Spielbetrieb mit Mini-Toren: Die Revolution im Kinderfußball

Spielbetrieb mit Mini-Toren: Die Revolution im Kinderfußball Morgenmagazin 21.07.2020 01:54 Min. Verfügbar bis 21.07.2021 Das Erste Von Volker Schulte

DFB treibt Reform des Nachwuchsfußballs voran

Spielbetrieb mit Mini-Toren: Die Revolution im Kinderfußball

Von Volker Schulte

Der Spielbetrieb im Kinderfußball steht vor gravierenden Änderungen. Viele kleine Spielfelder statt ein großes, vier Minitore, kein Torwart - ist das noch Fußball? Der DFB und engagierte Mitstreiter arbeiten intensiv daran, die Zweifler zu überzeugen.

Der Deutsche Fußball-Bund treibt eine radikale Reform des Spielbetriebs im Kinderfußball voran. Turniertage mit vielen kleinen Spielfeldern und Minitoren sollen unterhalb der D-Junioren (U12/U13) die klassischen Vereinsduelle mit sieben Spielern pro Mannschaft ersetzen.

"Grundsätzlich wollen wir versuchen, die neuen Spielformen sukzessive überall zu etablieren - und zwar so schnell wie möglich, aber auch so nachhaltig wie möglich", sagt Markus Hirte, Leiter DFB-Talentförderung, im Sportschau-Interview. Dazu bedürfe es noch einer "gehörigen Portion Überzeugungsarbeit".

Gegenwind für den Bayerischen Landesverband

Wie heikel das Thema ist, hat der Bayerische Landesverband Ende März 2019 erlebt. Als er ankündigte, die neuen Spielformen flächendeckend einführen zu wollen, hagelte es in den sozialen Netzwerken Kritik. Viele Vereine fühlten sich laut "Kicker" überrumpelt.

Aktuell gehen die Verbände behutsam vor. Auch in der kommenden Saison können die Kreise zwischen dem traditionellen und dem neuen Spielbetrieb wählen. Die Revolution soll an der Basis wachsen, angetrieben von engagierten Funktionären und Trainern. Vordenker und engagierter Antreiber ist seit Jahren der Sportwissenschaftler Matthias Lochmann. Mittlerweile hat die Reform immer mehr Verfechter mit Schwerpunkten zum Beispiel in München, Hannover, Hamburg und Berlin.

Revolution im Kinder-Fußball

Sportschau 21.07.2020 01:58 Min. Verfügbar bis 21.07.2021 Das Erste Von Anke Feller

Vorteil 1: "Wir lassen keinen zu Hause"

Auch in Köln haben sich Klubs vernetzt und eine eigene Drei-gegen-Drei-Liga organisiert, darunter die großen Namen der Stadt: Fortuna, Viktoria und FC. "Das Wichtigste ist aus meiner Sicht, dass wir alle Kinder dazu bringen, am Wochenende zu spielen. Wir lassen keinen zu Hause", sagt Thomas Staack, Trainer bei Vorwärts SpoHo und DFB-Autor. Bisher konnten kleine Vereine oft nicht für den Spielbetrieb melden, weil sie zu wenig Kinder für eine Siebenermannschaft hatten. Gut besetzte Klubs mussten dagegen jedes Wochenende Spieler aus dem Kader streichen.

Weil die neuen Spielformen mehrere kleine Felder mit Miniteams vorsehen, können schon wenige Kinder für eine Teilnahme reichen. Ein Verein kann aber auch mit 17 Spielern kommen und dann mit mehreren Miniteams antreten.

Jugendtrainer Staack: "Wir lassen kein Kind zu Hause" Sportschau 21.07.2020 01:33 Min. Verfügbar bis 21.07.2021 Das Erste Von Volker Schulte

Vorteil 2: Mehr Aktionen für alle

Ein weiterer Vorteil: mehr Ballaktionen für alle. "Untersuchungen sagen, dass im Sieben gegen Sieben bis zu 80 Prozent der Ballkontakte von nur vier Spielern begangen werden", sagt Oliver Zeppenfeld, Jugendbildungsreferent beim Fußball-Verband Mittelrhein. "Das bedeutet, dass die starken Spieler sich extrem weiterentwickeln, die weniger guten allerdings recht wenig Entwicklungschancen haben."

Wissenschaftliche Studien bestätigen die Argumente der Befürworter. Die Deutsche Sporthochschule Köln vergleicht in Zusammenarbeit mit der Universität Rostock das herkömmliche Sieben gegen Sieben mit dem Drei gegen Drei auf vier Minitore. Diese Spielidee ist schon 30 Jahre alt, der ehemalige deutsche Hockey-Nationaltrainer Horst Wein hat seine Erfindung damals "Funiño" getauft. Jetzt ist sie ein zentraler Punkt der Reformpläne des DFB. "Es wird viel, viel häufiger gedribbelt, es fallen viel häufiger Tore, es wird viel häufiger aufs Tor geschossen", sagt Fußballdozent Sebastian Schwab mit Verweis auf erste Zwischenergebnisse.

Sporthochschul-Dozent Schwab: "Es fallen viel mehr Tore" Sportschau 21.07.2020 00:51 Min. Verfügbar bis 21.07.2021 Das Erste Von Volker Schulte

Rotations- statt Ersatzspieler

Die neuen Spielformen sehen kurze, intensive Spiele vor - je nach Alter mit zwei, drei oder fünf Kindern pro Team. Die Mannschaften rotieren anschließend je nach Ergebnis ein Spielfeld vor oder zurück. Es geht also auch ums Gewinnen, aber nicht um ein Endergebnis.

Statt Ersatzspielern gibt es Rotationsspieler: Nach jedem Tor wird nach einer festgelegten Reihenfolge gewechselt. Und liegt ein Team mit drei Toren zurück, darf es einen zusätzlichen Spieler aufs Feld lassen, bis der Spielstand wieder ausgeglichen ist.

Aufbau eines F-Junioren-Turniertags nach den neuen Spielformen

Aufbau eines F-Junioren-Turniertags nach den neuen Spielformen

Mitglieder- und Talenteschwund

Dass das Kleinfeld-Spiel auf vier Minitore von einer Trainingsform zum offiziellen Spielbetrieb aufsteigen soll, begründet Markus Hirte vom DFB so: "Seit 20 Jahren propagieren wir die zehn goldenen Regeln des Fußballs mit kleinen Mannschaften, vielen Wiederholungen, Kontakten und Erfolgserlebnissen für jeden Spieler. Das ist absolut anerkannt, wird aber viel zu wenig umgesetzt, weil die Wettbewerbe am Wochenende das nicht erfordern." Zu groß war offenbar weiterhin die Versuchung, unter der Woche so zu trainieren, dass die Erfolgschancen in der Meisterschaft steigen.

Außerdem wolle der DFB zwei negativen Entwicklungen entgegenwirken. "Wir sehen, dass immer mehr Kinder immer früher die Vereine wieder verlassen", sagt Hirte. "Und dass immer weniger Spieler Kreativität und Phantasie ins Spiel einbringen, was ja auch in älteren Jahrgängen und in der Nationalmannschaft wichtig ist." Profitieren sollen am Ende also Breiten- und Leistungssport.

Sportliche und organisatorische Bedenken

Aber wollen Kinder nicht genauso Fußball spielen wir ihre Stars? Solche Bedenken berücksichtigt der DFB, indem er zumindest bei den älteren Kindern auch Spielfelder mit großen Toren und Torhütern vorsieht. Streitfragen sind außerdem die Organisation der komplexen Turniertage und die Anschaffungskosten für die Tore.

"Wir versuchen, die Vereine zu unterstützen und organisatorische Abläufe zu entwickeln, die einen Aufbau so leicht wie möglich machen", sagt FVM-Jugendreferent Zeppenfeld. Bei den möglichen Kosten verweist er auf eine in Köln praktizierte Lösung: "Wenn der gastgebende Verein nicht genügend Tore hat, bringen die anderen Mannschaften Tore mit."

Laut DFB setzen in der kommenden Spielzeit alle 21 Landesverbände zumindest in Pilotprojekten die neuen Spielformen um. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sie flächendeckend zum Standard werden.

FVM-Jugendreferent Zeppenfeld: "Versuchen, den Vereinen zu helfen" Sportschau 21.07.2020 01:16 Min. Verfügbar bis 21.07.2021 Das Erste Von Volker Schulte

Stand: 21.07.2020, 05:30

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