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Amateurfußball in Sachsen - Ideen dringend benötigt

Hermann Winkler

Interview Hermann Winkler

Amateurfußball in Sachsen - Ideen dringend benötigt

Hermann Winkler ist seit 2009 Mitglied des Europäischen Parlaments. Zuvor war er Chef der Sächsischen Staatskanzlei. Seit 2016 ist er zudem Präsident des Sächsischen Fußball-Verbands.

sportschau.de: Wo sehen Sie die aktuellen Schwierigkeiten des Amateurfußballs.

Hermann Winkler: Wir haben in Sachsen unterschiedliche Regionen mit einer unterschiedlichen Anzahl von Spielern. Bis in den Bereich der sechstklassigen Oberliga gibt es immer wieder Mannschaften, die sich aus dem Spielbetrieb zurückziehen, weil zum Beispiel zu viele Berufspendler in den Mannschaften sind. Das zweite ist ein finanzielles Problem. Gerade im ländlichen Bereich haben wir wenige große Firmen, die unterstützen können. Da fällt es einigen schwer, das Budget für den Spielbetrieb aufzubringen.

Sie haben im sächsischen Fußballverband eine Arbeitsgruppe gebildet, die Lösungen für die Probleme finden soll. Was sind die Ergebnisse?

Winkler: Wir haben erst vor drei Wochen im Gesamtvorstand eine erste Lesung gemacht. Wir stellen uns die Frage, ob wir die Spielklassenstruktur verändern müssen. Wie können wur mehr Spielbetrieb mit weniger Mannschaften und weniger Spielern realisieren? Wir haben ja große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Die Großstädte Dresden, Chemnitz und Leipzig prosperieren. Und im ländlichen Bereich kommt man teilweise trotz Spielgemeinschaften nicht zum Spielen, weil die Menschen fehlen.

Unter dem Stichwort „Flexibilisierung des Spielbetriebs“ haben Sie bereits seit ein paar Jahren Veränderungen angestoßen. Welche sind das?

Winkler: Die Möglichkeit, aus verschiedenen Vereinen Spielgemeinschaften zu bilden, ist weit vorangeschritten. Auch das Norweger-Modell mit reduzierter Mannschaftsstärke wird teilweise gespielt, um den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten. Ich möchte eine größtmögliche Flexibilität bei unseren Satzungen und Ordnungen im Spielbetrieb haben. Mein Interesse besteht darin, dass in Sachsen in jeder Ecke Fußball gespielt werden kann.

Sie haben in Sachsen eine bundesweite Sondersituation. Unterhalb des Sächsischen Fußballverbandes gibt es 13 Kreisfußballverbände mit eigener Autonomie. Worin liegt der Vorteil?

Winkler: Die Kreisfußballverbände sind rechtlich eigenständig, aber sie können nicht machen, was sie wollen. Der Vorteil liegt darin, dass man starke Verbände an der Basis hat. Das ist gut, weil viele Rückmeldungen aus den Regionen kommen. Momentan diskutieren wir mit den Kreisfußballverbänden einen teilweisen Zusammenschluss, um neue Kreisligen zu generieren. Aber dafür wollen wir uns Zeit lassen. Eine Reform, in der die Menschen nicht eingeschlossen sind, macht keinen Sinn.

Die Vereine kritisieren zum Teil dennoch eine zu starke Reglementierung. Wer im Frauenfußball eine Großfeldmannschaft anmelden möchte, muss auch ein Kleinfeldteam mit Mädchen anmelden. Da es aber ein Problem mit der Nachwuchsförderung bei Mädchen gibt, scheitert das dann, und es fehlt ein Erwachsenenteam im Spielbetrieb.

Winkler: Wir haben in Sachsen 6200 Mannschaften und jede Woche 1200 Spiele zu organisieren. Das geht nicht ohne Regeln. Dass man immer jemanden findet, der diese Regeln nicht einhalten kann, liegt in der Natur der Sache. Wir gehen als Verbandsfunktionäre auf dem Grat, das Spielen zu ermöglichen, aber trotzdem Regeln einzuhalten. Ich wünsche mir hohe Flexibilität und bin gerne bereit, über Einzelfälle zu diskutieren.

Obwohl Fußball in Deutschland Volkssport Nummer eins ist, ist es schwierig, Ehrenamtliche für die Arbeit in Amateurvereinen zu gewinnen. Das hat mit Zeitmangel zu tun, aber auch mit dem Image des Fußballs, der mit Ausschreitungen assoziiert wird ...

Winkler: Das Problem der Ausschreitungen gibt es leider schon bei F-Jugend-Turnieren, wo die Eltern ausrasten, wenn ihre Kinder nicht die entsprechende Leistung bringen. Das ist beschämend für den Fußball, aber da sind wir als Sportler und Sportfunktionäre nicht allein. Der Sport im Verein ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Ich erwarte, dass sich gesamtgesellschaftlich etwas ändert. Dass wir eine Justiz haben, die im zivilen und im sportlichen Bereich durchgreift. Wenn wir das im privaten Bereich nicht haben, haben wir es auch nicht in den Turnhallen und Sportplätzen.

Wie könnten konkrete Schritte zur Stärkung des Ehrenamtes aussehen?

Winkler: Das Ehrenamt muss unterstütz werden, aber nicht nur finanziell, sondern auch ideell. Es darf nicht überbürokratisch belastet werden. Viele Ehrenamtliche sagen, sie stehen mit einem Bein im Knast, weil sie bestimmte Regeln beachten müssen und sie das gar nicht schaffen. Da brauchen wir auch die Hilfe des Staates. Ich erwarte eine unterschiedliche Betrachtung bei einem Unternehmer, der 10 Millionen Umsatz macht und bei einem Vereinsfunktionär, der für 100 Menschen das Sporttreiben organisiert.

Das klingt, als ob Sie die Haftbarkeit reduzieren wollen?

Winkler: Haftbarkeit, Durchgriffshaftung oder Nachweispflichten – das ist alles ein ganz großes Thema. Da sind wir schon an der Grenze angelangt, wo viele sagen, ich mute mir und meiner Familie das nicht mehr zu. Hinzu kommt die Frage: Wie bekomme ich Unterstützung bei der Anerkennung. Man lächelt zwar darüber, wenn es heißt, es gibt eine goldene Ehrennadel. Wenn ich dann aber eine überreiche, und ich sehe Tränen in den Augen eines 75-Jährigen, da sage ich, das ist der richtige Weg und muss ausgebaut werden.

Eine stärkere gesellschaftliche Anerkennung durch Ehrungen der Ehrenamtlichen?

Winkler: Absolut, in allen Bereichen. Wir müssen bei den Jüngeren anfangen. Es ist bei den Angeboten, die es heute gibt, nicht selbstverständlich, dass sich junge Menschen engagieren und beispielsweise als Übungsleiter andere trainieren. Bis zu den Älteren, die 30 oder 40 Jahre lang dabei sind, die selbst unter gesundheitlichen Gebrechen noch auf dem Platz stehen.

Sie sprachen finanzielle Probleme an. Um im Winter Fußball spielen zu können, wünschen sich viele Vereine beispielsweise Kunstrasenplätze. So ein Platz kostet schnell 180.000 Euro. Das ist für einen kleinen Verein unmöglich aufzubringen …

Winkler: Ich brauche als Verein kommunale Unterstützung. Da muss jeder Bürgermeister erkennen, was ein Verein für das kleine Dorf leistet. Wieviele Menschen er bindet, die dann eben nicht an der Bushaltestelle stehen und Bier trinken. Da muss ich auch kommunal etwas investieren. Eine Ebene darüber geht es weiter. Da müssen Bund und Land Finanzierungsmöglichkeiten bereitstellen, damit die Kommune nicht alleine da steht.

Dabei gibt es Vereine, die sich nicht mal das regelmäßige Austauschen der Tornetze leisten können …

Winkler: Ich frage bei jedem Vereinsdialog nach dem Mitgliedsbeitrag für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Dabei stelle ich fest, dass viele Vereine sagenhaft günstige Angebote machen. In Regionen wie dem Erzgebirge, dem Vogtland oder in der Lausitz kann ich nicht 10 Euro Monatsbeitrag für ein Kind verlangen. Aber ich kann wenigstens vier oder fünf Euro verlangen.

Und wenn ich sehe, dass die Eltern ihr Kind mit einem SUV zu einem geschulten Übungsleiter mit Lizenz bringen und dort für drei Stunden eine Betreuung inklusive Duschen gewährleistet wird - dann ist das mehr wert als 3,50 Euro im Monat. Wir haben in unseren Vereinen Strukturen, wir haben geschultes Personal - und das kostet auch was. Das ist eine Debatte, die tut weh. Die müssen wir aber führen.

Können Sie als Verband die Vereine finanziell unterstützen?

Winkler: Nein, aber ich möchte die Einnahmen, die wir in Sachsen durch den Profifußball bekommen, so aufteilen, dass jeder Amateurverein etwas davon merkt. Ganz konkret haben wir die Zuwendungen an die Kreisfußballverbände leicht erhöht, weil wir mehr Einnahmen durch den Profifußball generieren konnten. Das ist alles noch im Centbereich, es soll aber ein Signal sein. Ich möchte dadurch die Schere ein kleines bisschen schließen. Es sollen weitere Programme folgen. Wir wollen mehr Schiedsrichter gewinnen. Wir wollen mit Leadership-Programmen mehr junge Leute für das Ehrenamt gewinnen.

In welchen Größenordnungen wird Geld vom Profifußball an den Amateurfußball durchgesteckt?

Winkler: Es gibt die Regelung, dass in der Bundesliga 1,25 Prozent der Einnahmen eines Heimspiels an den Verband abgeführt werden. Das sind in unserem Verband mehrere Tausend Euro, die in unseren Haushalt kommen, die wir für Nachwuchsgewinnung, für Trainer- und Übungsleiterausbildung, für Schiedsrichterbildung, für die Fußballschule ausgeben.

Wie steht es um die Zukunft des Fußballs, wo steht er in 30 Jahren?

Winkler: Ich glaube, dass sich das absolut positiv entwickeln wird. Wir werden über noch bessere Hybrid-Rasen-Möglichkeiten sprechen, über mehr Turnhallen, bessere Infrastruktur. Wir werden auch im Bereich der Technik Möglichkeiten finden, die Fußball noch spannender macht. Aber wir haben auch ein paar negative Punkte zu bedenken. Muss es nicht irgendwo eine Deckelung geben von Transfersummen, weil die kein normaler Mensch mehr versteht? Sind das nicht neue Aufgaben an einen Verband? Sonst kommen die jungen Leute nicht mehr des Fußballspielens wegen sondern wegen des Geldes. Dann haben wir ein Riesenproblem.

Und die Zukunft des Amateurfußballs?

Winkler: Wir müssen uns die Frage stellen, wie attraktiv wir für junge Leute sind, auch bei neuen Angeboten. Bei eSport beispielsweise. Verteufele ich es und stelle es in eine Ecke, so dass sich die jungen Leute von uns loslösen? Oder versuche ich, diese Leute zu integrieren? Wir wollen keine gewaltverherrlichenden Spiele. Aber vielleicht eSoccer in unseren Vereinen. Dann haben wir einen fließenden Übergang. Einer, der bisher nur an der Konsole saß, sagt plötzlich zu seinem Nachbarn, ich komme doch mit raus auf den Platz. Das muss der Ansatz sein.

Das Gespräch führte DIrk Hofmeister.

Stand: 18.05.2018, 08:00

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