Fanforscherin im Interview

Kurt-Landauer-Stiftung - "Im Stadion legt man ja seinen Kopf nicht ab"

Die von Fans des FC Bayern München gegründete Kurt-Landauer-Stiftung setzt sich für soziale Projekte und Erinnerungsarbeit ein. Zum Jubiläum hat man ein besonderes Geschenk für den Verein geplant, wie die Stiftungsmitglieder Simon Müller und Michael Linninger erzählen.

Sportschau.de: Am 27. Februar feiert der FC Bayern München Geburtstag. Sie wollten zum Jubiläum auf dem Vereinsgelände eine Statue des jüdischen Ex-Präsidenten Kurt Landauer realisieren. Das hat zeitlich nicht ganz geklappt, oder?

Simon Müller: Richtig, zum Jubiläum wollten wir den Entwurf eines bekannten Münchener Künstlers präsentieren. Ganz geklappt hat es nicht, wir sind noch in Gesprächen mit dem Künstler. Aber wir haben einen Großteil der Spenden zusammen. Wir hoffen, dass die Statue dann im Sommer steht. Bisher sieht es gut aus.

Warum braucht der FC Bayern eine Statue von Kurt Landauer?

Müller: Aus mehreren Gründen: Der FC Bayern, wie er heute ist, wäre ohne Landauer nicht möglich gewesen. Sportlich, aber auch inhaltlich. Die Weltoffenheit, die er als Person verkörpert hat, hat er auch in den Verein eingebracht. Zu seiner Zeit haben viele den Sport eher in einer Deutschtümelei verstanden und das als Wehrertüchtigung gesehen. Landauer hat das verbindende Element des Fußballs gesehen und viele internationale Spiele organisiert. Das hat auch dazu geführt, dass man lernen konnte von Fußballnationen wie Ungarn oder England, die anderen damals weit voraus waren. Zudem hat er dadurch auch aktiv Völkerverständigung betrieben.

Michael Linninger: Und natürlich ist auch das Schicksal von Kurt Landauer und seiner Familie wichtig, weil sie die NS-Zeit einfach verständlich macht. Wenn man von Zahlen redet, ist das für viele nicht richtig zu greifen. Aber wenn man ein einzelnes Schicksal anschaut, mit dem man sich auch aufgrund der Verbundenheit mit dem Verein identifizieren kann, kann man diese Zeit auch jugendlichen Fans oder Fans allgemein vermitteln.

Im Dezember vergangenen Jahres haben sie die Kurt-Landauer-Stiftung gegründet. Wie kam es dazu?

Müller: Ausgangspunkt war der Julius-Hirsch-Preis, den wir von der Ultragruppe "Schickeria" 2014 für unser Engagement gegen Rassismus und die Erinnerung an Kurt Landauer bekommen haben. Wir haben gemerkt, dass Kurt Landauer sehr viele Menschen bewegt. Wir wollten das nachhaltig nutzen. Deswegen haben wir uns entschieden, die Stiftung zu gründen.

Was machen sie konkret?

Linninger: Wir setzen soziale Projekte im Sinne von Kurt Landauer um. Wir laden Geflüchtete ins Stadion ein, wir unterstützen die lokale Straßenfußball-Liga "Bunt kickt gut". Und wir wollen Geschichte erlebbar machen, am Beispiel von Landauer und anderen Personen der Vereinsgeschichte die Schrecken der Nazizeit aufzeigen und für ein "Nie wieder" werben. Wir fahren mit jugendlichen Fans im März nach Auschwitz, wir waren vorletztes Jahr in Dachau, wo ja Kurt Landauer auch inhaftiert war.

An welche anderen Personen der Vereinsgeschichte wollen sie noch erinnern?

Fans des FC Bayern München | Bildquelle: wdr/imago

Müller: Beim Heimspiel gegen Hoffenheim haben wir an Werner Sigismund Hecht erinnert. Hecht war Jugendspieler bei Bayern, ein waschechter Münchener. Er ist nach Amsterdam geflohen und dort dann von den Nazis ermordet worden. Ein weiteres Beispiel ist der frühere Jugendleiter Otto Beer, der mit seiner Familie und vielen anderen Münchener Juden ins litauische Kaunas deportiert und dort erschossen wurde.

Viele Protagonisten der Kurt-Landauer-Stiftung, unter anderem auch Sie selbst, kommen aus der Ultraszene. Die Zusammenarbeit zwischen Ultras und Verein ist ja nicht immer einfach gewesen in der Vergangenheit.

Müller: Für uns ist es wichtig, dass die Arbeit der Stiftung von tagesaktuellen Konflikten zwischen Ultras und Vereinsführung nicht beeinträchtigt wird. Die Ziele der Stiftung sind größer.

Wenn wir mal in Fankurven allgemein schauen, wie verbreitet sind Antisemitismus und Rassismus dort?

Müller: Offener Rassismus oder Antisemitismus sind in den Stadien weniger sichtbar als noch in den 90ern oder frühen 2000ern. Das hat an vielen Standorten nicht unerheblich mit den Ultra-Gruppen zu tun, die diese rechtsoffenen Tendenzen zurückgedrängt haben. Die Stadien sind aber trotzdem auch heute noch Brenngläser der Gesellschaft. Es gibt einen Rechtsruck, und der spiegelt sich auch in den Einstellungen der Menschen im Stadion wieder. Daher ist das für uns wichtig, auch dort Werte zu vermitteln und vorzuleben. Wenn man ins Stadion geht, legt man ja seinen Kopf nicht ab.

Abgesehen von der Statue - welche Projekte haben Sie mit der Kurt-Landauer-Stiftung für die nächsten Monate und Jahre geplant?

Müller: Uns ist wichtig, dass man nicht bei der Person Kurt Landauer stehen bleibt, sondern weiter arbeitet. Es gibt eine Geschichte von jetzt 118 Jahren mit sehr vielen interessanten Persönlichkeiten und sehr vielen denkwürdigen Ereignissen. So ein Verein ist schließlich mehr als die Spieler, die jetzt gerade bekannt sind und die man von Instagram und Facebook kennt.

Das Interview führte Christian Steigels.

Zu den Personen: Simon Müller und Michael Linninger sind Fans des FC Bayern München und Gründungsmitglieder der Kurt-Landauer-Stiftung.