Regelhüter stellen klar: Knappes Abseits bleibt Abseits

Video-Assistent in der Premier League, hier bei Norwich City

Fußball

Regelhüter stellen klar: Knappes Abseits bleibt Abseits

Von Chaled Nahar

In der Premier League gab es zuletzt Diskussionen über einige sehr knappe Abseitsentscheidungen. Medien in England und Deutschland berichteten, dass die Regelhüter des IFAB Änderungen planen und der Video-Assistent bei besonders knappen Fällen nicht mehr eingreifen soll. Doch das IFAB widerspricht nun dieser Darstellung.

Am Neujahrstag erlebte die technologische Betrachtung des Fußballspiels einen kleinen Meilenstein. Als Burnley gegen Aston Villa spielte, sollte der Video-Assistent bei einer möglichen Abseitsposition quasi klären, welcher Spieler die Ferse höher hatte. Das Echo auf diese und zahlreiche ähnliche Entscheidungen mit Lot und Linien vor allem in der englischen Premier League war deutlich: "Das will doch keiner!"

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IFAB: "Auch ein Zentimeter Abseits ist Abseits"

Englische und deutsche Medien berichteten, dass die Fußball-Regelhüter vom IFAB (International Football Association Board) den Video-Assistenten deshalb bei knappen Entscheidungen künftig untersagen wollen, sich beim Schiedsrichter zu melden. Doch im Gespräch mit sportschau.de stellt IFAB-Geschäftsführer Lukas Brud klar: Es wird keine Änderungen geben.

"Wenn die Bilder mit kalibrierten Linien und dem Lot zeigen, dass eine Abseitsstellung vorliegt, dann soll sich der Video-Assistent weiterhin melden. Auch wenn es nur um einen Zentimeter geht. Abseits ist Abseits." Auch eine "Toleranzgrenze" komme nicht in Frage. Brud, der in den Berichten zitiert worden war, habe nach eigenen Worten lediglich an das Grundprinzip des "klaren, offensichtlichen Fehlers" erinnern wollen. "Es geht darum, dass dem Video-Assistenten schnell klar sein muss, ob Abseits vorliegt. Er soll nicht minutenlang auf jede Perspektive die Linien anlegen." Dabei warb er für mehr Vertrauen für die Unparteiischen an den Bildschirmen, die mittlerweile "ein gutes Gespür haben".

Was Abseits beim VAR schwierig machen kann

Fans verfolgen den Videobeweis in Norwich auf einer Videowand.

Fans verfolgen den Videobeweis in Norwich auf einer Videowand.

Es klingt wie eine Handlungsempfehlung: Such nicht so lange, wenn du nichts findest. Die Frage, ob sich ein Spieler im Abseits befindet, ist mit ja oder nein vordergründig schlicht zu beantworten, einen Ermessensspielraum wie beim Handspiel oder bei Fouls gibt es für Schiedsrichter nicht. Die kalibrierten Linien und das virtuelle Lot des Video Assistant Referees (VAR) sollten den Streit um das Abseits beenden. Und die Technik brachte zunächst tatsächlich die lang vermisste Klarheit - dann aber auch Diskussionen um Ungenauigkeiten der Messung beim Zeitpunkts des Abspiels.

Das IFAB stellte zwar klar, dass der "erste Impuls gegen den Ball" beim Abspiel der entscheidende Zeitpunkt sei. Doch eine Sekunde besteht bei dem Videomaterial aus 25 oder 50 Bildteilen, sogenannten "Frames". Es kann vorkommen, dass ein Frame den Fuß kurz vor der Ballberührung zeigt, der Ball aber beim nächsten Frame den Fuß fast schon wieder verlassen hat. Hinzu kommt, dass sich Spieler in vollem Lauf auch zwischen zwei Frames aus oder ins Abseits bewegt haben könnten. Die Technik ist also keineswegs perfekt. Sie ist aber die genaueste, die bislang vorliegt - worauf soll sich ein Video-Assistent sonst berufen?

Was hinter der Diskussion steckt

Früher klagte man über große Fehler, nun also über zu große Genauigkeit. UEFA-Präsident Aleksander Ceferin, der nie als Freund der Technik auftrat, hatte sich Anfang Dezember über die knappen Abseitsentscheidungen beklagt. "Wenn du eine große Nase hast, bist du heutzutage im Abseits", sagte er über die ersten Erfahrungen der UEFA mit dem Video-Assistenten. Er fügte an, dass er sich vom IFAB eine "Toleranzgrenze" beim Abseits von "zehn bis zwanzig Zentimetern" wünsche.

Dass eine "Toleranzgrenze" nicht die Lösung sein kann, ist allerdings augenscheinlich. Denn was wäre bei einer knappen Entscheidung an der Grenze zur Toleranzgrenze? Wenn es einen echten Spielraum bei Abseitspositionen geben würde, gehört zudem nicht viel Fantasie dazu, sich die neuen Diskussionen auszumalen: Denn wenn ein Fernsehsender dann ein noch so knappes, aber nicht korrigiertes Abseits nachweisen könnte, würden sich Klubs und Fans ebenfalls schnell verschaukelt vorkommen. Der Ruf nach einer Technik, die eigentlich vorliegt und sogar schon im Einsatz gewesen sein wird, wäre die wahrscheinliche Folge.

Lebt man besser ohne Video-Assistent?

Die Diskussion um die knappen Abseitsentscheidungen werden also bleiben. Die Frage, die sich beim Videobeweis aufdrängt, ist schlicht die Sinnfrage. Passen das Regelwerk des Fußballs, passt die Sportart im Geiste überhaupt zum Video-Assistenten? Hat der VAR die Schiedsrichter ihres Ermessensspielraums beraubt, was nun zu überkorrekten Entscheidungen führen kann? Für die Schiedsrichter ist das Hilfsmittel meist eine große Erleichterung. Aktive Fanszenen stellen das in Deutschland in den Stadien dagegen immer wieder in Frage und beklagen die Emotionen unter Vorbehalt. In England ist die Ablehnung groß, manche Fans singen: "Das ist kein Fußball mehr."

Doch das Rad wird kaum zurückgedreht werden, der Video-Assistent wird wohl Teil des Spiels bleiben - und mit ihm der Streit. "Entweder bist du im Abseits oder nicht. Das sind klare Entscheidungen", hatte FIFA-Präsident Gianni Infantino nach der in Sachen Video-Assistent erfolgreichen WM 2018 in Russland frohlockt und fragte bei einer Pressekonferenz die Journalisten: "Wie oft haben Sie darüber geschrieben, ob ein Spieler im Abseits ist oder nicht? Jetzt müsst ihr andere Fragen klären, denn das mit dem Abseits ist vorbei."

Wie man sich irren kann.

Stand: 03.01.2020, 14:31

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