So richtet sich der Amateurfußball wieder auf

Ein Ball im Tor eines Fußballplatzes

Nach der Corona-Welle

So richtet sich der Amateurfußball wieder auf

Nach den Profis fahren auch die Amateurfußballer den Betrieb wieder hoch. Die Mehrheit hat die erste Welle der Corona-Pandemie überstanden. Eine mögliche zweite oder dritte könnte aber schwerere Folgen haben.

Es ist ein Neustart ins Ungewisse. Nach monatelanger Corona-Zwangspause fährt der Amateurfußball den Betrieb vielerorts wieder hoch. Die fast 25.000 Klubs, die beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) registriert sind, haben die erste Welle der Pandemie überstanden. Mal mit mehr, mal mit weniger Schrammen. Noch sind aber gar nicht alle Folgen absehbar. "Der Amateurfußball hat in dieser Krise seine Kraft entfaltet, das stimmt mich zuversichtlich", sagt DFB-Vizepräsident Rainer Koch der Deutschen Presse-Agentur: "Aber wir alle müssen auch etwas dafür tun, dass er so stark bleibt und diese Krise, die sich keiner ausgesucht hat, durchsteht."

Massenabmeldungen sind ausgeblieben

Die befürchteten Massenabmeldungen von Mannschaften sind bisher ausgeblieben. In Baden beispielsweise sind zwar nur noch 844 statt der 888 Herren-Teams aus dem Vorjahr gemeldet, in Sachsen nur noch 1.045 statt 1.060. Die Verbände führen das aber nicht auf Corona zurück. Schon in den vergangenen Jahren war ein Schwund zu beobachten. Und angesichts der knapp 55.000 Herren-Mannschaften, die der DFB bei seiner jüngsten Erhebung im Januar zählte, hält er sich in Grenzen.

Flickenteppich Amateurfußball: Vereine müssen erfinderisch werden Morgenmagazin 22.07.2020 01:44 Min. Verfügbar bis 22.07.2021 Das Erste

In zahlreichen Bundesländern gab's schon wieder Vorbereitungs- und Pokalspiele, im September sollen die Meisterschaftsrunden starten. Ausgerechnet in Kochs Zuständigkeitsbereich - im Bayerischen Fußballverband (BFV) - darf der Ball aber weiterhin nicht rollen. Die ausgebliebenen Lockerungen für den Amateurfußball im Freistaat haben beim BFV-Präsidenten heftige Kritik hervorgerufen. "Die Nichtfreigabe von Freundschaftsspielen im Amateurfußball stößt bayernweit auf großes Unverständnis, zumal sie zumindest bislang von der Staatsregierung in der Sache in keiner Weise begründet worden ist. Ehrlich gesagt auch bei mir", schrieb Koch in den sozialen Medien.

Wenn die Landesregierung mit ihren Entscheidungen bei Bayerns Vereinen und Mitgliedern auf breites Verständnis stoßen wolle, "muss sie ihre Entscheidungen so treffen und begründen, dass sie von den Menschen verstanden und akzeptiert werden". Er habe deshalb für diesen Donnerstag eine Sitzung des BFV-Vorstands einberufen. Er könne auch nicht verstehen, dass der FC Bayern gegen Olympique Marseille testen darf, während die Amateurklubs die Füße stillhalten müssten. Dann bitte gleiches Recht für alle. "Das Virus macht keine Unterschiede zwischen Profis und Amateuren", hielt Koch als Schlusssatz fest.

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In Bayern soll im September die alte, abgebrochene Saison fortgesetzt werden, in den übrigen 20 Landesverbänden - Stand jetzt - eine neue angepfiffen. Teils mit aufgestockten Ligen, da es nach dem Lockdown in den meisten Fällen zwar Auf-, aber keine Absteiger gab. Teils mit neuem Modus, zum Beispiel einer Hinrunde und anschließender Auf- und Abstiegsrunde. Und mit einem Hygiene-Leitfaden des DFB, der die Spielstätten fortan in drei Zonen teilt (Spielfeld, Umkleidebereich, Publikumsbereich).

Viel Aufwand für wenig Personal

Die Klubs desinfizieren ihre Bälle, tragen die Zuschauer in Listen ein, lassen ihre Spieler in Etappen duschen. Viel Aufwand für oft wenig Personal. Dennoch überwiegt dort, wo schon wieder gespielt werden darf, die Dankbarkeit. Die Befürchtungen, dass während der Pause etliche Mitglieder austreten könnten, haben sich vielerorts noch nicht bestätigt.

"In finanzieller Hinsicht aber hat es unsere Vereine schwerer getroffen, weil sie beispielsweise auf die Pacht des Wirtes ihres Vereinsheimes, das ja auch geschlossen war, verzichten mussten oder keine Sommerfeste und Jugendturniere austragen konnten", sagt DFB-Vize Koch: "In den einzelnen Bundesländern gab es unterschiedliche Lösungen wie Soforthilfen oder etwa verdoppelte Übungsleiter-Pauschalen. Dafür haben wir uns mit unseren Landesverbänden bei der Politik stark gemacht." Einige Klubs halfen sich auch selbst, verkauften virtuelle Tickets oder Bratwürste.

"Profifußballer in der Oberliga sind keine gute Idee"

Da sie ihre Spieler oft pro Einsatz, aber nicht fortlaufend bezahlen, hatten viele Vereine aus den unteren Ligen zudem kaum Ausgaben. Anders als die in den Regional- oder Oberligen, wo oft feste Monatsgehälter fließen und die Zuschauereinnahmen deutlich mehr ins Gewicht fallen. "Vereine, die signifikante Spieler- und Trainergehälter zahlen, haben jetzt auch entsprechend größere Nöte", sagt Koch: "Profifußballer in der Oberliga sind keine gute Idee. Der Amateurfußball ist in den letzten Jahren viel zu teuer und in einigen Fällen fast nicht mehr finanzierbar geworden. Vielleicht bringt das Corona-Virus uns alle wieder zur Vernunft. Hoffentlich ohne Insolvenzen."

Die droht den Stuttgarter Kickers, früher Erst- und nun Fünftligist, nicht. Ihren Etat für die 1. Mannschaft haben sie aber um fast 15 Prozent gesenkt. "Wir sind bisher ganz gut durchgekommen", sagt ihr Präsident Rainer Lorz: "Aber eine mögliche zweite oder dritte Welle würde uns und viele andere Klubs sicher härter treffen." Je größer die Abhängigkeit von Zuschauer-Einnahmen ist, desto höher ist das Risiko. Auch der einstige deutsche Meister Rot-Weiss Essen, der jetzt in der Regionalliga spielt, hat den Lockdown insgesamt ordentlich verkraftet. Er hat aber auch zehn Prozent seines Umsatzes eingebüßt. "Rund zwei der gut sieben Millionen Euro, die dieser Verein im Jahr einnimmt, stammen aus Zuschauereinnahmen", sagt Vorstandschef Marcus Uhlig: "Aber im Endeffekt hängt jeder Euro irgendwie mit den Heimspielen zusammen." Was den Amateur- am gravierendsten vom Profifußball unterscheidet.

"Die Schere wird noch weiter auseinandergehen"

"Die Schere wird noch weiter auseinandergehen", fürchtet Kickers-Boss Lorz. Auch, weil die Profiklubs ihre TV-Einnahmen und somit eine sichere Geldquelle haben - ob bei Geister- oder normaler Kulisse. Weil keiner weiß, wie lange seine Sponsoren tatsächlich bei der Stange bleiben. Und ob nicht noch ein weiterer Abbruch kommt. "Wir können wohl erst dann wieder von einer Normalität sprechen, wenn ein Impfstoff gefunden ist oder es entsprechende Medikamente gibt", sagt DFB-Vize Koch: "Das gilt für den Amateurfußball ebenso wie für unser ganzes gesellschaftliches Leben." Bis dahin bleibt die Gefahr, doch noch von der Corona-Welle überschwemmt zu werden, bestehen.

Stand: 29.07.2020, 14:18

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