Überfällige Reform des Kinderfußballs - Jahrzehntelange Ignoranz

Ein Jugendfußball-Team

Kommentar zu den neuen Spielformen im Kinderfußball

Überfällige Reform des Kinderfußballs - Jahrzehntelange Ignoranz

Von Volker Schulte

Deutschlands Kinder spielen seit Jahrzehnten in einem unfairen, ausgrenzenden System Fußball. Dass erst jetzt Reformen kommen, sagt viel über die Menschen aus - und ihre Gehirne.

Die Frage, ob es richtig ist, den Spielbetrieb im Kinderfußball drastisch zu reformieren, ist schnell beantwortet: ja. Die Argumente dafür sind erdrückend, das bisherige System ist unfair, ausgrenzend und teilweise demütigend. Die viel größere Frage lautet: Warum erst jetzt?

Grundidee "Funiño" schon 30 Jahre alt

Horst Wein bei einer Trainer-Fortbildung beim FC St. Pauli 2015

Horst Wein bei einer Trainer-Fortbildung beim FC St. Pauli 2015

Einfach wäre es, die Schuld allein beim Deutschen Fußball-Bund und seinen Landesverbänden zu suchen. Sie müssen sich tatsächlich den Vorwurf gefallen lassen, das Thema verschlafen zu haben. Horst Weins Konzept "Funiño", auf dem die jetzige Reform mit mehreren kleinen Spielfeldern, Dreierteams und vier Mini-Toren basiert, ist 30 Jahre alt. Die Idee des ehemaligen deutschen Hockey-Nationaltrainers stieß in Spanien auf großes Interesse, ist in Ländern wie Belgien und den Niederlanden schon etabliert - Deutschland reagiert dagegen erst jetzt.

Konservativ denkende Spitzenfunktionäre mögen im Laufe der Jahrzehnte Bremsklötze gewesen sein. Doch das Hauptproblem liegt an der Basis. Wer an den Grundfesten des Fußballs rütteln will, bekommt es zu tun mit den Kreisverbänden, Jugendleitern, Trainern und Eltern.

Probleme werden weggewischt

Jeder, der mit dem Spielbetrieb im Kinderfußball schon Berührungspunkte hatte, sollte sich hinterfragen, wie er mit den Schwachpunkten umgegangen ist. Vielleicht so:

Die E-Jugend hat zweistellig verloren? Niederlagen gehören dazu.

Immer dieselben auf der Ersatzbank? Es geht eben nach Leistung, sie sollten sich mehr anstrengen.

Fast immer dieselben zwei Torschützen? Toll, dass der Verein so große Talente hat.

Ein Kind hört auf, weil es zu wenig spielen darf? Wir haben ja noch genug andere.

"Mit Verlierern spricht keiner"

Warum haben so viele so lange weggeschaut, obwohl die selektierenden Grausamkeiten des Spielsystems offensichtlich waren? Auf diese Frage gibt der Sportwissenschaftler Matthias Lochmann, der seit Jahren unermüdlich für die Reform wirbt, treffende und schmerzhafte Antworten. "Mit Verlierern spricht keiner. Wer führt denn Interviews mit Kindern, die nach einem halben Jahr aufhören, Fußball zu spielen?"

Und: Lochmann verweist auf die Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Es möchte grundsätzlich Energie sparen und scheut deshalb den Kraftakt, vertraute Abläufe zu ändern. Dafür braucht der Mensch meist einen gewissen Leidensdruck.

Revolution im Kinder-Fußball

Sportschau 21.07.2020 01:58 Min. Verfügbar bis 21.07.2021 Das Erste Von Anke Feller

Mitgliederschwund und Talentmangel

Das traditionelle Spielsystem hat lange ausreichend genug funktioniert, denn der Vorrat an fußballspielenden Kindern schien unerschöpflich. Doch klagen die Basis über Mitgliederschwund und der Spitzensport über einen Mangel an Top-Talenten. Der deutsche Fußball kann sich keinen Spielbetrieb mehr erlauben, der Kinder, die vielleicht später noch einen Leistungssprung machen, früh vergrault.

Der aktuelle Reformwille hängt also stark mit rationalen Überlegungen zusammen. Die empathische Einsicht, dass kleine Kinder auch beim Fußball Geduld und Chancengleichheit verdienen, hätte alleine wohl nicht gereicht - eine bittere Erkenntnis.

Spielbetrieb mit Mini-Toren: Die Revolution im Kinderfußball Morgenmagazin 21.07.2020 01:54 Min. Verfügbar bis 21.07.2021 Das Erste Von Volker Schulte

Stand: 21.07.2020, 05:30

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