird weiterhin versuchen, in der vierten Liga seine Rolle zu finden, was bei der heterogenen Besetzung dieser Spielklasse nicht so einfach ist. Ihre Vertreter arbeiten unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen und Zielsetzungen.

Drei-Klassen-Gesellschaft in einer Liga

"Wir haben eine Drei-Klassen-Gesellschaft", sagt Michael Görner, Präsident vom Liga-Gefährten FSV Frankfurt: 1) die Dorfvereine wie der TSV Steinbach oder Eintracht Stadtallendorf, die dank großzügiger Einzelpersonen mitmischen; 2) die zweiten Mannschaften der Bundesligisten SC Freiburg und 1899 Hoffenheim, die professionell ihre Talente fördern. 3) Die Zugpferde Waldhof Mannheim, Kickers Offenbach und der 1. FC Saarbrücken, die sich nach besseren Zeiten sehnen. Klubs mit ehemaliger Bundesliga-Historie, die die Regionalliga lieber heute als morgen verlassen würden.

Der Südwest-Fluch in den Aufstiegsspielen

Aber irgendwie lastet auf den Aufstiegsanwärtern aus dem Südwesten ein Fluch: Was Saarbrücken, Offenbach, Mannheim oder auch Elversberg unternahmen: Gemeinsam war allen das teils tragische Scheitern am Nadelöhr. Beim vom Mäzen Hartmut Ostermann auf Aufstieg getrimmten 1. FC Saarbrücken kommt erschwerend hinzu, dass er wegen des Umbaus des Ludwigsparkstadions heimatlos ist. Derzeit weichen die Saarländer nach Völklingen aus, wo die Atmosphäre mit Profifußball aber nichts zu tun hat.

Welches Potenzial in dem Verein schlummert, war 2013 zu besichtigen, als der 1. FC Saarbrücken im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Borussia Dortmund (0:2) spielte. 30.931 Zuschauer füllten den altehrwürdigen Ludwigspark, um Stars wie Pierre-Emerick Aubameyang oder Henrikh Mkhitaryan zu begutachten.

1.FC Saarbrücken und  SV Waldhof wollen hoch

Der Traum von höherklassigem Fußball treibt auch Waldhof Mannheim an. Das Carl-Benz-Stadion hat zuletzt 2008 Bundesligaspiele erlebt, als 1899 Hoffenheim vor der Fertigstellung seiner Sinsheimer Arena hier seine erste Halbserie in der Erstklassigkeit verbrachte. Doch die wahren Helden sind in Mannheim die früheren "Waldhof-Buben", die unter dem Pepitahut von Klaus Schlappner den immer noch gültigen Markenkern erfanden.

Doch würde der SV Waldhof ohne die Finanzspritze des Unternehmers Bernd Beetz, der nach der Ausgliederung des Profibereichs das Stammkapital für einen siebenstelligen Betrag erwarb, nicht wieder vehement an die Tür zur 3. Liga klopfen. Er will den Klub mindestens eine, am besten in naher Zukunft sogar zwei Ligen höher bringen.

Auch Steinbach schielt ein wenig nach oben

Beim TSV Steinbach werden sie den Ausgang der Aufstiegsspiele von Saarbrücken und Mannheim mit Interesse verfolgen. Denn sollte es bei beiden endlich klappen, besteht vielleicht sogar eine Mini-Chance, selbst einmal in die 3. Liga zu klettern.

Gönner Roland Kring hat das nämlich vor einigen Monaten als langfristige Zielsetzung in örtlichen Medien postuliert: "Mein Wunsch ist ganz klar die 3. Liga. Dazu muss aber auch der DFB mitspielen und sich ganz schnell vom Irrglauben, dass jeder Drittligist über eine Stadionkapazität von 10.000 Besuchern verfügen muss, verabschieden." Sonst steht vor dem Dorfverein ein Stoppschild.

Stand: 17.05.2018, 08:00

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