Warum Talente aus dem Ausland im deutschen Amateurfußball aktiv sind

Nicholas Simpson (SC Brühl) in Aktion

Über Deutschland in den Profifußball

Warum Talente aus dem Ausland im deutschen Amateurfußball aktiv sind

Von Markus Kramer

Der deutsche Amateurfußball wird zumeist von regionalen Akteuren dominiert, doch so manch ein Verein setzt auf internationale Spieler. Diese kommen häufig nach Deutschland, um sich über den Amateurbereich für höhere Ligen zu empfehlen.

Das Ziel von Mark Philip Lushchayev und Nicholas Simpson ist weiterhin der Profifußball. Zwar spielen die beiden Australier derzeit beim SC Brühl in der Landesliga Mittelrhein, doch damit wollen sie sich nicht zufriedengeben. "Ich will es in die Regionalliga schaffen, und von dort versuchen, in eine der ersten Ligen Europas zu wechseln", sagt Simpson.

Simpson hatte bereits vor drei Jahren ein Probetraining in der U19 von 1860 München. Der Drittligist, deutschlandweit bekannt für seine hervorragende Nachwuchsarbeit, wollte Simpson verpflichten. "Ich entschied mich aber dafür, zuerst meinen Schulabschluss in Australien zu machen", sagt Simpson. Als er ein Jahr später wieder nach Deutschland kommt, ist der Platz bei 1860 München nicht mehr zu haben - der junge Stürmer wechselt auf Anraten der Münchner zu einer unterklassigen U19, um Spielpraxis zu sammeln. Über zwei weitere Stationen in Ober- und Landesliga landet er beim SC Brühl.

Deutschland der "place to be" im Fußballsport

Dort spielt auch Landsmann Lushchayev seit diesem Herbst. Er kam 2020 nach Deutschland und ist vom Niveau, auch in den Amateurligen, überzeugt. "Es gibt hier so viele gute Trainer. Wenn man sieht, wie Trainer wie Jürgen Klopp maximalen Erfolg in der Premier League haben, ist das beeindruckend", sagt Lushchayev.

Lushchayev über den deutschen Amateurfußball (auf Englisch)

Sportschau 02.11.2020 00:59 Min. Verfügbar bis 02.11.2021 ARD

Simpson stimmt ihm zu. "Deutschland ist der place to be, wenn man Fußball spielen will", findet der 20-Jährige. Die Qualität bis in die unteren Ligen sei für ihn einzigartig, allenfalls England könne mithalten. Darüber hinaus gefällt ihm die physische und schnelle Spielweise: "In Australien spielen wir viel Ballbesitzfußball, nicht so aggressiv wie in Deutschland. Hier geht es selbst in den unteren Ligen voll zur Sache und man muss sich behaupten."

Shun Terada als Positivbeispiel

Auch der Japaner Shun Terada kam mit dem Ziel nach Deutschland, Profifußballer zu werden. Ein japanischer Berater vermittelte Terada nach Deutschland, wo er 2016 beim Düsseldorfer Sport-Club 1899 in der Landesliga unterkam. In der ersten Saison schoss der Mittelstürmer prompt 41 Tore in 33 Spielen.

Shun Terada im Trikot von Rot-Weiß Oberhausen

Shun Terada im Trikot von Rot-Weiß Oberhausen

Eine Bilanz, die Begehrlichkeiten weckte: Bereits im Folgejahr nahm Regionalligist Wuppertaler SV den Japaner unter Vertrag. Mittlerweile spielt Terada bei Rot-Weiß Oberhausen in der Regionalliga und zeigt damit, dass der Weg über Deutschlands Amateurfußball ein kleines Sprungbrett sein kann. Sein Ziel, vom Fußball zu leben, hat er bereits erreicht, denn der 27-Jährige verfolgt keine zusätzliche Tätigkeit.

Ende der Entwicklung noch nicht erreicht?

Den deutschen Fußball erlebt auch er als sehr physisch geprägt. "Das Niveau ist deutlich besser als in Japan. Gerade körperlich ist es ganz anders, die Zweikämpfe werden hier härter geführt", so Terada. "Die technischen Fähigkeiten dort sind aber auf einem ähnlichen Niveau wie in Deutschland."

Terada über Unterschiede zwischen Fußball in Deutschland und Japan

Sportschau 02.11.2020 00:15 Min. Verfügbar bis 02.11.2021 ARD

Am Ende seiner Entwicklung wähnt sich der zurückhaltende Mann noch lange nicht. "Erstmal möchte ich möglichst viele Tore für Rot-Weiß Oberhausen schießen", so Terada. "Dann kommt vielleicht ein Angebot aus Japans erster Liga oder vielleicht aus der dritten deutschen Liga."

Mike Terranova, Trainer bei RWO, ist von den Qualitäten seines Stürmers überzeugt: "Shun ist ein absoluter Vollprofi, der die richtige Einstellung zum Sport hat. Wenn er die taktischen Aspekte noch beherzigt, auf die es im europäischen Fußball eben auch ankommt, kann er es noch sehr weit bringen."

Rekrutierung internationaler Spieler als Strategie

Dass es viele talentierte Spieler aus dem Ausland gibt, die gerne nach Deutschland kommen, haben auch die Vereine erkannt. So lockt beispielsweise der FC International Leipzig ambitionierte Jugendfußballer mit der Perspektive, sich auf hohem Niveau in Deutschland beweisen zu können. Der Fünftligist wurde 2013 mit der Zielsetzung gegründet, schnellstmöglich die Regionalliga zu erreichen.

Wenngleich dieses Ziel bislang nicht erreicht wurde, hat sich der Ansatz in der Kaderplanung nicht verändert. Im Kader stehen etliche Spieler mit internationalem Hintergrund, unter anderem sind ein Kanadier und ein Argentinier unter Vertrag.

Eine ähnliche Strategie verfolgt der 1. FCA Darmstadt. Dieser setzt größtenteils auf nord- und südamerikanische Spieler, die ebenso wie Simpson, Lushchayev und Terada den Traum verfolgen, Profi zu werden. "Wir wollen internationalen Spielern die Chance geben, sich in Deutschland zu beweisen", so Darmstadts sportlicher Leiter Luca Bergemann gegenüber der Hessenschau.

Differenzen zwischen Erwartungen und Realität

Der Siebtligist hat kaum deutsche Spieler im Kader und arbeitet eng mit einer Spielerberatungsagentur zusammen, die für den Kontakt zu den Spielern sorgt und sich nach der Verpflichtung um Unterbringung sowie Verpflegung kümmert. Die Erfolgschancen seien dann vom Spieler selbst abhängig, sagt Bergemann: "Jeder hat die Möglichkeit in den bezahlten Fußball zu kommen, dafür kämpfen die Spieler. Eine Garantie gibt es aber nicht." Viele FCA-Spieler hätten es laut Bergemann immerhin bereits in die Hessen- und Regionalliga geschafft.

So romantisch die Vorstellung klingen mag, dass ein internationales Team in Deutschland zusammenkommt und talentierte Fußballer individuelle und mannschaftliche Erfolge feiern - die Herangehensweise von Vereinen wie dem 1. FCA Darmstadt ist umstritten. Insbesondere im Netz meldeten sich Spieler zu Wort, die kritisierten, dass der Verein unrealistische Hoffnungen bei den Fußballern wecke und letztlich nicht das Wohl der Talente im Sinne hätte.

Heute Landesliga – morgen Regionalliga?

Lushchayev vom SC Brühl kann diese Kritik nachvollziehen, auch er hat negative Erfahrungen gemacht. Als sich der 21-Jährige Anfang 2020 nach Deutschland aufmachte, trainierte er zunächst bei einer Fußballschule für internationale Talente. Auf die versprochenen Probetrainings bei höherklassigen Vereinen hat er monatelang vergeblich gewartet: "Man war nicht so offen und ehrlich zu mir. Aber so ist es eben manchmal mit Beratern."

Dass es für Spieler aus dem Ausland über den Amateurfußball hinaus gehen kann, hat Shun Terada vorgemacht. Er kann als Regionalliga-Spieler aller Voraussicht nach sogar trotz der Corona-Auflagen, die den Breitensport lahm legen, auch im November weiter im Ligabetrieb Fußball spielen.

Nach der Pause zurück nach Deutschland

Die beiden Australier des SC Brühl hingegen sind nun zur Pause gezwungen. Simpson nutzt die Unterbrechung der Saison für einen Abstecher in die Heimat. Doch sobald der Ball auch in den unteren Ligen wieder rollt, wird er für den Landesliga-Abstiegskampf wieder bereitstehen. Über den "place to be" soll es schließlich in den professionellen Fußball gehen.

Stand: 03.11.2020, 05:00

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