Wie der Lockdown den Fußball-Talenten ein Bein stellt

Platzsperre der Sportanlage Turu Düsseldorf

Auswirkungen der Corona-Krise auf den Nachwuchs

Wie der Lockdown den Fußball-Talenten ein Bein stellt

Von Frank Hellmann

Die Spielpause im gesamten Amateurfußball trifft vor allem Kinder und Jugendliche, denn der Lockdown behindert massiv die Talententwicklung. Betroffen ist mit dem "Projekt Zukunft" das wichtigste Vorhaben im deutschen Nachwuchsbereich. Denn es ist nicht mal absehbar, wann überhaupt der Ball wieder rollt.

Es gibt sie noch, die wenigen Orte, an denen auch in Lockdown-Zeiten einfach weiter Fußball gespielt wird. In Frankfurt, der Heimat vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL), treffen sich Jugendliche noch auf den Bolzplätzen mit wetterfestem Gummibodenbelag im Hafenpark, um ein paar Bälle aufs Tor zu schießen. Nicht weit davon entfernt spielen an Wochenenden manche auf den Freiflächen im Ostpark. Leibchen werden angezogen, um dann ein unorganisiertes Spielchen zu veranstalten.

Die Widersprüche sind oft schwer aufzulösen

Zu groß scheint der Drang, mal wieder an der frischen Luft der schönsten Nebensache der Welt zu frönen. Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter Nationalmannschaften im Deutschen Fußball-Bund (DFB), spürt, dass viele nicht mehr stillhalten wollen und können. Schließlich sind die Widersprüche zwischen Profis und Amateuren, zwischen Schule und Sport oft nicht einfach aufzulösen. Warum ist den einen erlaubt, was den anderen verboten ist?

"Ich glaube, dass der Sport in unserem System eine sehr hohe gesellschaftliche Relevanz hat. Wenn ich gesehen habe, dass Kinder vor Weihnachten zwar in die Schule, aber nicht draußen Fußball spielen durften, kam bei mir schon die eine oder andere Frage auf", sagt Chatzialexiou gegenüber der Sportschau. "Ich glaube, dass es gerade für die Kinder sehr wichtig ist, dass sie sich bewegen, dass sie an der frischen Luft sind. Und das wirkt sich nicht nur körperlich, sondern auch auf die Psyche aus."

In den Großstädten sind die Probleme größer

Gerade in Großstädten wie Frankfurt, wo in vielen Wohnungen nicht unendlich viel Platz ist. Chatzialexiou ist hier geboren, hat auf vielen Amateursportplätzen selbst gespielt, arbeitete während des Sportstudiums im Leistungszentrum von Eintracht Frankfurt als Trainer. Auch an ihm nagt der Stillstand. Vor Ausbruch der Corona-Krise ist der 44-Jährige gerne an Wochenenden von einem Sportplatz zum anderen gefahren, um sich einen Überblick zu verschaffen. Wie ist das Niveau der Spieler? Was machen die Trainer?

Joti Chatzialexiou

Joti Chatzialexiou

Doch das geht nicht mehr, denn der Trainings-und Spielbetrieb für das Gros der 25.000 Vereine ist ausgesetzt. Womöglich sogar bis Ostern. Chatzialexiou weiß: Es ist allenfalls eine Kompensation, wenn im Talentförderbereich über die Nationalmannschaften digitale Angebote gemacht werden, um die Spieler und Spielerinnen in Bewegung zu halten. Doch am Tablet, Smartphone oder PC abgeschaute Übungen ersetzen nie den echten Fußball.

Alles mit der gebotenen Zurückhaltung

Der Sportliche Leiter hat nach dem ersten Lockdown im Frühjahr die ausgefallene Spielzeit mit einem Kreuzbandriss verglichen, um aufzuzeigen, dass die Jugend teilweise über ein halbes Jahr weder trainieren noch spielen konnte. Heute sagt Chatzialexiou: "Wir unterhalten uns darüber, wie wir unseren Spielern und Spielerinnen die Möglichkeiten geben können, wieder so schnell wie möglich auf den Platz zu kommen."

Ansgar Schwenken, der DFL-Direktor Fußball-Angelegenheiten, verweist darauf, dass die Verbände sich um einen engen Draht zur Politik bemühen würden, "aber alles selbstverständlich mit der gebotenen Zurückhaltung". Dass die ersten Profi-Spielklassen und die Frauen-Bundesliga spielen, sei "Berufsausübung auf Basis eines umfassenden medizinisch-hygienischen Arbeitsschutz-Konzeptes". Sobald es eine Möglichkeit gebe, den Breitenfußball spielen zu lassen, solle das in abgespeckter Form umgesetzt werden – "das würden wir natürlich begrüßen", sagt Schwenken.

Ein Stoppschild auch für das "Projekt Zukunft"

Der Lockdown hat auch das von DFL und DFB gemeinsam initiierte "Projekt Zukunft" ausgebremst. Dies war im September 2019 beim DFB-Bundestag per Grundsatzbeschluss angestoßen worden. Hier bündeln sich viele Ansätze, um den deutschen Fußball zurück in die Weltspitze zu führen. Der entscheidende Hebel ist ein veränderter Rahmen für die Kinder und Jugendlichen.

Auf vielen Ebenen hat Deutschland den Anschluss verpasst, die Rede ist von einem "historisch schlechten Niveau" in den unteren Jahrgängen. DFB-Direktor Oliver Bierhoff, verantwortlich für die Nationalmannschaften und die im Bau befindliche Akademie, legte mehrfach öffentlich den Finger in die Wunde. In den Auswahlmannschaften von der U17 bis zur U21 sei zu erkennen, dass die Anzahl "an herausragenden Spielern pro Mannschaft schon extrem gegenüber früheren Jahrgängen abnimmt".

Die Einsatzzeiten deutscher U23-Spieler befinden sich in der Bundesliga gerade auf einem Rekordtief, 75 Prozent der eingesetzten U23-Spieler sind ausländische Akteure. Vor einem Jahr beim DFL-Neujahrsempfang bezeichnete Liga-Boss Christian Seifert das "Projekt Zukunft" als das wichtigste Vorhaben des deutschen Fußballs der nächsten zehn bis 15 Jahre. Seifert sagte, die Reformen im Jugendbereich würden "elementar sein für die Qualität des deutschen Spitzenfußballs, den wir ab 2030 und darüber hinaus erleben." Jetzt geht’s 2021 erst einmal darum, dass überhaupt wieder irgendwann der Ball rollt.

Unterschied am Nachwuchsleistungszentrum bei Eintracht Frankfurt

DFL-Direktor Andreas Nagel und seine Kollegen aus dem Bereich  Sport & Nachwuchs sind mit den 56 zertifizierten Nachwuchsleistungszentren wegen der Einschränkungen in Kontakt. Je nach örtlicher Verfügungslage ist derzeit für die besten Talente noch ein regelmäßiges Training möglich, aber selbst die A- und B-Junioren-Bundesligen müssen seit dem vergangenen Herbst aussetzen. "Entscheidend ist natürlich, wie sich die Pandemie entwickelt. Wir empfehlen den Klubs, sich mit ihren zuständigen Behörden in Verbindung zu setzen, um zumindest die Umsetzung eines internen Trainings- und Spielbetriebs in den Leistungszentren zu prüfen", sagt Nagel.

Andreas Möller, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums von Eintracht Frankfurt, empfindet die Situation als herausfordernd. "Wir sind immer am Puls der Pandemie, müssen ständig auf neue Verordnungen reagieren und können fast nichts planen. Das ist alles nicht so einfach, dieser Generation fehlte eine ordentliche Portion Fußball", sagte der Weltmeister von 1990 kürzlich im Fachmagazin "Kicker".

Bei den Hessen dürfen im Leistungsbereich von der U15 bis zur U19 die Teams am Riederwald trainieren, sie sind dem Spitzensport unterstellt. "Nichtsdestotrotz gibt es bei uns circa 120 andere Kinder und Jugendliche, die der schönsten Nebenbeschäftigung in ihrem Leben nicht nachgehen können", erzählt Möller, "für diese Mannschaft können wir derzeit nur Online-Training anbieten. Das schmerzt, aber da sind uns wie vielen anderen Vereinen die Hände gebunden." Er könne keine Prognose abgeben, welche langfristigen Auswirkungen das haben wird, aber "sicherlich geht diese Generation sehr gehandicapt in die Zukunft."

Stand: 26.01.2021, 11:09

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