St. Paulis Aufsichtsratschefin Sandra Schwedler: "Da läuft etwas falsch"

Sandra Schwedler

Sexismus im Profifußball

St. Paulis Aufsichtsratschefin Sandra Schwedler: "Da läuft etwas falsch"

Sandra Schwedler vom FC St. Pauli ist die einzige Aufsichtsratschefin im deutschen Profifußball. Im Interview mit der Sportschau spricht sie über sexualisierte Gewalt in den Fankurven und strukturellen Sexismus in der Branche.

Sandra Schwedler, uns würde interessieren, welche Erinnerungen Sie mit dem St.-Pauli-Fanklub "Die feuchten Biber" verbinden?

Sandra Schwedler: (schmunzelt) Das ist sogar noch mein aktueller Fanklub. Ich bin da immer noch Mitglied. Ich verbinde damit langjährige und unzählige Erlebnisse. Wir haben die Heimspiele zusammen geschaut, sind zusammen zu Auswärtsspielen gefahren. Und dann wären da noch unsere legendären Battles mit einem Düsseldorfer Fanclub und vielen Plakaten, um sich gegenseitig ein bisschen zu provozieren. Wobei ich sage, dass da auch Dinge standen, die ich heute so nicht mehr schreiben würde.

Sie stehen seit vielen Jahren bei ihrem FC St. Pauli im Stadion auf einem Stehplatz. Wie war dort das Klima Ihnen gegenüber als Frau und wie ist es heute?

Schwedler: (überlegt lange) Meine Sichtweise als Frau hat sich in den vergangenen vier, fünf Jahren verändert. Ich glaube, hätten Sie mich damals gefragt, hätte ich gesagt, dass Diskriminierungen oder Übergriffe mir gegenüber keine Themen sind, ich als Frau für meine Meinung respektiert werde und mich frei äußern kann. Aber mein Blick darauf hat sich geändert, was im Stadion, im Umfeld und generell in der Gesellschaft falsch läuft.

Haben Sie als Fan sexualisierte Gewalt erlebt?

Schwedler: Ja, da fällt mir zuerst ein Beispiel von einem Auswärtsspiel von Celtic Glasgow beim HSV ein. Da war ich 15 oder 16 Jahre alt, als mir ein Celtic-Fan angeboten hat, dass ich sein Trikot haben darf, wenn ich ihn dafür anfasse. Ich habe früh lernen müssen, mit sexualisierter Gewalt umzugehen und Grenzen zu ziehen. Aber wenn ich mit meiner heutigen Erfahrung auf diesen Vorfall zurückblicke, denke ich mir: 'Wie kann so etwas überhaupt passieren? Dass so ein älterer Typ ein junges Mädchen so etwas fragt?' Da läuft etwas falsch.

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen: Alltag in der Gesellschaft, Alltag im Stadion Sportschau 23.06.2020 02:51 Min. Verfügbar bis 23.06.2021 Das Erste

Wie ging es Ihnen während und nach diesem Vorfall?

Schwedler: Ich war relativ verunsichert. Es war alles andere als eine angenehme Situation. Ich habe mich zurückgezogen und bin weggegangen. Natürlich ist es schon sehr lange her, aber ich weiß noch, dass ich diese Situation nicht so unnormal fand. So etwas ist im Umfeld häufiger vorgekommen. Als Frau bist du damit aufgewachsen und hast beigebracht bekommen, wie man sich schützt, und dass man bestimmte Situationen meidet.

Haben Sie auch auf St. Pauli Sexismus erlebt?

Schwedler: Ich war oft auch bei der zweiten Mannschaft von St. Pauli. Dort kam es vor, dass ich keine zwei Minuten da war und ein Kerl fragte: 'Hi, wer bist du denn?' Und nachdem ich meinen Vornamen sagte, kam direkt: 'Und wo ist dein Freund?' Das ist natürlich ein anderes Level als der Vorfall mit dem Celtic-Fan, aber das macht mich ebenfalls wütend, weil ich als Frau nicht als selbstständige Person wahrgenommen werde.

Stellen Sie sich dazwischen, wenn Sie Fälle sexualisierter Gewalt mitbekommen?

Schwedler: Ja, wenn so etwas vorkommt, versuche ich das auf jeden Fall. Es gibt aber auch Dinge, die passieren nicht immer offensichtlich, vieles passiert subtil. Mich hat jemand mal auf einer Auswärtsfahrt gefragt: 'Na, ist das deine erste Auswärtsfahrt?' Da denke ich mir: 'Nein, aber das geht dich auch überhaupt nichts an.' Was ich damit sagen will: Es geht schon in vermeintlich belangloseren Gesprächen in die Richtung, dass Frauen keine Ahnung von Fußball haben.

Fällt es vielen Betroffenen schwer, sich gegen Sexismus zu wehren?

Schwedler: Ja, du hast schnell das Gefühl, dass du einen Aufstand machst und übertreibst. Das führt häufig zu Diskussionen und man muss sich rechtfertigen. Darauf hat man als Frau irgendwann keine Lust mehr. Ich kenne das selbst und aus Erzählungen: Wenn du durch den Block gehst und dir irgendjemand an den Po fasst - sich dann einfach mal umzudrehen und zu sagen: 'Das geht so nicht' - dafür erntet man sehr viel Unverständnis mit Sprüchen wie 'Stell dich nicht so an' oder 'Das war ja nicht so gemeint'. Die Hürde, sich dahinzustellen und etwas zu sagen, die ist schon groß.

Was tun Sie beim FC St. Pauli gegen sexualisierte Gewalt und Sexismus im Stadion?

Schwedler: Wir wollen es dort mehr thematisieren - zum Beispiel mit Anlaufstellen. Es gibt außerdem verschiedene Arbeitskreise bei uns zum Thema 'Awareness'. Die bringen genau diese Themen voran. Sie klären Fragen, wie eine Anlaufstelle aussehen soll, welche qualifizierten Personen da arbeiten sollen und wo man sie platziert. Wenn ich nicht weiß, wo eine Anlaufstelle ist und was mich dort erwartet, überlege ich es mir als betroffene Person zweimal, ob ich diesen Aufwand betreibe. Alle sollten sich mit dieser Frage beschäftigen: Wie kann man diese Hürde im Fußballstadion senken?

Sie sind derzeit die einzige weibliche Aufsichtsratsvorsitzende im deutschen Profifußball. Warum bewerben sich auf diese Posten fast ausnahmslos Männer?

Schwedler: Meiner Erfahrung nach geht es um die unterschiedliche Erziehung unserer Generation: Mädchen sind leise, lieb, tragen keine Konflikte offen aus und sind keine Rampensäue. Und teilweise ist das heute auch noch so. Überspitzt formuliert: Jungs dürfen einfach mal machen. Das hat viel damit zu tun, wie man später im Leben vorgeht. Wenn du als Frau in der Öffentlichkeit stehst, hast du oftmals das Problem, dass du nicht nach deiner Fachkompetenz beurteilt wirst, sondern meist stehen Aussehen, Stimmlage usw. im Vordergrund. Als Mann reicht es, Mann zu sein, das erscheint einigen anscheinend synonym zu Fachkompetenz.

Sandra Schwedler: "Die Qualifikation von Frauen wird leichter angezweifelt" Sportschau 23.06.2020 01:49 Min. Verfügbar bis 23.06.2021 Das Erste

Werden Sie in Ihrer Position als Aufsichtsratsvorsitzende immer ernst genommen?

Schwedler: Mir passiert es häufig, dass ich gar nicht wahrgenommen werde. Zum Beispiel kommt es oft vor, dass vor einem Spiel die Funktionäre des Gastteams zur Begrüßung in die Loge kommen und ich ignoriert werde.

Wie gehen Sie damit um?

Schwedler: Ich versuche das anzusprechen und generell darauf aufmerksam zu machen. Das ist aber eine Systemfrage. Schauen Sie sich mal eine DFL-Versammlung an. Da sind zu 99 Prozent Männer anwesend. Die Frauen, die dort rumlaufen, sind entweder Servicekräfte oder Angestellte der DFL. Dass ein Verein eine Frau in einer Führungsposition hat und dass sie dann auch noch bei einer Sitzung dabei ist - diese Vorstellungskraft haben die männlichen Funktionäre gar nicht. Sie erwarten das dementsprechend gar nicht.

Werden Sie in Ihrem Job auf das Alleinstellungsmerkmal Frau reduziert?

Schwedler: Ja - und es nervt mich manchmal auch. Weil ich gerne mehr über etwas Thematisches meiner Aufgabe reden würde – und nicht nur darüber, dass ich eine Frau bin. Eines der prägendsten Erlebnisse war, als eine Pressestelle mich anfragte, ob eine Frau, die für den Aufsichtsrat von Mainz 05 kandieren wollte, geeignet wäre. Wie irre ist das denn? Was qualifiziert mich dazu, das einzuordnen? Weil ich auch eine Frau bin? Wurden meine männlichen Kollegen zur Qualifizierung von Männern bei Mainz befragt? Nein, natürlich nicht. Weil es Schwachsinn ist. Aber ich finde es auch wichtig, darüber reden zu können, warum ich die einzige Frau bin. Weil es eine Chance ist, aufzuzeigen, wie schwachsinnig das ist.

Sie plädieren schon länger für eine Frauenquote im Fußball.

Schwedler: Quoten helfen nun mal dabei, dass Regelungen und Veränderungen schneller umgesetzt werden. Ich glaube fest daran, dass es auf der Welt 50 Prozent geeignete Frauen für diese Stellen gibt. Es gibt keine Gründe, warum das nicht so sein sollte. Viele Menschen tun sich schwer damit, Veränderungen anzunehmen. So nach dem Motto: 'Ich habe ja nichts gegen Frauen in diesen Positionen, aber…'; oder 'Es muss aber auch um Kompetenzen gehen und nicht nur um die Quote'. Ja, natürlich - aber was hält uns davon ab? Die Quote regelt nur, dass mehr Frauen durchkommen und nicht, dass sie keine Qualifikationen haben. Wir sollten auch mal beim DFB anfangen und schauen: Wie sehen dort die Führungsetagen aus? Wie kann man es dort schaffen, 50 Prozent Frauen zu installieren? Wie ist die Jugendförderung? Warum steckt man nicht mehr Geld in die Jugendförderung der Mädchen?

Also behandelt der DFB diese Themen aus Ihrer Sicht immer noch stiefmütterlich?

Schwedler: Man muss nur schauen, dass auf der Homepage des DFB während der vergangenen WM der Frauen die News nicht immer oben als Aufmacher standen. Generell finde ich es schon verwunderlich, wenn im Jahr 2020 alle Direktorenposten des DFB nur von Männern besetzt sind, bis auf den Posten für Frauen- und Mädchenfußball. Ich finde es auch bedenklich, dass wir in der Sprache immer noch unterscheiden zwischen Fußball- und Frauenfußball. Es ist beides Fußball, stattdessen gibt es aber noch diese Sonderrolle. Das sollte 2020 langsam mal ein Ende haben.

In der Privatwirtschaft gibt es bereits ein Gesetz, das sagt, 30 Prozent der Aufsichtsratsposten von AGs müssen von Frauen besetzt sein. Warum gibt es im Fußball, wenn überhaupt, nur leise Diskussionen?

Schwedler: Der Druck ist einfach noch nicht hoch genug. Und auch in der Wirtschaft ist die Zahl noch nicht annähernd erreicht. Eine Frau muss nur dann nachbesetzt werden, wenn ein Mann ausscheidet. Für Vorstände gilt das noch nicht. Die müssen nur eine Quote angeben und machen das dann mit null Prozent. Im Fußball ist der Druck einfach nicht hoch genug. Die Geschichte des Fußballs ist sehr männlich geprägt. Früher duften Frauen kein Fußball spielen. Und heute entscheiden noch die gleichen Männer wie etwa vor zehn Jahren.

Haben Sie Mitstreiter, auch Männer, in anderen Gremien?

Schwedler: Die gibt es bestimmt. Es ist ja ein Ehrenamt und meine Kapazitäten, gerade in der aktuellen Zeit, sind ausgelastet. Aber manchmal bedarf es nur einen Anstoß von außen, um Dinge zu ändern. Auch bei uns auf St. Pauli gab es über die Anträge lange Diskussionen. Da will ich nicht wissen, wie das bei anderen Vereinen ist.

Würde es helfen, wenn prominente Führungskräfte wie Karl-Heinz Rummenigge oder Hans-Joachim Watzke ein Statement abgeben würden?

Schwedler: Das sind nicht die ersten Beiden, die mir bei dem Thema einfallen würden. Aber ich weiß, was Sie meinen. Wobei es zu einfach gedacht ist, einfach ein Statement rauszuhauen. Dadurch alleine ändert sich nichts. Die Verbände und die Vereine sind gefordert, die Hürden zu senken.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Schwedler: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wirklich eine Frauenquote im Fußball wünschen.

Das Gespräch führten Jannik Schneider und Christian Hoch

Stand: 25.06.2020, 10:11

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