Trainerbank am Sportplatz

Amateurfußball – Spielerpässe bei Flüchtlingen oft verwirrend

Fußballer beim Eckstoß

Flüchtlinge mit doppelter Identität

Amateurfußball – Spielerpässe bei Flüchtlingen oft verwirrend

Von Olaf Jansen

Wenn Flüchtlinge in deutschen Fußballvereinen landen, ist das beinahe optimale Integrationsarbeit. Die Anmeldung der Spieler verläuft aber oft fehlerhaft. Falsche Identitäten in Spielerpässen sind nicht selten.

Als Mohammed Kehya im Sommer 2015 nach Deutschland kam, hatte er nichts. Nichts außer den Klamotten, die er am Leib trug. Der damals 28-jährige Syrer hatte seine Heimat verlassen und sich in einer wochenlangen Flucht bis nach Dortmund durchgeschlagen. Seine Frau, seine Familie hatte er in der alten Heimat gelassen. "Ich musste die Flucht wagen, um unser Leben zu retten," sagt er.

Kehya wurde von der Dortmunder Ausländerbehörde nach Paderborn transportiert - dort sollte seine vorübergehende neue Heimat sein. Als er in der ostwestfälischen Stadt ankam, bezog er seine Unterkunft und meldete sich gleich als nächstes beim SC Aleviten Paderborn - einem für Flüchtlinge offenen Fußballverein. Fußball war schon immer das, was er liebte. Das war schon in Syrien so.

SC Aleviten Paderborn - Integration durch Fußball

Verani Kartum beim SC Aleviten Paderborn

Beim SC Aleviten traf er Verani Kartum, den Vereinsboss. Unter Kartums Führung kümmert sich der Verein seit 2012 nicht nur um das fußballerische Glück junger Flüchtlinge, er arbeitet sozusagen ganzheitlich an deren Integration in die deutsche Gesellschaft. "Der Fußball ist unser Mittel, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen", sagt Kartum.

Der 52-jährige gebürtige Türke und seine Vereinskollegen begleiten die geflüchteten Menschen ganzheitlich, binden sie aktiv in die unterschiedlichen Vereinsangebote ein, bieten spezielle Bildungs- und Nachhilfeangebote für Kinder und Jugendliche an.

"Auf dem Amt geht's fehlerhaft zu"

Durch seine Arbeit mit Hunderten von Flüchtlingen hat Kartum all die Probleme der Flüchtlinge kennengelernt: Deprimierende Besuche bei der Ausländerbehörde, Kampf um eine Aufenthaltserlaubnis, das oft vergebliche Werben um das Recht, eine Ausbildung antreten oder auch nur einen Sprachkurs belegen zu dürfen. "Die jungen Menschen werden bei unseren Behörden nicht gut und manchmal ungerecht behandelt. Zum Teil werden dort gravierende Fehler gemacht", findet Kartum.

SC Aleviten Paderborn - Integration über Fußball Sportschau 12.10.2019 07:40 Min. Verfügbar bis 13.10.2020 Das Erste

Neue Identität mit falschem Namen

Als Kartum vor einigen Wochen die aufgeregten Presseberichte über Bakery Jatta vom Hamburger SV las, konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Damals tauchten Zweifel an den Angaben im Spielerpass des Fußballprofis auf. Auch wenn sich dieser Fall später als "Presse-Ente" herausstellte, war Kartum über das Thema grundsätzlich kaum überrascht: Zweifelhafte Angaben bei Name, Geburtsdatum oder -ort erlebe er beinahe täglich, sagt er. "Die Flüchtlinge kommen oft ohne Pässe an. Haben sie auf ihrer oft dramatischen Flucht verloren, sie wurden ihnen abgenommen oder sie sind sonstwie abhanden gekommen", weiß Kartum.

In Deutschland bekommen die Betroffenen nach ihrer Ankunft aber in jedem Fall eine Identität verpasst. Auch ohne amtliche Belege werden Geburtsort, -datum und der Name im provisorischen neuen Ausweis eingetragen. "Auf dieser Grundlage bekommen sie dann auch einen Spielerpass vom zuständigen Fußballverband", sagt Kartum.

Häufig falsche Spielerpässe

Nur: Wird der bürgerliche Ausweis irgendwann berichtigt - was nach nachträglichem Sammeln von Belegen im Heimatland bei einem Großteil der Flüchtlinge passiert - findet sich die Korrektur im Fußballpass oft nicht wieder. "Im deutschen Fußball laufen mittlerweile viele Spieler mit falschen oder doppelt ausgestellten Spielerpässen rum", glaubt Kartum.

Bei den Verbänden verweist man auf vorgegebene Regularien. Auf WDR-Anfrage, ob und wie man beim Verband mit derlei Pass-Ungereimtheiten umgeht, antwortete der für Paderborn zuständige Westdeutsche Fußballverband (WDFV): "Änderungen der personenbezogenen Daten sind durch die Vereine nachzuhalten und der Passstelle mit entsprechenden amtlichen Dokumenten zur Anpassung vorzulegen." Ob das tatsächlich passiert?

Nicht alle Flüchtlinge werden gleich behandelt

Im Umgang mit den Ausländerbehörden hat Kartum zudem beobachtet, dass keineswegs überall nach gleichen Kriterien Aufenthaltsgenehmigungen erteilt werden. "Nicht alle Flüchtlinge werden in Deutschland bei den Behörden gleich behandelt", sagt er.

Kartum selbst ist mittlerweile in Paderborn bekannt und sogar etwas prominent, weil er Auszeichnungen vom DFB erhalten hat und über seine Arbeit berichtet wurde. "Wenn ich persönlich zum Amt gehe und dort für einen Spieler vorspreche, hat derjenige sicherlich bessere Chancen, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, als wenn er ganz allein hingeht. Unterstützung der Vereine können das Prozedere bei der Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung durchaus beschleunigen."

Erstklassige Integration durch Fußball

Dass der Amateurfußball im Umgang mit Flüchtlingen grundsätzlich erstklassige Integrationsarbeit leisten kann, beweist das Beispiel Mohammed Kehya. Nach seinem ersten Schritt zum SC Aleviten hat er weitere folgen lassen: Hat im Verein geholfen, wo es nötig war. Und er hat die deutsche Sprache gelernt. Es folgten 18 Monate Bundesfreiwilligendienst, die Ausbildung zur C-Trainer-Lizenz. Parallel hat er mehrere Jugendmannschaften trainiert und Kartum und seinen Kollegen unterstützt, wo er konnte.

Kehya hat eine Arbeit gefunden und dann auch seine Frau aus Syrien nach Deutschland geholt. Gemeinsam haben sie eine eigene Wohnung bezogen. "Besser kann die Integration nicht laufen", sagt Kartum. "Die Familie Kehya hat schreckliche Ereignisse hinter sich gelassen und ist jetzt hier mitten in der Gesellschaft angekommen. Es gibt überhaupt keine Vorbehalte ihnen gegenüber aus der Bevölkerung."

Stand: 15.11.2019, 08:37

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