Trainerbank am Sportplatz

Abstieg eines Profivereins - der Überlebenskampf des FSV Frankfurt

Michael Görner

Amateurfußball-Serie

Abstieg eines Profivereins - der Überlebenskampf des FSV Frankfurt

Von Frank Hellmann (Frankfurt)

Runter von der zweiten Liga in die Regionalliga Südwest: Der FSV Frankfurt liefert ein Fallbeispiel dafür, was beim Abstieg aus dem Profifußball passieren kann. Nach der Insolvenz läuft immer noch die Konsolidierung.

Das Büro von Michael Görner macht einen aufgeräumten Eindruck. Keine Schränke voller Akten, kein Papierstapel. Nicht mal bunte Fußballbilder an den Wänden. Laptop, Smartphone und Schreibutensilien legt der Präsident des FSV Frankfurt während des Gesprächs mit sportschau.de so akkurat nebeneinander, als würde ein Lineal dazwischenliegen.

Die spartanische Anmutung täuscht nicht: Am Bornheimer Hang ist Schmalhans Küchenmeister, seitdem der Klub vor einem Jahr Insolvenz anmelden musste. Auch sportlich wäre der FSV, der in der Mainmetropole eine schwer zu definierende Rolle zwischen Stadtteilklub und zweite Frankfurter Kraft einnimmt, wohl im Vorjahr aus der 3. Liga abgestiegen, aber im März 2017 wurden finanzielle Probleme publik, die der damalige Geschäftsführer Clemens Krüger lange verschwiegen hatte.

Der Privatier ließ sich nicht lange bitten

Görner zählte im Hintergrund zu den Gönnern, als ihn ein Anruf erreichte - bezeichnenderweise während einer Beerdigung. Der 57-Jährige war auserkoren, mit dem Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler wieder an die Vereinsspitze zu treten.

Der Privatier ließ sich nicht lange bitten: Als Kind sammelte er Flaschen im ehemaligen Stadion, als Jugendlicher stand er mit Schal und Fahne auf der Gegengeraden. Auch in seinem Berufsleben als Unternehmensberater hielt er den Schwarz-Blauen die Treue, bestimmte im Aufsichtsrat die Leitplanken mit und übernahm in Oberliga-Zeiten zwischen 2003 und 2007 den Vereinsvorsitz.

Die Insolvenz war alternativlos

Nun sollte er mit Herzblut und noch mehr Verstand durch das nächste Tief führen: Bei einem Schuldenberg von nahezu vier Millionen Euro war der Gang vor das Amtsgericht "alternativlos", weil er einen finanziellen Zustand vorfand, "der in der Komplexität nicht zu erwarten war." Mit einem sechsstelligen Betrag stand der Drittligist allein bei der Berufsgenossenschaft in der Kreide, "und um überhaupt eine Zukunft zu haben, mussten wir gegen unserem Vermarktungspartner Infront und der Stadt als Stadioneigentümer transparent sein".

FSV Frankfurt - "Wir mussten überall mit dem Rotstift durch"

Sportschau | 14.05.2018 | 07:42 Min.

Der FSV Frankfurt lieferte das Fallbeispiel dafür, wie es Klubs ergeht, die am Tropf der auch in der zweiten Liga sprudelnden Fernsehgelder hängen - und bei eher geringen Sponsorengeldern und überschaubaren Zuschauerzahlen keine standfesten Einnahmesäulen besitzen. Der Verein, der 2012/2013 als Vierter der Zweiten Bundesliga noch mit den Relegationsspielen geliebäugelt hatte, stand plötzlich vor dem Nichts.

Zu große Kluft zwischen zweiter und dritter Liga

Da half auch das Übergangsgeld wenig, das Zweitligaabsteiger als Puffer zur Fortführung des Nachwuchsleistungszentrums erhalten. Der Unterschied zwischen den mehr als sechs Millionen Euro Fernsehgeld 2015/2016 und den knapp 800.000 Euro in der 3. Liga führte schon so manchen Klub an den Rand des Abgrunds.

Um den Klub wieder auf eine tragfähige Basis zu stellen, machte der alte und neue Boss eine einfache Rechnung auf: Nur was auf der Einnahmeseite durch Zuschauer, Sponsoren und die Verpachtung und Vermietung des Stadions - etwa an die Footballer der Frankfurt Universe - hereinkommt, kann auch ausgegeben werden.

Letztlich beträgt der Gesamtetat nun bescheidende 1,7 Millionen Euro, nachdem ein neuer Hauptsponsor (das Radiochirurgie-Zentrum Saphir), ein neuer Namensgeber fürs Stadion (die PSD Bank) und ein neuer Ausrüster (Capelli) gefunden waren. Aber da in der Regel nur rund 1.000 Zuschauer in den Frankfurter Osten pilgern, kommt über diesen Posten lediglich eine Viertelmillion Euro in die Kasse.

Nur noch vier hauptamtliche Mitarbeiter

Der Nachbar Kickers Offenbach mit seinen mehr als 6.000 Besuchern im Schnitt kann auf diesem Sektor ganz anders kalkulieren.  "Wir haben einen radikalen Schnitt hinter uns", betont der Vereinschef, "und mit ganz spitzem Bleistift gerechnet." Nur ein Beispiel: In den VIP-Räumen bedienen keine bezahlten Servicekräfte, sondern ehrenamtliche Vereinsmitglieder.

Der Alltag des FSV Frankfurt spielt sich oft vor leeren Rängen ab

Der Alltag des FSV Frankfurt spielt sich oft vor leeren Rängen ab

Gerade noch vier hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt der FSV, der auf allen Ebene eine teils drastische Schrumpfkur hinter sich hat. Doch es wurde genau darauf geachtet, was nicht eingestampft werden sollte: etwa die in Kooperation mit einem Radiosender betriebene Fußballschule mit ihrem prächtigen Zulauf oder das mit einem Stern zertifizierte Nachwuchsleistungszentrum.

Der wirtschaftliche Überlebenskampf ist für den Präsidenten längst noch nicht abgeschlossen. Immerhin: Der sportliche Niedergang wurde unter Trainer Alexander Conrad aufgehalten. Was eingedenk eines auf 750.000 Euro begrenzten Budgets für Trainer- und Spielergehälter keine Selbstverständlichkeit war.

500 bis 2.000 Euro im Monat

Konkurrenten wie die zurück in den bezahlten Fußball drängenden Traditionsklubs wie 1. FC Saarbrücken, Waldhof Mannheim oder auch der SV 07 Elversberg zahlen ein Vielfaches der beim FSV üblichen Gehälter, die dem Vernehmen nach zwischen 500 und 2.000 Euro im Monat liegen sollen. Trotzdem trainieren auch die FSV-Kicker unter Vollprofibedingungen, wie Görner betont. "Die einzige Einschränkung ist, dass wir vor einem Auswärtsspiel nicht in einem Hotel übernachten."

Cheftrainer Conrad hat einen Kader zusammengestellt, der im Gros eng mit der Region verwurzelt ist. Einige Akteure sind Studenten, andere wohnen noch bei ihren Eltern. Görner stellt heraus: "Beim FSV Frankfurt wird überhaupt niemand reich: Weder ein Trainer noch die Spieler oder die Mitarbeiter. Wir sind alle in einer schwierigen Situation eng zusammengerückt – auch finanziell."

Bloß keine Luftschlösser mehr

Ob es unter diesen Bedingungen auf eine absehbare Zeit überhaupt eine Perspektive im höherklassigen Fußball gibt, vermag Görner nicht zu sagen. Eine der ganze wenigen Fragen, bei denen sich das Vereinsoberhaupt um ein klares Statement windet. "Wir befinden uns in der Stabilisierungsphase und sind weit davon entfernt, Luftschlösser zu bauen."

Er will organisch wachsen und "Stück für Stück" nach vorne kommen. Zum Thema zweite Liga hat er am Ende noch ein klares Statement parat: "Das ist für mich so weit weg wie der Mond vom Mars."

Stand: 16.05.2018, 07:50

Darstellung: