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Alarm im Amateurfußball - Hilfe muss her

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Der deutsche Amateurfußball steckt in einer Krise

Alarm im Amateurfußball - Hilfe muss her

Von Olaf Jansen

Vereine gehen pleite, Teams werden vom Spielbetrieb zurückgezogen, Ehrenamtler haben keine Lust mehr - der deutsche Amateurfußball steuert auf eine Krise zu. Woran liegt's? Und wer kann helfen?

Als im vergangenen Herbst der Gelsenkirchener Oberligist SC Hassel seine Mannschaft vom laufenden Spielbetrieb abmeldete, war schon der zweite Klub eingeknickt. Kurz zuvor hatte bereits der TSV Marl-Hüls sein Team aus der Königsklasse Westfalens angezogen. Die Gründe waren jeweils: kein Geld mehr.

Pleitewelle hat Amateurklubs erfasst

In der 5. Liga ist der Spielbetrieb kostspielig. Es fallen Reisekosten an, bei Heimspielen braucht man Helfer; Spieler und Funktionsträger müssen bezahlt werden. Wenn dann Sponsoren nicht funktionieren, ist das Aus nahe. Was in der 5. Liga passiert, geschieht ebenso regelmäßig in den Ligen darunter.

Gerade im untersten deutschen Amateurbereich - in den Kreisligen - schwenken immer häufiger ganze Klubs die weiße Fahne und geben auf. Am Beispiel eines dem Autor bekannten kleinen Amateurvereins lässt sich sehr gut der enge finanzielle Spielraum an der Basis erkennen:

Haushalt eines Amateurvereins mit etwa 200 Mitgliedern
AusgabenEinnahmen
Verbandsabgaben5.000 Euro
Strafzahlungen1.700 Euro
Schiedsrichterkosten5.000 Euro
Materialkosten3.500 Euro
Weihnachtsfeiern Teams800 Euro
Mitgliedsbeiträge15.000 Euro
Öffentl. Förderung1.000 Euro
Gesamt16.000 Euro16.000 Euro

Kosten sind enorm gestiegen

"Schlecht gewirtschaftet", heißt es gern von Verbandsseite, wenn ein Minus in der Bilanz steht. Manchmal ist das so, manchmal aber neigen die Vertreter des DFB und der darunter steckenden Landesverbände auch dazu, die Augen vor den alarmierenden Tatsachen an der deutschen Fußballbasis zu verschließen. Und diese Tatsachen lauten:

  • Amateurvereine leiden unter Mitgliederschwund.
  • Finanzielle Förderungen der öffentlichen Hand werden immer weniger.
  • Verbandsabgaben steigen.
  • Kosten für Organisation und Unterhalt der Infrastruktur (Platz, Strom, Wasser, EDV, Fahrgelder) steigen.
  • Konkurrenz wächst: Privatanbieter wie Soccerhallen und Fitness-Studios boomen.

Immer weniger Kinder und Jugendliche spielen Fußball

Datenmaterial zu diesen Thesen lieferten zuletzt lediglich regionale Umfragen. Der DFB, unter dessen Dach der deutsche Amateurfußball organisiert ist, hält sich mit Zahlen zurück. Sicher ist: Die Mitgliedszahlen sinken. Auffällig dabei ist, dass immer weniger Kinder und Jugendliche Fußball spielen. Gab es 2008 noch 19.045 Juniorenmannschaften, waren es 2017 nur noch 15.314. Das ist ein Rückgang von rund 20 Prozent.

Verbände bedienen sich bei Vereinen

Interessant auch: Eine Untersuchung der Deutschen Sporthochschule Köln aus dem Jahr 2012 besagt, dass die Ressourcen von schleswig-holsteinischen Amateurfußballklubs in Zeiten steigender Kosten immer knapper werden. Während zwischen 2001 und 2012 die Kosten der Vereine um 60 Prozent gestiegen sind, hat die öffentliche Hand im gleichen Zeitraum ihre Förderung massiv zurückgefahren. Zudem mussten die Vereine zeitgleich mit einem beträchtlichen Anstieg der Verbandsabgaben zurechtkommen. Ein Auszug aus der Bilanz des Schleswig Holsteinischen Fußballverbandes verdeutlicht die Entwicklung:

Auszug aus dem Haushalt des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes
20012012
Gesamthaushalt100+ 60 %
Anteil Förderung öffentl. Hand35 %15 %
Förderung durch DFB, DFL10 %15 %
Abgaben von Vereinen15 %30 %

Tipp: So wenig Teams wie möglich

Die Empfehlung der Autoren von der Sporthochschule an die Vereine lautet: Um zu überleben, sollte man eine bestimmte Mindestgröße anpeilen und/oder einen Rückzug vom geordneten Spielbetrieb anstreben. Anders ausgedrückt: Kleinere Vereine mit wenigen Mitgliedern müssen fusionieren, wenn sie überleben wollen. Und gut ist es, wenn man so wenig Teams wie möglich am Spielbetrieb teilnehmen lässt, weil das sehr teuer geworden ist.

Dieser Ratschlag passt zu den Erfahrungen, die das Bündnis "Rettet den Amateurfußball" um den früheren Präsidenten der SpVgg Unterhaching, Engelbert Kupka, gesammelt hat. "An der Basis rumort es" berichtet Kupka. "Die Amateurvereine sehen sich vom DFB zunehmend schlecht vertreten. Während die Kosten immer weiter steigen, lässt die Unterstützung seitens des Verbandes immer mehr nach."

Koch: "Aufhören zu jammern"

Dr. Rainer Koch, als Vizepräsident beim DFB für den Amateurfußball zuständig, sieht seinen Verband hingegen auf Kurs, kann keine wirkliche Krise erkennen: "Die Gesellschaft befindet sich im Wandel, und diesem Wandel müssen wir Rechnung tragen. Da spielt Digitalisierung eine tragende Rolle. Denn sie kann die emotionale Bindung weiter fördern. Junge Aktive wollen ihr Leben in sozialen Netzwerken teilen, dazu müssen wir ihnen auch ihren Content liefern."

Ansonsten findet er: "Wir müssen aufhören zu jammern und dürfen uns nicht darauf versteifen, mehr Zuschauer auf die Amateurfußballplätze zu bekommen. Es wäre schon ein Riesenfortschritt, die aktuellen Zuschauerzahlen zu halten."

"DFL generiert Rekordumsätze, Amateurvereine verhungern"

Kupka und Co. geben sich damit aber nicht zufrieden. Sie kritisieren ganz besonders den Grundlagenvertrag, den der DFB jüngst mit der DFL, der Vertretung der reichen Bundesliga abschloss. Danach bekommt der DFB von der DFL gedeckelte 26 Millionen Euro pro Jahr, während er gleichzeitig 20 Millionen Nationalmannschaftseinnahmen zurückzahlen muss. Bleiben also sechs Millionen, von denen laut DFB-Haushalt lediglich eine Million Euro an die Regionalverbände gehen.

Kupka fordert: "Die Bürokratie für die kleinen Vereine muss entschlackt und die Gebühren müssen gesenkt werden." Für ihn ist die Basis des Amateurfußballs längst hoffnungslos vom Fußball-Business abgehängt: "Die DFL generiert Rekordumsätze und die Amateurvereine verhungern. Da gibt es keinerlei Solidarität mehr zur Basis."

Stand: 14.05.2018, 08:00

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