Historiker Peiffer - "Bei manchen Verbänden herrscht immer noch kollektive Amnesie"

Die  Herren-Turnabteilung des TuS Makkabi Düsseldorf

75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

Historiker Peiffer - "Bei manchen Verbänden herrscht immer noch kollektive Amnesie"

Am Montag (27. Januar) wird anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz der Opfer des Holocaust gedacht. Der Historiker Lorenz Peiffer spricht im Interview über den Auschluss jüdischer Sportler aus deutschen Sportvereinen, die fehlende Aufarbeitung nach 1945 und die wichtige Arbeit deutscher Fußballfans.

Herr Peiffer, welche Rolle spielte der Sport für Juden und jüdisches Leben in Deutschland vor 1933?

Peiffer: Sport hat für die jüdische Bevölkerung eine genauso große Rolle gespielt wie für jeden anderen Bürger auch. Juden waren angesehene Sportler in den bürgerlichen Turn- und Sportvereinen, und sie haben große Erfolge gefeiert. Nehmen Sie die Leichtathletin Gretel Bergmann oder die Fußballnationalspieler Julius Hirsch und Gottfried Fuchs, um nur die Bekanntesten zu nennen. Das änderte sich schlagartig nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933, als die jüdischen Sportler aus den Vereinen ausgeschlossen wurden.

Sie werfen Vereinen und Verbänden vor, ein Wegbereiter der Arisierung der Gesellschaft gewesen zu sein. Warum?

Peiffer: Die Diskussion innerhalb der Turnvereine um einen Ausschluss jüdischer Sportler begann schon, bevor überhaupt ein nationalsozialistisches Gesetz mit einem Arier-Paragrafen verabschiedet wurde. Es gab keine Vorlage für die Turn- und Sportvereine, einen Arierparagraphen einzuführen. Das ist im vorauseilenden Gehorsam gemacht worden.

Weil die Juden nicht mehr in den bürgerlichen Vereinen aktiv sein durften, gründeten sie an vielen Orten eigene Vereine. Warum spielte der Sport trotz der Machtübernahme immer noch eine so wichtige Rolle?

Peiffer: Das hat natürlich auch etwas mit Selbstbehauptung und Würde zu tun. Zu dieser Selbstbehauptung gehörte, sich körperlich zu betätigen, Geselligkeit zu pflegen, sich in Vereinen zu treffen. Für das religiöse Leben ist die Synagoge der zentrale Anlaufpunkt in den jüdischen Gemeinden gewesen. Für das gesellschaftliche Leben innerhalb der jüdischen Gemeinde ist ab 1933 der Ankerpunkt der Sportplatz, die Sporthalle, der kleine Raum, wo Tischtennis gespielt wurde oder andere Sportarten.

Warum erlaubten die Nationalsozialisten die Gründung jüdischer Vereine überhaupt?

Peiffer: Vor allem wegen der Olympischen Spiele 1936. Es gab Boykott-Androhungen seitens der Amerikaner, Engländer und Franzosen, darauf haben die Nazis beschlossen, dass den Juden die Möglichkeit eingeräumt wird, weiterhin Sport in eigenen Vereinen zu treiben. Das war, wenn sie so wollen, die erste Form der Ghettoisierung der Juden.

Das jüdische Vereinsleben endete dann schlagartig 1938.

Peiffer: Ja, die Ereignisse der Reichspogromnacht haben auch für den jüdischen Sport das Ende bedeutet.

Die zwei Leben des Erich Schild Sportschau 25.01.2020 03:07 Min. Verfügbar bis 25.01.2021 Das Erste

Lebendig wird ihre Forschung zu den jüdischen Vereinen vor allem durch Einzelschicksale und Geschichten. Besonders spannend ist die bis dahin unbekannte Geschichte des Erich Schild.

Peiffer: Auf Erich Schild sind wir bei den Recherchen zu unserem Handbuch zu Nordrhein-Westfalen gestoßen. Schild war ein Sprinter, der 1933 die 100 Meter in 10,8 Sekunden gelaufen ist und zu den ersten Olympia-Vorbereitungen eingeladen wurde. Dann wurde er in Selm aus seinem Verein ausgeschlossen und startete zunächst für den jüdischen Verein Schild Dortmund. Später lebte eine Weile in Stuttgart, ging nach Dortmund zurück und floh dann über die über Holland nach Frankreich. Dann ist er verschwunden, der Name Erich Schild taucht nicht wieder auf.

Nach dem Krieg gibt es aber den Schauspieler Erik Schildkraut, der an verschiedenen deutschen Bühnen gespielt hat. Und dieser Erik Schildkraut ist Erich Schild. Ich habe autobiografische Notizen von ihm gefunden, wo er auch über sein erstes Leben als Sportler berichtet und wie er sich als Trainer und Sportlehrer in Frankreich und Belgien durchgeschlagen hat. Und wie er nach dem Krieg nach Dortmund zurückkehrte und erfuhr, dass seine Mutter deportiert und im KZ ermordet worden ist.

Wie lief die Aufarbeitung seitens der Sportverbände und Vereine nach 1945 ab? 

Peiffer: Nach 1945 herrschte erst einmal kollektive Amnesie. Hitlers Sportfunktionäre waren ja auch im bundesdeutschen Sport wieder aktiv. Bis in die achtziger und neunziger Jahre ist das völlig tabuisiert worden. Der größte deutsche Verband, der Deutsche Fußball-Bund (DFB), hat dann zaghafte Aufarbeitung betrieben im Vorfeld der WM 2006. Mittlerweile wird beim DFB eine sehr aktive Erinnerungskultur betrieben, das muss man sagen. Bei anderen Verbänden wie dem Leichtathletikverband, dem Ruderverband oder dem Schwimm-Verband, wo ja auch jüdische Sportler aktiv gewesen sind herrscht immer noch kollektive Amnesie.

Historiker Peiffer wirft Verbänden Desinteresse vor Sportschau 25.01.2020 00:46 Min. Verfügbar bis 25.01.2021 Das Erste

Ein skandalöser Zustand. Warum passiert da nichts?

Peiffer: Ich vermute, das ist einfach Desinteresse. Wir haben im Rahmen unserer Forschung zu jüdischen Vereinen in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr die Präsidenten des Westfälischen Turnerbundes und des Rheinischen Turnerbundes angeschrieben. Wir haben nicht um finanzielle, sondern um ideelle Unterstützung gebeten – und nicht mal eine Antwort bekommen. Wir haben sie auch eingeladen zur Präsentation der Ergebnisse im Stadtarchiv in Dortmund. Wir haben nicht mal eine Antwort bekommen.

Sie haben die vergleichsweise gute Erinnerungsarbeit des DFB angesprochen, der auch in diesem Jahr wieder am Holocaust-Gedenktag teilnimmt. Man darf aber auch nicht vergessen: Vielfach wird die Erinnerungsarbeit im Fußball von Fans übernommen.

Peiffer: Das stimmt, und man kann diese Initiativen nicht hoch genug loben. Denken Sie an die Fangruppe Schickeria von Bayern München, die den ehemaligen Präsidenten Kurt Landauer wiederentdeckt hat. Oder an die Fans des 1. FC Nürnberg, die den jüdischen Trainer Jenö Konrad zurück geführt haben in die Geschichte des Vereins und der Stadt. Oder die Fans von Borussia Dortmund, die Gedenkstätten-Fahrten organisieren und sich vor Ort mit der Zeit des Nationalsozialismus, mit den Lebenswegen von deportierten jüdischen Menschen sehr intensiv auseinandersetzen. Das ist ein Stück Bildungsarbeit, das von der Basis betrieben wird.

Historiker Peiffer: „Fans betreiben politische Bildungsarbeit“ Sportschau 25.01.2020 02:10 Min. Verfügbar bis 25.01.2021 Das Erste

Das Interview führte Christian Steigels.

Lorenz Peiffer ist pensionierter Professor der Universität Hannover, Historiker und Experte für Sport im Nationalsozialismus. U.a. erschien 2019 der Sammelband "Juden im Sport in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Ein historisches Handbuch für Nordrhein-Westfalen".

Stand: 27.01.2020, 08:30

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