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DFB-Vize Rainer Koch: "Wir haben überragende Zustimmungswerte"

DFB-Vizepräsident Rainer Koch

Serie zum Amateurfußball

DFB-Vize Rainer Koch: "Wir haben überragende Zustimmungswerte"

Rainer Koch ist DFB-Vizepräsident und der oberste Mann beim DFB, wenn es um die Belange des Amateurfußballs geht. Zudem ist er Präsident des Bayrischen Fußball-Verbandes. Jüngst benannte Koch umfassende Herausforderungen, vor denen der Amateurfußball stehe: die Land-Stadt-Bewegungen junger Menschen, die Digitalisierung, Eventisierung sowie schwierige finanzielle Rahmenbedingungen für Amateurvereine.

sportschau.de: Diese Herausforderungen klingen eher nach massiven Problemen. Welche Lösungsansätze sehen Sie?

Rainer Koch: Ich bin in Bayern seit 2004 Verbandspräsident. Bereits 2002 wurde eine Strukturreform angestoßen. Wir haben schon damals die demografischen Veränderungen kommen sehen und begonnen, den Verband zu reorganisieren. Wir haben uns wirtschaftlicher aufgestellt und dafür gesorgt, dass Verband und Vereine im Team gut und auf Augenhöhe kommunizieren. Sonst ist man nicht in der Lage, Konzepte zu erarbeiten und umzusetzen.

Es gibt Kritik, die das Miteinander von Verband und Vereinen als nicht so harmonisch darstellen. Einer der Kritiker ist Gerd Thomas von einem Berliner Fußballklub, der sich von den Verbänden im Stich gelassen fühlt

Koch: Sie haben Herrn Thomas, der noch nicht einmal in Berlin großen Rückhalt in der Vereinslandschaft besitzt, ein Riesenplenum gegeben. Es gibt seit einem Jahr drei, vier, fünf Leute, die in den Medien immer wieder Gehör finden, wenn sie behaupten, Verbände würden Vereinen nicht genug Geld geben.

DFB-Vizepräsident Rainer Koch

DFB-Vizepräsident Rainer Koch

Dabei hatten wir erst kürzlich auf dem Verbandstag des Bayerischen Fußball-Verbandes eine einstimmige Entscheidung, dass die Vereine mehr Geld an den Verband zahlen müssen. Ohne Gegenstimme wurde das so beschlossen. Die Delegierten der Vereine, die das entschieden und selbst so vorgeschlagen haben, bekommen aber in den Medien so gut wie kein Gehör. Dabei sind es gerade sie, die an verantwortlicher Stelle in den Vereinen mit Herzblut arbeiten. Diese Ehrenamtlichen erfüllen aber keine Klischees, wie sie gerne an Stammtischen propagiert werden – und deshalb sind sie medial auch nicht interessant. Aber uns geht es genau um diese Menschen.

Das heißt, dass die Vereine weder unzufrieden noch verärgert über zu geringe finanzielle Zuwendung durch Landesverbände oder den DFB sind?

Koch: Wir haben durch ein renommiertes Meinungsforschungsinstitut genau diese Frage repräsentativ beantworten lassen. Sie finden bayernweit nur ganz wenig Unzufriedenheit mit dem Verband - wir haben überragende Zustimmungswerte. Diejenigen, die sich medienwirksam melden, stellen eine sehr kleine Minderheit dar.

Ich kann nur sagen: Ich war in letzten sechs Monaten auf 29 Kreis- und Bezirkstagen in ganz Bayern, ich habe dabei vor rund 7.500 Vereinsverantwortlichen gesprochen. Es war kein einziger dabei, der sich grundlegend über die Arbeit des Verbandes beschwert hat. Und die Abstimmungsergebnisse des Verbandstages beweisen, dass Verband und Vereine eng und partnerschaftlich zusammenarbeiten. Natürlich hat jeder Verein seine Sorgen und Nöte, vielleicht auch mal eine andere Sichtweise. Die Leute kommen auf uns zu, wir sprechen darüber und helfen. Und wenn wir nicht helfen können, erklären wir unsere Entscheidungen.

Ein Beispiel aus Bayern ist die „Arbeitsgruppe Finanzen“. Wir haben alle Mitglieder der rund 4.600 Vereine eingeladen, sich dort zu beteiligen. Diese Arbeitsgruppe sollte einen Gebührenanpassungsvorschlag erarbeiten. Da waren Vertreter von der B-Klasse bis zur Regionalliga dabei und haben einen einstimmigen Beschlussvorschlag unterbreitet. Es stimmt schlicht nicht, dass eine große Stimmungslage bei den Amateurvereinen gegen die Verbände da ist. Wir haben überall in ganz Bayern hohe Zufriedenheits- und Zustimmungswerte zur Arbeit des Verbandes von durchweg deutlich über 70 Prozent bis in einigen Kreisen weit über 80 Prozent. Das sind Prozentsätze, über die Frau Merkel froh wäre.

Die Kritik richtet sich ja unter anderem an die Verteilung des Geldes, das im Profisport erwirtschaftet wird. Wie können die Amateurvereine da mehr partizipieren?

Koch: Indem der Finanzierunganteil der Vereine an den Kosten des Verbandes nicht höher als 30 Prozent liegt. Das wird oft missgedeutet. Tatsächlich ist es so, dass von einem Euro, den die Landesverbände aufwenden müssen, lediglich 30 Cent von den Vereinen selbst kommen - das ist in etwa  in allen Verbänden so. Die Vereinsverantwortlichen wissen und schätzen auch in ihrer großen Mehrzahl, dass sie von DFB und Landesverbänden mit beachtlichen Leistungen unterstützt werden und deshalb auch rund 70 Prozent der Kosten der Verbände von diesen selbst aufgebracht werden. Das Hauptanliegen sollte sein, dass sich dieser Prozentsatz nicht zum Nachteil der Vereine verändert.

Außerdem sind wir als Fußballer in der glücklichen Lage, dass die Landesverbände vom DFB Geld bekommen. In anderen Verbänden, zum Beispiel bei den Turnern, müssen die Mitgliedsvereine und -verbände Geld an den Dachverband bezahlen, um etwa die Nationalmannschaft zu finanzieren.

Lassen Sie uns auf die Maßnahmen schauen, mit denen sich der BFV den Herausforderungen der Zukunft stellen will. Unter dem Motto: "Den Ball ins Netz!" stellen Sie die Digitalisierung sehr stark heraus. Warum?

Koch: Die Digitalisierung ersetzt nicht die Arbeit auf dem Platz, das Spiel steht weiter im Mittelpunkt. In einer Welt, in der heute mit Smartphones alles erfassbar ist, gilt es nach unserer Auffassung,  den Amateurfußball genau in diesen Lebenswelten abzubilden. Dass jeder Spieler, der auf dem Platz steht, das hinterher noch toll findet. Da geht es um Softwareanwendungen, die Vereinen und Verbänden die Arbeit erleichtern. Das betrifft alle Bereiche, Trainer- und Schiedsrichterausbildung, Spielerverwaltung etc. Wir wollen den Fußball und die Vereine so zeigen, wie sie sind - über das reine Spiel hinaus. Die Digitalisierung bietet uns da enorme Möglichkeiten, die wir auch schon erfolgreich nutzen

Sie sagten in einem Interview, dass die Spieldaten das kostbarste Gut des Amateurfußballs sind. Was meinen Sie damit?

Koch: Die Daten, Fotos und Bewegtbilder sind das A und O, sie spiegeln das Geschehen auf dem Platz wider. Das Spiel ist nach 90 Minuten vorbei, was bleibt davon? Daten. Damit lassen sich Berichte erstellen, in sehr naher Zukunft Robotertexte generieren. So, dass die Vereine sich medial abbilden können. Jeder Verein muss sich sichtbar machen und so darstellen, dass er attraktiv für junge Leute ist. Es wäre aber ein großes Missverständnis, dass nicht auch Qualifizierung und Trainerausbildung eine Rolle spielen würden. Und auch da sind wir erfolgreich.

Haben Sie Beispiele?

Koch: Wir sind der einzige Verband, der zwischen die Akademien der Profifußballvereine und den DFB-Talentstützpunkten noch Nachwuchsleistungszentren geschaltet hat. In Regionen, wo keine Profi-Klubs sind, haben wir in Kooperationen mit den regional führenden Spitzenklubs insgesamt 18 regionale Stützpunkte. Mit der Zielsetzung, dass die Kinder, so lange sie nicht älter als 13 sind, bei ihren Familien bleiben, vor Ort in die Schule gehen, aber auch bestmöglich ausgebildet werden können. Auch hierzu gibt es jetzt erste Erhebungen, die zeigen, dass dieser bayerische Weg Früchte trägt. Wer ein BFV-NLZ besucht, hat dreimal so große Chancen, den Weg zu den Akademien des Profifußballs gehen zu können.

Um trotz demografischer Entwicklung weiterhin Fußball zu ermöglichen, gibt es in den Landesverbänden Modelle wie Zusammenlegungen verschiedener Vereine zu Spielgemeinschaften oder das Spielen mit reduzierter Teamstärke. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Koch: Wir wollen, dass es bis auf Kreisebene so viele Entscheidungsspielräume wie möglich gibt. Für mich gilt der Satz: Es muss jeder Verein erhalten bleiben. Nur dann, wenn ein Bürgermeister noch seinen Fußballverein hat, wird er bereit sein, sich als Kommune für die Förderung des Fußballs einzusetzen. Eine Spielgemeinschaft ist immer besser als eine Fusion. Denn eine Fusion führt dazu, dass ein Verein verloren geht.

Beim BFV bekommen Schiedsrichter jetzt mehr Geld …

Koch: Ja, wir haben die Spesen nach etwa zehn Jahren erstmals im Schnitt um etwa zwölf Prozent angepasst.

Was erhoffen Sie sich davon?

Koch: Man muss die Tätigkeit halbwegs attraktiv halten. Das Problem ist: Die Spesen für den Schiedsrichter belasten einen Verein viel mehr als die Gebühren an den Verband. Es ist aber notwendig, dass diejenigen wertgeschätzt werden, die sich als Schiedsrichter zur Verfügung stellen. Und wir reden hier von Aufwandsentschädigungen, nicht von Gehältern. Wer heute beispielsweise ein A-Junioren-Spiel leitet, bekam bisher 17 Euro und erhält dann nach der neuen Spesenordnung 20 Euro.

Im DFB gab es kürzlich eine große Änderung hinsichtlich des eSports.

Koch: Alle Untersuchungen ergeben, dass sehr viele junge Menschen, die Fußball im Verein spielen, sich auch mit eSport befassen. Weit überproportional mit Fußball-Spielen wie „FIFA“, obwohl es in der Gaming-Industrie eher eine untergeordnete Rolle spielt. Das spricht dafür, hier spezielle Angebote zu schaffen. Es gab auch früher die berühmte "dritte Halbzeit" im Vereinsheim, wo die Leute zum Beispiel Karten miteinander gespielt haben.

Heute werden Sie kaum noch einen jungen Menschen finden, der Skat spielt oder schafkopft. Dafür spielt er vielleicht eSport. Es geht nicht darum, das aktive Fußballspiel abzulösen, sondern dass diese Spiele eine Verlängerung des Fußballs im Vereinsleben sein können und als zusätzliches Angebot gemacht werden kann. Der Fußball hat viele Facetten, eSoccer ist eine, Beachsoccer eine andere. Wir müssen offen sein.

Schauen wir in die Zukunft – wenn wir in 20 oder 30 Jahren wieder über den Amateurfußball sprechen würden, worüber würden wir denn dann sprechen?

Koch: Das Vereinsleben ist geschaffen worden in einer Zeit, in der die Menschen nicht so mobil waren, in der sie nicht voll digital waren in der das Leben nicht so kommerzialisiert war, wo es weniger Geld und weniger Freizeitangebote gab. Ich hoffe, dass sich in diesen 20 Jahren in den Vereinen alle bewusst sind, dass sich etwas ändern muss. Ich hoffe, dass alle mit der Zeit gehen und ihre Angebote anpassen - wir als Verband unterstützen die Ehrenamtlichen dabei, geben Impulse und stellen auch digitales Handwerkszeug zur Verfügung. Dann bin ich überzeugt, dass sich auch in 20 Jahren die Menschen gern im Verein zusammenfinden. Denn der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen und kein Einzelgänger.

Das Gespräch führte Dirk Hofmeister.

Stand: 18.05.2018, 08:00

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