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"Der DFB lässt seine Vereine eiskalt im Stich"

Gerd Thomas

Interview mit Gerd Thomas

"Der DFB lässt seine Vereine eiskalt im Stich"

Gerd Thomas arbeitet seit vielen Jahren ehrenamtlich für einen großen Berliner Amateur-Fußballklub. Die Anforderungen an ihn und seinen Verein werden immer größer. Vom DFB fühlt er sich im Stich gelassen.

sportschau.de: Herr Thomas, was verbindet Sie mit dem Amateurfußball?

Gerd Thomas: Ich bin vor 14 Jahren zum FC Internationale, einem Berliner Amateurverein, gekommen. Als Vater eines Jungen, der Fußball spielen wollte. Ich habe dann im Verein die Öffentlichkeitsarbeit übernommen, wurde Jugendleiter und bin heute Vorsitzender des Vereins. Ich habe selbst immer Fußball gespielt und tue das auch heute noch.

 Was fasziniert sie am Amateurfußball?

Thomas: Der Amateurfußball hat immer noch etwas Ursprüngliches. Es hat viel zu tun mit Gemeinsamkeit, sehr viel Normalität. Ich treffe einen Querschnitt der Gesellschaft. Das ist faszinierend. Und dann natürlich der sportliche Vergleich - das ist spannend und gehört dazu.

Wie werden die Amateurvereine Ihrer Meinung nach von den Verbandsfunktionären vertreten? 

Thomas: Was tun die Verbände denn schon, um ihre Vereine zu unterstützen? Sie halten Digitalisierung für den Königsweg, reden den Amateuren ein, mit Amateur-TV-Übertragungen ließen sich Sponsoren finden, und sie finden Tradition noch immer wichtiger als Moderne und zeitgemäße Konzepte.

Zudem merken sie anscheinend nicht, dass ihnen die Basis abhanden kommt. Vielleicht interessiert es sie auch nicht. Wie sonst können 100 Prozent für den Grundlagenvertrag zwischen DFB und DFL stimmen, der die TV-Einnahmen des DFB auf Kosten der Amateurvereine grotesk deckelt? Für diesen Vertrag ist übrigens nicht die DFL zu schelten, wohl aber der DFB, der seine Amateurvereine - also 99,9 Prozent der Mitglieder - eiskalt im Stich gelassen hat.

Wenn ausgerechnet DFB-Chef Reinhard Grindel uns etwas zum Thema Ehrenamt runterbetet, ist das grotesk. Für die Sitzungsgelder und Tantiemen von DFB, UEFA und FIFA würde ich sein Ehrenamt glatt übernehmen.

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Leidet der Amateurfußball unter dem Profifußball?

Thomas: Ach nein, das würde ich gar nicht sagen, aber er profitiert auch nicht davon. Es ist eine Einbahnstraße: Als Talente-Entdecker und -Lieferanten dürfen die Amateure den Profiklubs als Partner dienen. Es kommt aber nichts zurück. Ich denke, dass Profi- und Amateurfußball gar nicht mehr so viel miteinander zu tun haben. Der Profifußball hat einen Weg eingeschlagen, der viel auf Eventisierung setzt und mit riesigen Summen wirtschaftet. Der Amateurfußball ist noch irgendwie wie früher. Er funktioniert aber nicht mehr so wie früher.

Welchen Einfluss haben Sonntagsspiele der Bundesliga auf den Amateurfußball?

Thomas: Gar keinen so großen. Wenn in Berlin ein Bundesliga- oder Zweitligaspiel am Sonntagnachmittag angepfiffen wird, kommen deshalb nicht erheblich weniger Zuschauer bei uns auf den Amateurfußball-Platz. Das mag im Ruhrgebiet bei Schalke und Dortmund etwas anders sein - aber bei uns ist das eher zweitrangig.

Kann ein Amateurverein ohne Sponsor auskommen? Anders gefragt: Decken moderate Mitgliedsbeiträge die Kosten eines Vereins?

Thomas: Sicherlich nicht überall. Aber der Amateurfußball muss sich natürlich fragen, wofür er sein Geld braucht. Viele Vereine bis in niedrige Ligen hinunter geben immer noch große Mengen Geld für Spielerbezahlung aus. Das tun wir in unserem Verein, der immerhin 50 Mannschaften im Spielbetrieb hat, zum Beispiel nicht. Daher sind wir gesund.

Viele Vereine wirtschaften einfach schlecht. Und dann gibt es immer noch die Klubs, die auf einen Mäzen als Geldgeber setzen. Und wenn der Millionär keine Lust mehr auf sein Spielzeug hat, lässt er es fallen. Dann gehe ich als Verein runter oder reiche Insolvenz ein. Das ist kein nachhaltiges Arbeiten.

Was sind die größten Probleme bei der Leitung eines Amateurfußballvereins?

Thomas: Naja, wir beim FC Internationale in Berlin haben rund 1100 aktive Mitglieder aus vielen Ländern, die hier regelmäßig Fußball spielen wollen. Das ist ein riesiger Organisationsaufwand für uns. Und meiner Meinung nach werden die Vereine bei der Betreuung dieser Leute von den Verbänden weitestgehend allein gelassen. Es reicht halt nicht, wenn man als Fußballverband alle vier Wochen mal einen Slogan raushaut wie "Wir Amateure sind die Profis" oder Ähnliches.

Was brauchen die Vereine konkret an Hilfe von den Verbänden?

Thomas: Die Vereine bräuchten eher konkrete Hilfe bei der Umsetzung von Dingen wie der Trainertätigkeit, Betreuung und Weiterbildung von Kindern und Jugendlichen aus teils sozial schwachen Familien. Es bräuchte da Konzepte zur Zusammenarbeit zwischen Vereinen, Verbänden und Kommunen. Es müssen bezahlte Fachkräfte in die Vereine geschickt werden, die diese Jobs übernehmen.

Stattdessen werden die Amateurvereine mit vielen Anforderungen konfrontiert: Sie sollen Integration leisten, die Defizite von Schule und Elternhaus auffangen, Kinderschutz gewährleisten, den Datenschutz einhalten, sich mit der Digitalisierung auskennen und neue soziale Medien bespielen, gleichzeitig erstklassigen Service zum kleinen Preis bieten. Das geht auf die Dauer nicht gut, das geht jetzt schon nicht mehr. Ich behaupte: Der DFB hat keinerlei Konzept, wie mit dieser Herausforderung umzugehen ist.

Haben Sie Ihre Kritik schon einmal beim DFB selbst vorgebracht?

Thomas: Ich habe sowohl DFB-Präsident Reinhard Grindel wie auch den Amateurbeauftragten Rainer Koch mehrfach persönlich auf Diskussionsveranstaltungen auf die Probleme der Vereine hingewiesen und stehe über Facebook mit ihnen in Kontakt. Leider lautet die Standardantwort immer, es sei doch alles in Ordnung, es herrsche eine große Zufriedenheit bei den Vereinen. Ich prognostiziere aber für die nächsten zehn Jahre jede Menge Crashs bei Vereinen. Finanzielle sowieso, aber auch wegen zu weniger Ehrenamtler, wegen Überforderung mit den Aufgaben.

 Ist die Organisation eines Amateurvereins noch ehrenamtlich zu leisten?

Thomas: Da kommt es darauf an, welche Ambitionen man als Verein hat. Die kleinen Klubs mit einer Senioren- und vier Jugendmannschaften sind sicherlich noch ehrenamtlich leitbar. Will man die Sache aber größer aufstellen, benötigt man eine professionelle Herangehensweise mit hauptamtlich Beschäftigten. Das ist aber für Vereine allein nicht zu stemmen. Da braucht es auch finanzielle Unterstützung aus den Kommunen oder der freien Wirtschaft.

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Die freie Wirtschaft orientiert sich aber lieber zum Profifußball …

Thomas: Ein großer Fehler und meiner Meinung nach ein Versäumnis. Denn auch die Wirtschaft muss erkennen, dass Amateurvereine wichtige Arbeit an der Basis leisten, von der auch sie profitieren kann. Es geht darum, Kinder und Jugendliche anzuleiten, sie zu schulen. Sie lernen bei uns soziales Verhalten, Zuverlässigkeit, Verlässlichkeit. Alles Attribute, die später auch im Job wichtig sind. Für die Wirtschaft sollte es darum gehen, sich auch in den Vereinen schon fähige Mitarbeiter für später heranzubilden.

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 14.05.2018, 08:00

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