Wie Corona aus dem Amateurfußball einen Flickenteppich macht

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Wie Corona aus dem Amateurfußball einen Flickenteppich macht

Von Thorsten Poppe

Saisonabbruch oder Saisonfortsetzung – das entscheidet zurzeit jeder der 21 Landesverbände des DFB für sich. Dadurch kommt es zu einem Flickenteppich im Amateurfußball, durch unterschiedliche Spielkalender droht Chaos.

50,14 zu 49,86 – so lautete das Ergebnis einer Abstimmung der Vereine im Fußballverband Mittelrhein FVM über die Saisonfortsetzung oder den Saisonabbruch in Prozent. Eine oder zwei Stimmen hatten Mitte Mai wohl den Ausschlag für eine Fortsetzung gegeben.

Wie brisant dieses knappe Ergebnis ist, zeigt ein offener Brief. Wörtlich heißt es in dem Schreiben, das der FC Düren 99 auf seiner Webseite veröffentlichte: "Wir sind allerdings nicht damit einverstanden, wie der Verband in der Frage zur Weiterführung der Saison 19/20 vorgegangen ist. Dabei sei es dahingestellt, ob es in der laufenden Abstimmung zu einer möglicherweise unzulässigen Beeinflussung einzelner oder mehrerer Vereine gekommen ist."

Laschet wirft Plan über den Haufen

Der FVM als siebtgrößter der 21 Landesverbände im DFB wollte ab September die unterbrochene Saison in den Amateurligen zu Ende spielen lassen. So der Stand Anfang Mai.

Dann jedoch kam NRW- Ministerpräsident Armin Laschet und verkündete, dass auch Kontaktsport zeitnah wieder möglich sein solle. Daraufhin vollzieht der FVM eine komplette Kehrtwende. Jetzt wird die Saison doch abgebrochen, weil Hoffnung besteht, dass die kommende Spielzeit 20/21 ganz normal ausgespielt werden kann.

"Es gab ja auch sehr gute Gründe für die Fortsetzung, viele Vereine haben uns das auch attestiert. Jetzt haben sich die Rahmenbedingungen verändert und verschoben, und dann muss man ganz pragmatisch damit umgehen," erklärt der Präsident des FVM, Bernd Neuendorf.

Pragmatismus in unklaren Zeiten

Damit folgt der FVM seinen Nachbarverbänden, wie z.B. dem Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen. Zudem drohen nun auch keine unterschiedlichen Spielkalender mehr, die es bei einem Saisonabbruch im FVM bei gleichzeitiger Fortsetzung in Westfalen gegeben hätte.

Denn in der Regionalliga West, organisiert vom Westdeutschen Fußballverband, treffen Mannschaften aus beiden Verbänden aufeinander. Während die einen dann noch die Saison 19/20 zu Ende gespielt und Aufsteiger ermittelt hätten, wäre die neue Spielzeit 20/21 in der Regionalliga West dann wohl schon angelaufen.

Unterschiedliche Spielkalender im Amateurfußball

Anders ist es im Nordostdeutschen Fußballverband NOFV, in dem die sechs Mitgliedsverbände Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, und Sachsen organisiert sind. Fünf davon haben sich für den Saisonabbruch entschieden, Thüringen für die Saisonfortsetzung.

Der NOFV schreibt dazu auf Anfrage der Sportschau: "Der NOFV hat für eine einheitliche Verfahrensweise im Regionalverband plädiert, jedoch hat sich ein Verband für einen anderen Weg, zumindest im Seniorenbereich, entschieden. Dieses Recht steht jedem Verband frei und ist sicherlich bedingt durch den Föderalismus in unserem Land, den ständig wechselnden Verfügungslagen, unterschiedlicher Regelungen sowie der eigenen Abwägung nachvollziehbar und ist zu respektieren."

Thüringen geht den Sonderweg

Der Thüringer Fußballverband hat sich Ende Mai entschieden, unabhängig davon, ob sich noch vor dem 30. Juni die Möglichkeit ergeben sollte, wieder Kontaktsport im Wettbewerb ausüben zu dürfen. Damit folgte er dem Ergebnis der Abstimmung der Vereine, von denen sich mehr als die Hälfte für eine Fortsetzung der Saison über Ende Juni hinaus ausgesprochen hatten. Über 80 Prozent aller Vereine im Verband Thüringens hatten an dieser Abstimmung teilgenommen.

Das führt nun zu der schon oben angesprochenen Problematik der unterschiedlichen Spielkalender, und zwar schon ab der NOFV-Oberliga. In deren Staffel Süd treffen sich Teams aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und eben Thüringen. Die Aufsteiger dafür werden über die jeweiligen Verbandsligen ermittelt, die von den einzeln genannten Fußballverbänden selbst organisiert werden. Erst ab der Oberliga ist der NOFV zuständig. Während nun durch den Saisonabbruch die Aufsteiger aus den Verbandsligen in allen anderen Fußballverbänden feststehen, spielt Thüringen sie eben ab September dann noch aus.

Schwierige Organistion

Wie dieses Chaos gelöst werden soll, ist offen. Eine Anfrage der Sportschau an den Thüringer Fußballverband bleibt unbeantwortet. Auch der NOFV äußert sich dazu nicht mit einer konkreten Lösung, verweist aber auch darauf, dass erst Anfang Juni über den Saisonabbruch in den von ihm verantworteten Spielklassen Oberliga und Regionalliga endgültig entschieden wird.

"Wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass der Spielbetrieb im NOFV eine Herren -, eine Frauen -, eine Futsal – und 3 Junioren Regionalligen sowie 2 Herren – Oberligen, neben weiteren Wettbewerben umfasst. Zu diesen Spielklassen ist ein Aufstieg möglich, wenn die Voraussetzungen, (Bewerbung, Zulassung und sportliche Qualifikation bzw. Meldung durch den Landesverband), erfüllt werden. Es ist sicherlich nachvollziehbar, wenn sich die Spielplanung nach den Verfügungslagen der Gesundheitsbehörden, der Mehrheit der Verbände und Teilnehmer an einem Wettbewerb sowie weiteren Abhängigkeiten orientiert."

Flickenteppich Amateurfußball - Koch gelassen

DFB-Präsident Rainer Koch

DFB-Präsident Rainer Koch

Auch in Bayern wird die Saison fortgesetzt. Doch da hier die Regionalliga Bayern für das gesamte Bundesland gilt und nur vom bayerischen Fußballverband verantwortet wird, kann es hier nicht zu dieser Problematik wie im NOFV kommen.

Rainer Koch als Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes sieht auf dfb.de durch diesen Flickenteppich im Amateurfußball keine größere Hürden auf den DFB zukommen: "Probleme können nur an den Schnittstellen zu DFB-Spielklassen zutage treten - also von den Regionalligen zur 3. Liga. Das in Einklang zu bringen, ist bei näherer Betrachtung nicht schwierig. Da alle Regionalligen ohne Zuschauer nicht zu Ende gespielt werden können, muss über die Aufsteiger zur 3. Liga unabhängig von Abbruch oder Fortsetzung der Saison am "grünen Tisch" entschieden werden."

So funktioniert ein Saisonabbruch

Durch seine föderale Struktur zeichnet sich der DFB eben nicht runter bis zur Kreisliga verantwortlich, sondern das machen seine 21 Landesverbände. Und die entscheiden autark. Mittlerweile deutet sich dabei an, dass sie den Saisonabbruch mehrheitlich befürworten.

Bevorzugtes Mittel für die Ermittlung der Aufsteiger ist dann die Quotientenregelung. Hier wird die Anzahl der Punkte durch die Anzahl der absolvierten Spiele bewertet. Absteiger soll es keine geben. Über den Saisonabbruch muss aber jeweils ein außerordentlicher Verbandstag entscheiden, den jeder Verband für sich dazu noch im Juni abhalten will. Erst danach weiß jeder Amateurkicker verbindlich, wie der Flickenteppich Amateurfußball aussehen wird.

Stillstand im deutschen Amateurfußball - die Folgen Sportschau 04.04.2020 04:28 Min. Verfügbar bis 04.04.2021 Das Erste

Stand: 03.06.2020, 08:20

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