Was die Fußball-Regelhüter ändern wollen - und was nicht

Die Generalversammlung des IFAB in Aberdeen

IFAB

Was die Fußball-Regelhüter ändern wollen - und was nicht

Von Chaled Nahar

Die Fußball-Regelhüter treffen sich am Samstag zu ihrer Generalversammlung im nordirischen Belfast. Sie werden über den Umgang mit Kopfverletzungen und die Transparenz beim Videobeweis beraten - an der Handhabung der Abseitsregel wird sich jedoch wenig ändern.

In den Wochen vor der Generalversammlung gab es mehrere Vorschläge und Forderungen, wie der Video-Assistent oder sein Umgang mit besonders knappen Entscheidungen bei Abseitsstellungen möglicherweise besser werden könnten. Doch sie werden am Samstag (29.02.2020) allesamt sehr geringe bis gar keine Chance auf Umsetzung haben.

 Challenge, neues Abseits, Toleranzgrenze? Drei Mal "nein"

Italiens Verband forderte den Test eines "Challenge-Systems" wie beim Tennis. Dabei könnten Trainer eine bestimmte Zahl an Einsprüchen pro Spiel oder Spielhälfte erhalten, mit denen sie den Schiedsrichter um eine Ansicht der Bilder bitten. Das IFAB hat der Idee allerdings schon bei der Einführung des Video-Assistenten eine Absage erteilt. Lukas Brud, Geschäftsführer des IFAB, sagte zu dem Vorschlag: "Das Konzept des VAR lautet, dass sich der Schiedsrichter und die Assistenten gegenseitig helfen. Und nicht, dass jemand Externes die Entscheidungen in Frage stellen kann." Problem: Sind die Einsprüche verbraucht und es ergibt sich ein für alle ersichtlicher Fehler, bleibt dieser ohne Korrektur bestehen. Auch ein Missbrauch für Zeitspiel ist denkbar.

Podcast-Highlights - "Steil!" über die Genauigkeit des VAR Sportschau 27.02.2020 03:45 Min. Verfügbar bis 27.02.2021 Das Erste

Arsène Wenger, der seit drei Monaten bei der FIFA als "Direktor für globale Fußballförderung" arbeitet, forderte eine Änderung der Abseitsregel. Die Abseitslinie soll laut Wenger hinten am Angreifer gezogen werden und nicht wie bisher vorne - der Spieler muss also komplett im Abseits stehen, damit eine Abseitsstellung vorliegt. Damit wolle er die Diskussion um knappe Entscheidungen beim Abseits beenden, sagte Wenger. Doch die Diskussion wäre wohl nur vom Zeh an die Ferse verlegt. Der Vorschlag kam außerdem zu kurzfristig, um für eine tatsächliche Regeländerung bei der Generalversammlung Thema zu werden. Dort wird man wohl zwar darüber sprechen, die Idee aber - wenn überhaupt - mit Blick auf die mittelfristige Zukunft zurückstellen.

Die Diskussion um vom Video-Assistenten nachgewiesenen Abseitsstellungen, bei denen eine Fußspitze oder ein Knie entscheiden, wird vor allem in England geführt - aber mit Nachdruck. Von dort und auch von UEFA-Präsident Aleksander Ceferin kam der Vorschlag einer "Toleranzgrenze" beim Abseits von bis zu 20 Zentimetern. Nicht geklärt blieb dabei, was bei knappen Entscheidungen an der Grenze zur Toleranzgrenze passiert. Und so ist dieser Vorschlag wohl kein Thema.

"Wir werden allerdings über Abseits und den Video-Assistenten sprechen", sagt IFAB-Geschäftsführer Brud. Das Gremium bekräftigte zuletzt auch als Replik auf die "Toleranzgrenze", dass knappes Abseits von einem Zentimeter trotzdem Abseits sei. Allerdings sollten die Video-Assistenten das Abseits schnell nachweisen können, bei zu großen Zweifeln solle die Entscheidung auf dem Platz Bestand haben. Das Grundprinzip vom "klaren, offensichtlichen Fehler" gelte auch dort. So ist es wahrscheinlich, dass das IFAB am Ende seiner Sitzung diese Maßgabe erneut in den Vordergrund stellen wird.

Änderungen beim Videobeweis? Nur bei der Transparenz

Die Verbesserung der Transparenz der Entscheidungen für die Zuschauer im Stadion und an den Fernsehern könnte über Durchsagen des Schiedsrichters erreicht werden. Diese Idee könnte bald zumindest getestet werden, wenn das IFAB eine solche Testphase für bestimmte Wettbewerbe beschließen sollte.

Auch denkbar bleibt die Ansicht der Bilder auf den Videoleinwänden in den Stadien. In England gab es dafür aber das Problem, dass beispielsweise das Stadion in Liverpool eine solche Videowand gar nicht hat. In Deutschland berief sich die DFL bislang auf die technische Schwierigkeit, dass die Klubs in den Stadien ihre eigene Regie haben, was die Anbindung derzeit schwierig mache. Einem dritten Vorschlag, der generellen Veröffentlichung des Schiedsrichterfunks, stehen die Schiedsrichter eher kritisch gegenüber.

Kopfverletzungen großes Thema

Ein besonders schwierig zu lösendes Thema könnte ebenfalls zu einer Testphase führen. Der Umgang mit Kopfverletzungen beschäftigt den Fußball immer wieder. Spielerinnen und Spieler, die mit einer Gehirnerschütterung weiterspielen, riskieren ihr Leben. Es ist das Ziel, solche Fälle zuverlässig zu verhindern. Doch ob das Regelwerk die Lösung bieten kann, ist noch unklar.

Einigkeit herrscht dabei über drei Dinge:

  1. Ärztinnen und Ärzte sollen ohne Druck untersuchen können.
  2. Eine betroffene Mannschaft soll keinen sportlichen Nachteil erhalten.
  3. Eine Spielerin oder ein Spieler mit Gehirnerschütterung soll auf keinen Fall weiterspielen.

Vereinfacht liegen bislang zwei grobe Vorschläge auf dem Tisch:

  •  Die temporäre Auswechslung: Diese könnte gegebenenfalls rückgängig gemacht werden. Ein Spieler, bei dem der Verdacht einer Gehirnerschütterung besteht, könnte so in aller Ruhe untersucht werden, ohne dass seine Mannschaft in Unterzahl spielen muss.
  • Die zusätzliche Auswechslung: Diese dürfte nur beim Vorliegen einer Kopfverletzung in Anspruch genommen werden und würde damit das eigentliche Wechsel-Kontingent nicht belasten.

Das IFAB gründete 2019 eine Expertengruppe, die sich bei Wissenschaftlern aber auch bei anderen Sportarten wie beim American Football Rat einholte. Aus England gibt es mittlerweile laut der britischen Nachrichtenagentur AP einen konkreten Vorschlag. Am Samstag könnte das IFAB einer Testphase zustimmen. IFAB-Geschäftsführer Brud gibt aber zu bedenken: "Das Thema ist sehr kompliziert. Wir brauchen mehr Zeit, um wirklich alle Fakten zu haben."

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Spielerverhalten auf der Tagesordnung

Laut Brud wird auch noch das Verhalten von Spielern gegenüber Schiedsrichtern ein Thema auf der Tagesordnung sein. Die Diskussion um die Gelben Karten für Reklamieren sei aber nicht der Grund dafür, da diese Diskussion alleine in Deutschland geführt werde.

Größere Regeländerungen werde es nicht geben, nachdem das IFAB 2019 zahlreiche Modifizierungen am Regelwerk vorgenommen hatte. "Es wird nur einige kleinere Anpassungen geben", sagt Brud.

Wie das IFAB abstimmt

Die Generalversammlung des International Football Association Boards (IFAB) ist der einzige Termin des Jahres, an dem die Regeln des Fußballs geändert werden können. Aus historischen Gründen hat das Gremium das alleinige Recht, die Fußballregeln zu beraten und zu beschließen. Vier der insgesamt acht Stimmen hat die FIFA, die geschlossen abstimmen muss. Die weiteren vier Stimmen gehören traditionell den sogenannten "Heimatverbänden" England, Schottland, Wales und Nordirland. Für eine Regeländerung bedarf es einer Dreiviertelmehrheit von sechs Stimmen.

Alle Änderungen werden jedoch vorher in mehreren Sitzungen unter Einbeziehung aller Beteiligten besprochen, so dass es bei der Generalversammlung zuletzt fast immer zu einstimmigen Ergebnissen kam.

Stand: 27.02.2020, 09:41

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