Lucas Scholl - der lange Schatten des Vaters

Lucas Scholl

Haarscharf vorbei - der verpasste Traum vom Fußballprofi

Lucas Scholl - der lange Schatten des Vaters

Von Olaf Jansen

Lucas Scholl galt bei Bayern München als ein Lieblingsschüler von Pep Guardiola. Doch der Sohn von Mehmet Scholl konnte sich bei den Profis nicht durchsetzen. War der Schatten des Vaters zu groß?

Zum Gesprächstermin kommt Lucas Scholl nicht allein. Er lässt sich von Andy Walter bringen. Walter ist Bundesligaringer in Nürnberg. Ein muskulöser, durchtrainierter Typ, sehr offen. Und damit das Gegenteil von seinem schüchternen Kumpel.

Walter lacht freundlich, als er von der Fahrerseite aus dem schicken BMW steigt. Lockerer Gruß, alles klar. Ganz anders sein Beifahrer: Lucas Scholl hat die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen, sein scheues Lächeln ist beim Gruß kaum zu sehen. Abwehrhaltung nennt man so etwas wohl.

Skepsis gegenüber Journalisten

Die Skepsis gegenüber dem Journalisten ist in jeder Sekunde greifbar. Lucas Scholl, 24, Sohn von Bayern-Star Mehmet Scholl, ist vorsichtig. Geprägt wahrscheinlich von zu vielen unangenehmen Erlebnissen mit den Medien. Mit Journalisten, die ihn in ihren Artikeln niedergemacht haben. Vom Juwel haben sie geschrieben, das sein Talent weggeschmissen hat. Das nie die großen Fußstapfen seines Vaters Mehmet ausfüllen konnte.

Es gab eine Zeit, als Lucas Scholl kurz vor dem großen Durchbruch schien. Mit 17 durfte er als A-Jugendlicher bei den Profis mittrainieren. Mit seiner Technik, seinem Spielverständnis soll er sogar einer der Lieblingsschüler von Pep Guardiola gewesen sein. Die Ansätze waren verheißungsvoll. Dann aber wurde es irgendwann still um den körperlich eher zarten Spielgestalter mit dem großen Namen.

Vierte Liga im Osten statt Bayern München

Zu Einsätzen bei den Profis kam es nicht. Stattdessen wechselte Lucas Scholl im Winter 2016 in den Osten der Republik, in die Vierte Liga. Zu Wacker Nordhausen. Zuletzt spielte er sogar beim kleinen VfR Garching vor seiner Haustür in München. Er habe sich im knallharten Profibusiness einfach nicht durchsetzen können, hieß es. Er sei am Anspruch, einmal mindestens genauso gut wie sein Vater zu werden, gescheitert. Was ja durchaus nicht Ungewöhnliches wäre. Denn: Wenn er erwartet hatte, gleich nach seiner Jugendzeit in die Fußstapfen seines Vaters treten zu können, hätte er nicht weniger als Weltklasse-Füße gebraucht.

Lucas Scholl - ein klassischer Fall, wie man seine Fußball-Karriere vor die Wand fährt? "Sehe ich nicht so", sagt Scholl, er schaut genervt. Klar: Das Image als Fußball-Versager, das ihm viele aufdrücken wollen, zerrt am Gemüt. "Ganz ehrlich", fragt er, "was hätte ich denn anders machen sollen? Sie haben mir mit 17 bei den Bayern die Chance gegeben, bei den Profis mit zu trainieren. Unter Pep Guardiola. Da sagt man als junger Spieler nicht nein. Eine solche Chance nutzt man."

Lucas Scholl - Bayern München Sportschau 21.07.2020 01:01 Min. Verfügbar bis 21.07.2021 Das Erste

Guardiola und Sammer befördern das Talent

Zu Beginn der Saison 2014/15 ist das: Guardiola und der damalige Sportdirektor der Bayern, Matthias Sammer, bieten dem damals 17-jährigen Scholl, der gerade ein fantastisches erstes Jahr in der U19 des Vereins hingelegt hat, den Sprung in die Profimannschaft an. Eine riesige Wertschätzung. Die im Debakel endet. Scholl kann sich im Starensemble des Rekordmeisters nicht durchsetzen. Nach einigen Wochen Training mit Franck Ribery, Robert Lewandowski und Co. wird er wieder zurückgeschickt in den Nachwuchs - er muss bei der U23 in der Regionalliga spielen.

Nichts ist es mit der vom Boulevard so herbeigesehnten Story vom "neuen Zauberer Scholl". Gescheitert an zu hohen Ansprüchen? Erdrückt vom großen Namen des Vaters? Lucas Scholl findet eher: Gescheitert an zu großer Konkurrenz im Starensemble des deutschen Rekordmeisters. "Ich hätte - aus heutiger Sicht - die Bayern früher verlassen sollen. In einem kleineren Verein mein Glück suchen. Aber hinterher ist man bekanntlich immer schlauer."

Prominenter Vater als Vorbild - Fluch oder Segen?

Wie sein Vater ist Lucas Scholl ein begnadeter Dribbler. Schnell, wendig, stets voller Ideen in der Spielentwicklung und im Vorbereiten von Torchancen. Mit Vater Mehmet hat er frühzeitig eine Vereinbarung getroffen: Sie reden nicht über Fußball, wenn sie sich treffen. Denn Mehmets Tipps und Ratschläge für den Sohn - so die Erfahrung - führen immer geradewegs in Auseinandersetzungen. "Wir sind uns wahrscheinlich zu ähnlich. Aufbrausend und dann unsachlich. Das haben wir beide eingesehen. Daher unterhalten wir uns über Anderes als Fußball, wenn wir uns sehen. Dann streiten wir auch nicht."

Für Sportpsychologe Dr. René Paasch leben die Scholls hier in einem klassischen Vater-Sohn-Konflikt. "Oft erlebt der Vater den Sohn als Teil seines eigenen Selbst und kann sich darin stärker mit ihm identifizieren. Die Liebe des Vaters zum Sohn ist dann eine narzisstische. Der Sohn soll unbedingt werden, wie der Vater es sich wünscht." Aber genau dieser Vaterwunsch provoziert das Gegenteil, glaubt Paasch: "Söhne verhalten sich provozierend, weil die missbilligende Reaktion des Vaters sie in ihrer Eigenständigkeit bestätigt." Der Vater will also nur das Beste für den Sohn, erreicht aber das Gegenteil: eine leistungshemmende Trotzreaktion.

Schwärmen von Pep Guardiola

Wie so viele andere, die ihn persönlich kennengelernt haben, schwärmt auch Lucas Scholl in den höchsten Tönen vom damaligen Bayern-Coach Pep Guardiola. "Das war schon Wahnsinn. Er hat immer schon vier Pässe weitergedacht, als andere. Bei ihm habe ich unheimlich gut gelernt, die richtigen Räume zu besetzen. Und zwar die, in denen man nicht direkt, sondern erst nach zwei, drei gespielten Pässen den Ball erhält und plötzlich Freiraum vor sich hat."

Lucas Scholl

Lucas Scholl als Bayern-Talent 2014

Guardiola prophezeit Scholl die Chance zu einer großen Karriere. "Er hat zu mir gesagt: Du kannst ein ganz Großer werden. Du musst nur deinen Kopf ändern. Ich wusste da leider gar nicht, was er von mir wollte." Guardiola fehlt bei Lucas Scholl die Ernsthaftigkeit. Der unbedingte Wille, sich durchzusetzen. Der Biss. "Das ist mir erst später klar geworden. Ich war damals als 17-Jähriger einfach noch zu sehr Kind, um das zu begreifen. Und hab teuer dafür bezahlt."

Zurück in die Regionalliga

Was Scholl meint: Er darf zwar bei den Großen mittrainieren. Aber er spielt nicht. Muss zunächst noch in der U19 ran, später unter dem beförderten Heiko Vogel in der Regionalligamannschaft - doch die Leistung stagniert zunächst, wird dann immer schlechter. "Ich war sauer, dass ich da spielen sollte. Ich hatte das Gefühl, dass mir das nichts mehr bringt. Ich wollte bei den Profis ran." Scholl lässt sich in der vierten Liga den Schneid abkaufen. "Es war klar, dass alle Gegenspieler mich treten wollten. Das hat mich schon seit der Jugend begleitet. Aber es wurde nun erwartet, dass ich in jedem Spiel für die Amateure der entscheidende Mann auf dem Platz bin. Ich hatte das Gefühl, regelmäßig drei Tore machen zu müssen. Das war eindeutig viel Druck für mich. Das hat mich fertig gemacht."

Scholl manövriert sich ins Abseits. Als der Italiener Carlo Ancelotti 2015 beim FC Bayern von Pep Guardiola übernimmt, spielt Lucas Scholl in den Planungen der Profis keine Rolle mehr. Im Winter 2016 sieht Scholl den Tatsachen ins Gesicht und absolviert ein Probetraining beim Schweizer Erstligisten FC Luzern. Und obwohl die Schweizer ihm einen Vertrag anbietet, lehnt Scholl ab. Wieder spielt der Vater eine Rolle. "Ich wollte von meinem Vater finanziell unabhängig sein. In der Schweiz wäre das Leben zu teuer gewesen."

Letzte Ausfahrt Garching

Stattdessen wechselt er im Januar 2017 innerhalb der Vierten Liga - und geht in den Osten - zu Wacker Nordhausen. "Im Nachhinein sicher auch nicht die richtige Entscheidung. Aber ich wollte nur eines: spielen. Irgendwo. Von Anfang an. Als Stammspieler." Das klappt, bleibt aber ein kurzes Glück - Scholl zieht sich nach einem ordentlichen ersten Jahr in der nächsten Saison zunächst eine Lungenentzündung und später einen Fußbruch zu - ein weiteres Jahr ist verschenkt. Und dann geht Nordhausen pleite.

In seiner Verzweiflung heuert er im Januar 2020 beim Münchener Vorortklub VfR Garching an. Um Spielpraxis zu sammeln, wieder in den Rhythmus zu kommen. Wenn auch niederklassig. Doch er spielt wieder nicht. Diesmal ist die Coronakrise der Grund. "Es war zuletzt wie verhext. Aber ich glaube an mich. Meine Chance wird noch kommen", sagt Scholl. Und grinst nun seinen Kumpel Andy Walter an, den Ringer. Mit ihm hat er in den letzten Wochen viel trainiert. Es ging um Kraftaufbau. "Ich habe in den letzten Wochen sechs Kilo an Muskelmasse zugelegt. Meine körperlichen Nachteile sollten sich damit auch erledigt haben", sagt Scholl trotzig. Dann geht er. Mit tief ins Gesicht gezogener Schirmmütze.

Stand: 13.08.2020, 09:30

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