René Adler - Fußballprofi im Übergangsprozess

René Adler: "Ein Karriereende ist denkbar, logisch" Sportschau 31.01.2019 01:17 Min. Verfügbar bis 31.01.2020 Das Erste

Torhüter 1. FSV Mainz 05

René Adler - Fußballprofi im Übergangsprozess

Von Frank Hellmann

René Adler kämpft beim 1. FSV Mainz 05 um den Anschluss. Vielleicht wird der 34-Jährige nie mehr ein Spiel in der Fußball-Bundesliga machen. Dafür plant der ehemalige Nationalkeeper für die Zeit nach der Karriere – und streitet dafür mit einer Torwart-Legende.

Auch in diesem Jahr hat der Sportbusinesskongress Spobis auf dem Düsseldorfer Messegelände prominente Protagonisten der Fußballbranche angelockt wie die Motten das Licht. Entscheider, die vor allem abseits des Platzes die Weichen stellen, nutzen die Plattform, um ihre Botschaften zu platzieren. Einer von ihnen: René Adler.  

Sein Arbeitgeber FSV Mainz 05 gewährte ihm vergangene Woche zwei freie Tage (30./31.01.2019), damit Adler sich zeigen konnte. Auf der 360-Grad-Bühne im Expo-Bereich der Spobis sprach der zwölffache Nationaltorwart an einem Stehpult über eine Zukunft abseits des Fußballs. Denn der Bundesligatorwart des FSV Mainz 05 hat nach einer Knorpeltransplantation vom linken ins rechte Knie mal wieder eine lange Ausfallzeit hinter sich, und inzwischen ist der 34-Jährige schon froh, wieder mit den Kollegen trainieren zu können.

Aktive Karriere steht auf der Kippe

"Leider Gottes war ich in letzter Zeit mal wieder zu oft verletzt.  Ich sehe mich bis zum 30. Juni als Profisportler. Jeder der mich kennt, weiß mit welcher Professionalität und Leidenschaft ich das behandle. Es ist meine verdammte Aufgabe, schnellstmöglich wieder auf den Platz zu kommen. Ob ich das schaffe, kann ich Stand jetzt nicht sagen. Ich muss sehen, wie das Knie die Belastung toleriert – und ob ich noch einmal leistungsfähig bin. Wenn das nicht der Fall ist, setze ich mich mit der Familie zusammen und sage ehrlich: Es macht keinen Sinn mehr", erklärte Adler.

So fern ein Kaderplatz für das Bundesliga-Heimspiel der Nullfünfer gegen Bayer Leverkusen (Freitag 20.30 Uhr) ist, so nah ist er dem "Übergangsprozess", wie ihn der gebürtige Leipziger nennt. Die Frage, die sich allen Fußballer stellen, sei doch: "Finde ich was nach dem Fußball, was ich mit einer ähnlichen Leidenschaft betreibe? Ich sehe es als großes Privileg, in viele Bereiche hineinschnuppern zu dürfen."

Im Fußball ist zu vieles fremdbestimmt

René Adler bei seinem Vortrag auf der SPOBIS

René Adler bei seinem Vortrag auf der SPOBIS

Der 269-fache Bundesligaprofi war bereits als Speaker und im Immobilienbereich tätig – und weiß für sich, dass er nicht Trainer oder Manager wird. Dafür ist ihm der Betrieb schlicht zu schnelllebig und vielleicht auch zu wenig planbar: "Ich mag es schon, strategisch zu planen. Im Sport bist du es gewohnt, dreimal die Woche bewertet zu werden." Von Trainern, von Sieg oder Niederlage oder von den Noten in Tageszeitungen, Fachmagazinen oder Online-Portalen.

Kein Spieler könne sich davon freimachen und behaupten, er ziehe daraus nicht den Honig für sein Selbstwertgefühl. "Es tangiert jeden irgendwo; den einen mehr, den anderen weniger." Diese Fremdbestimmung aber mag Adler nicht: "Ich möchte ein Stück weit selbstbestimmt zu sein." Geholfen haben ihm bei dieser Erkenntnis die vielen Rückschlägen mit nicht weniger als 16 mehrwöchigen Verletzungspausen.

Nachdenklich und sensibel

Ein negatives Schlüsselerlebnis ereignete sich 2011, als das hoch gehandelte Torwarttalent wegen einer schweren Knieverletzung längerfristig ausfiel. "In der Blüte meiner Karriere mit 26 Jahren bei Bayer Leverkusen: Da musste ich als unumstrittener Stammtorhüter und Nationaltorhüter hart erfahren, dass man brutal austauschbar ist." Diese Phase sei von immenser Frustration geprägt gewesen – und habe zum Umdenken geführt.

René Adler gibt im Jahr 2012 nach langer Verletzungspause sein Comeback

René Adler gibt im Jahr 2012 nach langer Verletzungspause sein Comeback.

Speziell in den quälenden Verletzungspausen habe ihm dann die Bestätigung abseits des Fußballs gut getan. Er zählt sich zu den "nachdenklichen und sensiblen Charakteren, dann zweifelt man auch mehr, was per se kontraproduktiv ist." So habe er im Abstiegskampf beim Hamburger SV für sich geklärt, ob er sein Sportmanagement-Fernstudium fortführen solle. Antwort: unbedingt! "Es ist für mich besser, wenn mein Kopf in dieser Phase Futter kriegt, um gar nicht in die Negativspirale abzudriften." Das habe ihm in Hamburg geholfen, eine positive Grundstimmung zu behalten, "um im Fußball besser zu funktionieren".

Teilhaber bei einer Firma für Torwarthandschuhe

Adler sagt auch von sich, er sei immer ein Typ gewesen, "der sich für Themen interessiert hat, von denen ich gar keine Ahnung hatte". Doch seit zwei Jahren setzt er sich intensiv mit der Materie auseinander, mit der er sich vielleicht mit am besten auskennt: der Herstellung von Torwarthandschuhen. Er trage sie sein ganzes Leben an und könne daher behaupten: "Ich weiß, wovon ich spreche."

Vor zwei Jahren stieg die prominente Figur zwischen den Pfosten beim Torwarthandschuhhersteller "T1tan" mit einer 25,1-Prozent-Beteiligung ein und sieht sich als aktiver Teil, der seine Expertise einbringt. "Ich bin nicht der stille Gesellschafter, der nur einmal Im Jahr zur Gesellschaftsversammlung fährt und den Arm hebt. Ich habe den Blickwinkel des Sportlers: Früher wollte ich bei so etwas mit meinem Agenten den besten Deal raushandeln, jetzt sitze ich auf der anderen Seite."

Das Unternehmen vertreibt die Produkt im Internet-Handel und wirbt mit dem Slogan "Profi-Torwarthandschuhe für Amateur-Keeper." Adler spielt eine Schlüsselrolle etwa in der Akquise der Akteure, die die Handschuhe tragen sollen. Ihm mache dieses Thema ("ein smartes Modell, um eine langfristige Wertschöpfung zu bekommen") immens viel Spaß. Und offenbar steigert sein Mitwirken auch den Absatz: Seitdem habe sich der Umsatz auf knapp drei Millionen Euro verzehnfacht, erzählte Adler. "Wir haben ganz ambitionierte Ziele: Wir wollen in unserer Nische Marktführer werden."

Im Rechtsstreit mit Oliver Kahn

Doch dummerweise hat einer der bekanntesten deutschen Torhüter etwas dagegen. Oliver Kahn hat das 2010 von den Studienkollegen Matthias Leibitz und Manuel Maier gegründete Unternehmen "T1tan" verklagt, weil der ehemalige Weltklassekeeper sich als den wahren "Titan" ansieht. Kahn betreibt unter dem Namen "Goalplay" ein eigenes Torwartlabel, das auch Equipment herausgibt. Der Streitwert vor dem Landgericht München beträgt 250.000 Euro.

"Das wird definitiv die Firma nicht im Geringsten gefährden. Ich bin komplett davon überzeugt, dass wir im Recht sind und alle Rechte an dem Namen haben", sagte Adler. Die Richterin hat bis zum Frühjahr eine außergerichtliche Einigung empfohlen. Adler fand den Vorschlag gut: "Das streben wir auch an. Ich bin darauf aus, mit Olli in den Austausch zu gehen. Wenn wir uns treffen, werden wir eine Lösung finden, die für beide Seiten akzeptabel ist."

Stand: 07.02.2019, 11:24

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