Jonas Wendt - der Rebell des 1. FC Köln

Jonas Wendt

Haarscharf vorbei - der verpasste Traum vom Fußballprofi

Jonas Wendt - der Rebell des 1. FC Köln

Von Olaf Jansen

Er war hochtalentiert, aber nicht leicht zu führen: Jonas Wendt begeisterte in der Jugend als Top-Goalgetter. Aber er war auch ein Rebell. Aus der großen Karriere wurde auch deshalb nichts.

Mit Stolz blickt Jonas Wendt in seinen Garten hinunter, wo gerade ein kleiner Kunstrasen-Fußballplatz entstanden ist. Ein paar Spieler von der Sportvereinigung Porz in Köln haben ihm beim Aufbau des Platzes geholfen. Haben tagelang planiert, Erde und Sand umgeschichtet, gehämmert und gebastelt. Bald kann Wendt mit seinem kleinen Sohn jederzeit seinem Lieblingssport nachgehen.

Wendt, einst eines der größten Stürmerversprechen des deutschen Fußballs, ist mittlerweile Trainer einer Amateurmannschaft. Und seine jungen Spieler mögen ihn einfach. Weil er immer mit dem ganzen Herzen bei der Sache ist. Und weil er sich mit viel Enthusiasmus, Begeisterung und Geradlinigkeit ständig um sie kümmert. So, wie es die meisten Trainer bei ihm - seiner Meinung nach - früher nicht gemacht haben.

Stolz, selbstbewusst, aufmüpfig

Jonas Wendt - die einen lieben ihn, die anderen können so gar nichts mit ihm anfangen. So war es eigentlich schon immer. Im Umgang war er halt nicht einfach. Stolz war er. Selbstbewusst. Aufmüpfig, das auch. Vor allem Trainer und Lehrer, seine Ausbilder, haben so ihre Probleme mit Wendt gehabt. Nur in einem waren sich alle einig: Ein außergewöhnliches Fußballtalent war Jonas Wendt immer.

Damals, das ist um die Jahrtausendwende herum, reißen sich eine ganze Reihe von Topvereinen um das Stürmertalent des 1. FC Köln. Wendt hat da gerade als B-Jugendlicher 38 Saisontore in der neu geschaffenen Jugend-Regionalliga geschossen. "Er hat den richtigen Torriecher", beschreibt ihn sein Jugend-Nationaltrainer Uli Stielike und selbst Michael Skibbe, damals Co-Trainer der A-Nationalmannschaft, bleiben die Leistungen des talentierten Kölners nicht verborgen: "Ein toller Junge. Wenn er sich weiter entwickelt, kann er den Sprung in die Bundesliga packen", sagt Skibbe damals.

"Der Junge ist ein Juwel"

Dank Wendt halten die Kölner in der höchsten Jugendliga die NRW-Konkurrenz aus Schalke, Dortmund, Bochum und Essen in Schach. Nachdem er in der Hinrunde nach neun Spielen bereits 17 Tore auf seinem Konto hat und gegen die Türkei mit 16 sein erstes Länderspiel für die Junioren-Nationalspielmannschaft bestreitet, lässt der Klub die großen Pläne verlauten, die er mit Wendt verfolgt. "Der Junge ist ein Juwel", sagt der damalige Sportmanager Hannes Linßen der "Bild"-Zeitung. Und der damalige Jugendleiter Christoph Henkel verrät der Kölnischen Rundschau, dass man mit dem Nachwuchsspieler über einen langfristigen Vertrag verhandle.

Jonas Wendt

Jonas Wendt als Jugendspieler

Andere Klubs stehen Schlange: Rot-Weiss Essen bietet ihm laut Wendt 10.000 Mark im Monat, aus England schicken der FC Chelsea, FC Southampton und der FC Middlesbrough Unterhändler nach Köln, die den jungen Goalgetter auf die Insel lotsen sollen. In seiner Fabelsaison 1999/2000 führt Wendt den FC bis in das Viertelfinale der Deutschen B-Jugend-Meisterschaft gegen den FC Bayern München, wo die Kölner trotz zweier Tore ihres besten Stürmers im Rückspiel im Elfmeterschießen 5:6 unterliegen.

Teamkollege Daniel Costantini über Jonas Wendt Sportschau 23.07.2020 01:49 Min. Verfügbar bis 23.07.2021 Das Erste

Nationalmannschaft mit Schulz, Riether und Odonkor

Noch vor den B-Jugend-Spielen um die Deutsche Meisterschaft fliegt Wendt mit der deutschen U16-Nationalmannschaft unter dem damaligen Nationaltrainer Bernd Stöber zur EM nach Israel. Auf einem Mannschaftsfoto von damals steht Wendt neben Bundesligaspieler Christian Schulz, in der ersten Reihe sitzt Sascha Riether, Wendts Zimmerkollege ist David Odonkor. Letztlich machen nur die anderen Karriere. Dabei ist Wendt damals der Umworbene.

Neben dem Fußball ist die Rockmusik Wendts große Liebe. Sein Idol wird Axl Rose von der Band Guns ́n Roses. "Als ich die 1996 zum ersten Mal gehört hatte, war es sozusagen um mich geschehen", sagt Wendt. Axl Rose ist genau Jonas Wendts Ding. "Er hat sich nie verbiegen lassen. Ein ’Asi‘ im positiven Sinn, ein Rabauke. Genau so habe ich mich damals auch gesehen", sagt Wendt.

"Er hat gemacht, was er wollte"

Zeitungsausschnitte mit Jonas Wendt

Die Zeitungen sind voller Wendt-Schlagzeilen

Rebellisch, immer öfter respektlos - so gibt sich Wendt auch zunehmend auf dem Fußballplatz. Sein ehemaliger Berater Manfred Schulte wird deutlich: "Jonas war für einen Trainer mit Sicherheit nicht leicht zu führen. Er war irgendwie gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen, im Recht zu sein. Und so hat er mit seinem Status als bester Spieler mit den Trainern fast gemacht, was er wollte." Sie haben dennoch Großes vor mit ihm beim 1. FC Köln. "Der FC wollte unbedingt einen langfristigen Vertrag mit ihm machen. Sozusagen als Investition. Es hat sich letztendlich nicht ausgezahlt", weiß Schulte.

Der Berater macht damals selbst recht bald ein großes Defizit bei seinem Schützling aus: "Jonas war nicht bereit, sich wirklich zu quälen. Ihm war immer alles so zugefallen und er hat gedacht, dass auf dem Weg zum Profi alles von allein seinen Weg geht. Das war aber nicht so. Er hätte an seinen Schwächen arbeiten müssen, denn zum Beispiel sein Kopfballspiel und seine Arbeit nach hinten waren ausbaufähig. Das hat er leider nicht getan."

Markenklamotten, dickes Auto, teure Uhr

Wendt ist anfällig für Luxus und zeigt den auch gern: Von seinem ersten Gehalt kauft sich der 18-Jährige teure Markenklamotten, eine blinkende Uhr, einen neuen Ford Puma und ein halbes Jahr später einen 300er Mercedes. "Das war alles nicht richtig. Ich habe so gelebt, wie ein Fußballer, der schon vier Jahre Bundesliga gespielt hat. Aber ich hatte ja noch nichts erreicht", erzählt Wendt reumütig.

Überhaupt würde er heute so einiges anders machen, wenn er noch einmal die Möglichkeit dazu hätte. "Ich war ein Dickkopf. Auch dem 1. FC Köln gegenüber. Beispielsweise mein Ausrüstervertrag. Der FC wollte natürlich, dass ich im Material ihres damaligen Ausrüsters Puma spielte, ich hatte aber den Nike-Vertrag. Als der Klub mich deswegen unter Druck setzte, sagte ich ihnen ganz einfach 'dann spiele ich halt nicht mehr'. Aus heutiger Sicht eine völlig unnötige Provokation und natürlich kaum altersgerechtes Verhalten. Aber so war ich damals nun mal", sagt Wendt.

Auf Drängen des Vereins auf Ausbildung verzichtet

In Absprache mit Kölns damaligen Cheftrainer Ewald Lienen und Klubmanager Hannes Linßen verzichtet Wendt auf den Beginn einer beruflichen Ausbildung - er soll sich ganz auf den Fußball konzentrieren. "Der FC hatte sich überlegt, dass Jonas drei- bis viermal in der Woche zusätzlich zum Spätnachmittagstraining bei der Jugend vormittags bei den Profis mittrainieren sollte. Dann wäre der Tag ja ausgefüllt gewesen. Leider klappte das von Seiten des Vereins dann nicht und Jonas hing den Großteil des Tages rum, hatte nichts zu tun. Viel besser wäre gewesen, wenn er in dieser Zeit eine Ausbildung gemacht hätte", findet Berater Manfred Schulte.

Aus heutiger Sicht glaubt Wendt das auch, damals kommt ihm die viele Freizeit ganz recht: "Ich hatte ja ein Traumleben. Habe bis mittags gepennt, bin dann ein bisschen mit meinen Rollerskates durch die Stadt gefahren und irgendwann frühabends war dann Training." Bis Wendt 22 ist, macht er nichts anderes als Fußball zu spielen. Alles sieht danach aus, dass er bald sein Debüt bei den Profis feiern würde. Bis Ewald Lienen beim FC gehen muss. Nach einer sportlichen Krise wird der Trainer im Januar 2002 entlassen, für ihn kommt Friedhelm Funkel. "Von dem Tag an durfte ich nicht mal mehr bei den Profis mittrainieren, von einem Einsatz beim Spiel mal ganz zu schweigen. Funkel interessierte sich ganz einfach nicht für junge Spieler", sagt Wendt.

Co-Trainer das Trainingsleibchen vor die Füße geworfen

Mit Folgen: Er bekommt nach seinem Ausscheiden aus der A-Jugend beim 1. FC Köln nur einen Amateurvertrag angeboten. Das Kapitel 1. FC Köln ist für Wendt endgültig beendet, als er 2002 im Training der Amateurmannschaft Streit mit dem Trainerteam bekommt und dem Co-Trainer in der Folge das Trainingsleibchen vor die Füße wirft. Er wird rausgeschmissen. Und Wendt landet im Amateurfußball. Erst der gehobenen Sorte, im Laufe der Jahre immer niederklassiger.

Heute hat Wendt Familie, finanziell ist er durch den Betrieb eines gut laufenden Stehcafés und Kiosks abgesichert. Rebellisch und der Rockmusik verfallen ist er immer noch - das zeigen nicht zuletzt viele Motive seines fast vollständig tätowierten Körpers. "Ich lasse es auch immer noch manchmal krachen. Aber halt nicht mehr so oft wie früher", erklärt er grinsend.

Wehmut nach dem Traum: 80.000 jubelnde Fans im Stadion

Manchmal, wenn er sich Fußball im Fernsehen ansieht, denkt er darüber nach, wo er nun wäre, hätte er den Sprung geschafft. Doch meist kommt er schnell zu dem Entschluss, dass er nichts bereut und glücklich ist, in seinem Kiosk zu stehen und nicht auf dem Rasen in der Bundesliga. Nur eines hätte er gern erfahren: "Mir ginge es nicht um das Geld, denn mir geht es gut genug. Aber ich hätte gerne gewusst, wie es ist, wenn dir 80.000 Menschen nach einem Tor zujubeln oder dich auspfeifen. Ich würde beides genießen."

Wendt hat sich mittlerweile einen Namen als aufstrebender Fußballtrainer im Amateurbereich gemacht: "Ich will als Trainer das besser machen, was früher in meiner Karriere falsch gelaufen ist."

Stand: 13.08.2020, 09:31

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