Patrick Falk - der FC Barcelona blieb nur ein Traum

Patrick Falk

Haarscharf vorbei - der verpasste Traum vom Fußballprofi

Patrick Falk - der FC Barcelona blieb nur ein Traum

Von Olaf Jansen

Als Jugendspieler war Patrick Falk ein Jahrhunderttalent. Selbst der FC Barcelona jagte den torgefährlichen Spielmacher aus Hessen. Als sein Stern bei den Profis aufgehen sollte, landete er bei Felix Magath. Das ging nicht gut.

Am 4. April 1999 dürfen die Zuschauer im riesigen Nationalstadion von Lagos einen von Patrick Falks besonderen Momenten bewundern. Die deutsche U20-Nationalmannschaft um den Regisseur von Eintracht Frankfurt bestreitet bei der Weltmeisterschaft in Nigeria ihr erstes Gruppenspiel gegen Paraguay und hat die Südamerikaner gut im Griff.

Beim Stand von 3:0 wird Falk im Mittelkreis angespielt. Der 19-Jährige schaut kaum auf und schlägt den Ball nach kurzer Annahme in hohem Bogen aus gut 50 Metern über den vorgerückten Torwart des Gegners hinweg zum 4:0 ins Tor. Ein Treffer, der für Begeisterung sorgt und später zum schönsten Tor des Turniers gewählt wird.

"Das größte Talent, das ich je betreut habe"

Typisch Falk - heißt es damals: enormer Spaß am Spiel, gepaart mit ungeheurem Selbstbewusstsein. 1980 geboren, gilt der gebürtige Hesse in den 90er Jahren als die Spielmacher-Hoffnung der Nation. Erich Rutemöller, der Patrick Falk in diversen U-Nationalteams des Deutschen Fußball-Bundes betreute, sagt noch heute: "Patrick Falk war das größte Talent, das ich jemals betreut habe. Er war ein extrem guter Spielmacher mit viel Übersicht und tollem Gefühl für Spielsituationen. Und dazu war er auch noch enorm torgefährlich."

Ideale Voraussetzungen für eine glänzende Profikarriere - sollte man meinen. Als er bei Eintracht Frankfurt 1999 aus der Jugend kommt und im Profikader aufgenommen wird, folgen direkt erste Bundesligaeinsätze. Doch es wird nichts aus dem Gipfelsturm in die fußballerische Weltspitze. Nach einem halben Jahr in der Bundesliga versinkt Falks Stern in der dritten und vierten Liga.

Erich Rutemöller: "Patrick Falk war ein Torjäger-Typ" Sportschau 13.07.2020 02:25 Min. Verfügbar bis 13.07.2021 Das Erste

Heute sitzt Falk in seinem kleinen Büro in Langenselbold bei Frankfurt. Es ist sommerlich warm, er empfängt in Dreiviertel-Jeans und T-Shirt zum Gespräch. Von einer drahtigen Sportlerfigur ist der 40-Jährige inzwischen weit entfernt - als Spielerberater mit einer eigenen kleinen Agentur konzentriert sich Falk mittlerweile auf das Anschauen von Fußballspielen. "Die technischen Mängel bei den heutigen Fußballprofis im Profibereich sind enorm", findet er. Manchmal sei der Blick auf ein Bundesligaspiel für ihn regelrecht schmerzhaft: "Wenn den Spielern bei der Ballannahme die Kugel meterweit wegspringt, kriege ich das kalte Grausen."

"Hör auf, die anderen Kinder wollen auch noch"

Falk selbst ist schon als Nachwuchskicker technisch höchst begabt gewesen. Sein außergewöhnliches Talent wird früh erkannt. In Gelnhausen aufgewachsen, schießt er in einem E-Jugendspiel gegen Eintracht Frankfurt sieben Tore und landet wenig später bei dem Vorzeigeklub der Region. Ein Probetraining ist abgemacht. Wird aber überflüssig, als Eintrachts damals verantwortlicher Jugendtrainer Hubert Neu dem kleinen Patrick beim Balljonglieren zusieht. "Hier ist kein Probetraining nötig", findet Neu.

Balljonglieren ist die Paradedisziplin des Jungen: Bei einem Wettbewerb anlässlich eines Jugendturniers steigt er ein, als der Führende der Wertung 380 Ballkontakte auf dem Konto hat. "Hör auf, die anderen Kinder wollen auch noch", ruft der Veranstalter, als Patrick Falk bei 400 Ballberührungen angekommen ist. Denkste. Erst bei der Marke von 1.280 Ballberührungen lässt er die Kugel auf den Boden fallen. Fast eine Dreiviertelstunde hat er den Ball hochgehalten und kassiert den Siegerpreis: einen handsignierten Lederball der deutschen Nationalmannschaft von 1982.

Goldene Jugend bei Eintracht Frankfurt

Bei der Eintracht beginnt eine schöne, erfüllte Jugendfußball-Zeit. Was auch damit zu tun hat, dass die Frankfurter in Falks Jahrgang eine außergewöhnlich gute Mannschaft stellen. Mit Spielern wie Konstantinos Rodriguez, Jochen Endress, Uli Fäth und Jermaine Jones an seiner Seite verliert das Team um Spielmacher Falk in der D- und C-Jugend über Jahre kein einziges Spiel.

Patrick Falk - Eintracht Frankfurt Sportschau 21.07.2020 00:53 Min. Verfügbar bis 21.07.2021 Das Erste

Die Frankfurter Asse bleiben natürlich auch dem DFB nicht verborgen. Falk, der sich mit seiner offenen, kommunikativen Art zu einer Führungspersönlichkeit auf dem Platz entwickelt, startet in der U15 eine große Karriere in den deutschen Nachwuchs-Nationalmannschaften, die ihm ungeheures Selbstvertrauen gibt. "Ich war im älteren Jugendbereich in Frankfurt eine Institution, quasi unantastbar. Dass ich als gefeierter Spielmacher dann auch für Länderspiele berufen wurde, war für mich damals normal."

EM und WM - bester Spieler seines Jahrgangs

Patrick Falk

1999 bei einem Junioren-Länderspiel

Sowohl bei der U16-Europameisterschaft wie auch bei der U20-Weltmeisterschaft in Nigeria 1999 wird Falk von den Juroren als bester Mittelfeldspieler des Turniers ausgezeichnet. Gegen Konkurrenten wie Brasiliens Ronaldinho, den Spanier Xavi oder Stephen Appiah aus Ghana und Seydou Keita aus Mali. Falks Bilanz in den deutschen Nachwuchs-Nationalmannschaften liest sich beeindruckend: In seinen insgesamt 52 Einsätzen für die verschiedenen U-Mannschaften erzielt er 49 Tore.

Früh treten auch andere Vereine an das Frankfurter Talent heran. In der U16 flattert nach einem internationalen Turnier sogar das Angebot vom großen FC Barcelona auf den Tisch. Johan Cruyff höchstpersönlich schickt ein Fax an die Verantwortlichen der Frankfurter Eintracht. Man wolle Patrick zu einem Probetraining einladen, habe Interesse an einer Verpflichtung des damals 15-Jährigen.

Mit 15 nach Barcelona - der Vater war dagegen

Doch das Angebot des FC Barcelona darf er nicht annehmen - sein Vater ist dagegen. "Ich sollte erst meine Schul-Ausbildung beenden“, erklärt Falk. "Damals war ich unendlich traurig, aber im Nachhinein muss man natürlich sagen: Mein Vater hatte Recht. Es geht nichts über eine vernünftige Ausbildung und die Grundlagen für einen Plan B, falls es mit dem Fußball nicht klappt", findet Falk.

So wie bei ihm: Nach einem A-Jugend-Abstecher zu Bayer Leverkusen und der Rückkehr nach Frankfurt 1999 bekommt er dort einen Profivertrag. Vielleicht geht das alles viel zu glatt. Falk scheint es offenkundig ein wenig an Respekt vor den arrivierten Spielern zu mangeln. "Als Patrick aus der Jugend zu uns hochkam, hätte er die Dinge vielleicht etwas demütiger angehen lassen können", sagt sein ehemaliger Mitspieler Ralf Weber. Der ehemalige Nationalspieler erinnert sich: "Er hatte enormes Selbstvertrauen. So nach dem Motto: 'Schaut mal, wo ich euch Blinden helfen kann'."

Profi-Premiere unter Berger - mitten im Abstiegskampf

Patrick Falk

Falk 2000 im Trikot der Eintracht

Bei Trainer Jörg Berger besitzt Falk dennoch gute Karten: Er kommt in der Hinrunde zu insgesamt elf Bundesligaeinsätzen, ist dabei an acht Toren als Vorlagengeber beteiligt - eine gute Bilanz für einen 19-Jährigen. Doch die Saison entwickelt sich in die falsche Richtung. "Irgendetwas passte nicht", erinnert sich Falk, "und keiner konnte so richtig sagen, was es war."

Die Eintracht gerät in Abstiegsnot, im Winter muss Jörg Berger gehen. Es kommt: Felix Magath. "Das war sozusagen mein Untergang", sagt Falk. Denn obwohl auch Magath die Qualitäten des Youngsters nicht verborgen bleiben, setzt der neue Trainer fortan auf robustere und ältere Spieler.

Felix Magath - keine Chance unter "Quälix"

Magath - in Fachkreisen auch "Quälix" genannt - nimmt die Spieler körperlich ran wie keiner zuvor. Falk ist schockiert: "Es war grausam. Nach den ersten sieben Tagen der Vorbereitung hatten wir noch keinen Ball gesehen. Wir haben schon morgens um sechs Uhr mit Stirnlampen auf dem Kopf unsere ersten Läufe gemacht und dann mussten wir unzählige Male die 300 Stufen des Leuchtturms auf Usedom hoch und wieder runter laufen."

Magath ist knallhart - und hat Erfolg damit. "Wir spielten zwar keinen Fußball mehr, sondern arbeiteten auf dem Platz regelrecht. Ich persönlich konnte mir damals überhaupt nicht erklären, wie man mit solch einem Fußball Erfolg haben konnte. Aber wir hatten ihn." Falk bekommt in der gesamten Rückrunde noch genau zwei Einsätze - am 31. Spieltag wird er gegen den HSV beim 3:0-Sieg für die letzten neun Minuten eingewechselt, eine Woche darauf beim 4:0 über den VfL Wolfsburg darf er für die letzten zwölf Minuten ran. Für Falk Frust pur. Und ein Grund, die Brocken hinzuschmeißen.

Flucht in die Drittklassigkeit

Er verlässt die Eintracht wenige Tage vor Beginn der Spielzeit 2000/01 in Richtung Eintracht Braunschweig - in die drittklassige Regionalliga. "Ich kann es Magath nicht verdenken, er setzte im Abstiegskampf eben nicht auf Kreativspieler wie mich. Aber für mich war es damals der Genickbruch in Frankfurt." Eine Einschätzung, die Ralf Weber durchaus teilt. "Nein", sagt er, "Magath und Falk, das passte wirklich nicht gut zusammen."

In Braunschweig ist mittlerweile Reinhold Fanz Trainer und Falk sagt zu. Auch wenn es nur noch die 3.Liga ist. "Drei Wochen nach meiner Unterschrift in Braunschweig war Felix Magath in Frankfurt weg. Hätte ich doch noch etwas gewartet", sagt Falk heute, denn: "Es kam in Frankfurt Rolf Dohmen und der setzte voll auf die Jugend. Bei dem hätte ich mit Sicherheit wieder meine Spielzeiten bekommen." Doch nun ist Falk in Braunschweig, kurz darauf wechselt er, nach Fanz' Beurlaubung, zurück in die Heimat - zum Viertligisten Kickers Offenbach.

Offenbach statt Barcelona - Falks Karriere ist regelrecht versandet. Als "gescheitert" möchte der Mann mit dem schelmisches Grinsen aber auf keinen Fall wahrgenommen werden: "Ich war ja dran an der Bundesliga. Das können auch nicht viele andere über sich sagen." Nur wenn er an Barcelona denkt, verfinstert sich seine Miene: "Ich hätte nach Barcelona gehen sollen. In Spanien - da wäre ich ein Held geworden!"

Schluss mit 25

Stattdessen Offenbach. Dort fühlt Falk: Das Ende rückt näher. Es folgt noch eine kurze Episode bei Sachsen Leipzig und zwei Amateurstationen in der Nähe Frankfurts. 2005 ist aber endgültig Schluss mit der Karriere - mit 25. Vor allem mental fühlt er sich ausgelaugt. Mit dem offiziellen Ende einer niemals so richtig begonnenen Karriere fällt eine Last von seinen Schultern. "Ich war irgendwie leer. Und heilfroh, als ich auch offiziell für mich den Schlussstrich gezogen hatte. Das war dann schon befreiend", sagt Falk.

Patrick Falk

Patrick Falk heute

Falk wird Amateurtrainer. Nachdem er in den ersten beiden Jahren selbst noch hin und wieder die Schuhe für seine Mannschaft schnürt, konzentriert er sich anschließend nur noch auf das Coaching vom Spielfeldrand. "Wir sind mit meinem ersten Verein in sieben Jahren viermal aufgestiegen. Und das haben wir mit Jungs fast ausschließlich aus der eigenen Jugend geschafft", sagt er stolz.

Immer noch Eintracht: Fußballschule und Traditionself

Der Eintracht ist er stets treu geblieben. Als Coach in der Fußballschule des Klubs bringt er gemeinsam mit den Kumpels von einst Kinderaugen zum Leuchten. "Das macht Riesen-Spaß", erzählt Falk. Mindestens genauso viel Spaß macht das Kicken in der Traditionself der Eintracht und das Bierchen danach: "Bei der dritten Halbzeit bin ich unschlagbar."

Stand: 13.08.2020, 09:30

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