Angeklagte im WM-Skandal wollen nicht anreisen

Der ehemalige Präsident des DFB Theo Zwanziger

Sommermärchen-Prozess

Angeklagte im WM-Skandal wollen nicht anreisen

Der Sommermärchen-Prozess in der Schweiz steht wegen des Coronavirus kurzfristig auf der Kippe. Das passt in eine Reihe von Merkwürdigkeiten rund um die Ermittlungen zur WM 2006. Diejenigen, die wirklich etwas wissen, geben sich bockig.

"Ich halte es für absolut unzumutbar, eine Reise ins Tessin, das an die Lombardei grenzt, und in dem Veranstaltungen abgesagt werden, anzutreten", sagte Ex-DFB-Chef Theo Zwanziger. Der 74-Jährige ist von den Schweizer Behörden wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung angeklagt. Der erste von zwölf Verhandlungstagen ist für Montag (09.03.2020) anberaumt.

Auch Niersbach, Schmidt und Linsi angeklagt

Neben Zwanziger gehören auch die ehemaligen DFB-Funktionäre Wolfgang Niersbach und Horst R. Schmidt sowie der ehemalige Schweizer FIFA-Generalsekretär Urs Linsi zu den Angeklagten. Die "beachtlichen gesundheitlichen Risiken" (Zwanziger) führen auch der 69-jährige Niersbach und der 78-jährige Schmidt an, um nicht in die Schweiz zu reisen. Linsi, 70 Jahre alt, hingegen werde am Montag vor Gericht erscheinen, "wenn nichts dazwischenkommt", zitierte die Schweizer Zeitung "Tagesanzeiger" einen Sprecher des Angeklagten.

Alle haben die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Das Verfahren gegen Franz Beckenbauer war im Vorjahr abgetrennt worden. Er ist allerdings wie der ehemalige FIFA-Chef Joseph Blatter und Ex-Fußballstar Günter Netzer als Zeuge geladen. Geplant sind zunächst zwölf Prozesstage. Falls einer der Angeklagten am Montag (9.00 Uhr) nicht erscheint, soll erst ab Mittwoch verhandelt werden. Laut Prozessplan sollen Blatter und Netzer am 12. März befragt werden. Beckenbauer wäre tags darauf an der Reihe.

Rätselraten über den wahren Geldfluss

Hintergrund ist der dubiose Geldfluss von 6,7 Millionen Euro aus den Jahren 2002 und 2005. Beckenbauer hatte 2002 vom Unternehmer Robert Louis-Dreyfus einen Kredit in dieser Höhe erhalten. Das Geld floss im Anschluss auf Konten des damaligen FIFA-Funktionärs Mohammed bin Hammam nach Katar. Die Rückzahlung an Louis-Dreyfus drei Jahre später wurde von einem DFB-Konto über die FIFA abgewickelt.

Der wahre Zweck der Überweisung von 2002 bleibt deshalb weiterhin ungeklärt. Eine Bestechungszahlung im FIFA-Präsidentschaftswahlkampf? Oder eine nachträgliche Überweisung für die nötigen Stimmen bei der WM-Vergabe nach Deutschland im Jahr 2000? Auch über einen privaten TV-Rechte-Deal von Beckenbauer wird spekuliert. Bin Hammam ist in der Schweiz weder angeklagt noch als Zeuge geladen.

Sommermärchen-Prozess in der Schweiz: Beckenbauers Rolle

Sportschau 08.03.2020 02:56 Min. Verfügbar bis 08.03.2021 ARD

Nahe an Italien

Und diejenigen, die geladen sind, fürchten sich vor dem Coronavirus. Die Schweizer Regierung hatte zuletzt ein Verbot für alle Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Besuchern verkündet. Bellinzona liegt nur rund 50 Kilometer von der italienischen Grenzregion entfernt, in der zahlreiche Fälle des Coronavirus registriert worden sind. Zwanziger erholt sich derzeit zudem von zwei Augenoperationen.

Zwanziger: "Ich wollte hin"

"Ich darf zurzeit weder fliegen noch Auto fahren, die Ärzte halten mich für reise- und verhandlungsunfähig. Ich will dies aber noch amtsärztlich bewerten lassen", sagte der Jurist. Angeblich wäre er aber grundsätzlich gerne an dem ursprünglich vorgesehenen Termin im Januar vor Gericht erschienen. Dieser war von der Justizbehörde abgesagt worden. "Ich wollte hin. Es hätte mir Spaß gemacht, mich zu den Vorwürfen, die ich für Unsinn halte, zu äußern", sagte er.

Urteil muss bis zum 27. April fallen

Zwanziger erneuerte seine Kritik an den Schweizer Behörden: "Für den ersten Termin am 20. Januar war freies Geleit zugesichert. Dieser Termin ist durch Schlamperei nicht zustande gekommen." Um Verjährung zu verhindern, muss bis zum 27. April ein erstinstanzliches Urteil verkündet werden. Der DFB tritt in dem Prozess als Privatkläger auf. "Scheinbar sind da Sachen gelaufen, die man nur kriminell nennen kann", sagte der neue DFB-Präsident Fritz Keller. Er äußerte die "größte Bitte, endlich mit der Wahrheit auf den Tisch zu kommen, damit wir uns nicht mehr mit so etwas beschäftigen müssen".

WM-Verantwortliche auf der Anklagebank Sportschau 06.08.2019 01:40 Min. Verfügbar bis 06.08.2020 Das Erste

sid/dpa/red | Stand: 06.03.2020, 07:00

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