Fußball – Ein faszinierendes, aber ungerechtes Drama

Die Münchener nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2012

ARD-Themenwoche Gerechtigkeit

Fußball – Ein faszinierendes, aber ungerechtes Drama

Videobeweis, Torlinientechnologie – es gibt viele Versuche, den Fußball fairer und gerechter zu machen. Doch gibt es überhaupt Gerechtigkeit im Fußball? Oder ist der Fußball nicht vielmehr ein ungerechter Sport, abhängig von Zufall und Glück? Der Philosoph Gunter Gebauer hat sich viele Gedanken zu Gerechtigkeit im Fußball gemacht.

sportschau.de: Herr Gebauer, ist Fußball ein gerechter oder ein ungerechter Sport?

Gunter Gebauer: Im Fußball wird erwartet, dass die bessere Mannschaft gewinnt. Das erkennt man an Begriffen wie "leistungsgerechtes Unentschieden" oder "die bessere Mannschaft hat gewonnen". Aber wir wissen natürlich, dass das nicht stimmt. Es kann durchaus die Mannschaft gewinnen, die ein ganzes Spiel über mauert und mit einem einzigen Vorstoß das entscheidende Tor erzielt.

Das haben wir oft genug leidvoll erfahren, zum Beispiel als Bayern München im Champions-League-Finale gegen Chelsea zuhause verloren hat. Fußball ist von den Ballsportarten diejenige, in der die ungerechtesten Ergebnisse möglich sind.

Woran liegt das? Was macht den Fußball im Vergleich zu Handball oder Basketball ungerechter?

Gebauer: Die Bedingungen des Spiels: Die Füße können den Ball nicht festhalten, sie können ihn auch nicht ganz präzise ins Ziel bringen. Handball ist da viel präziser. Das sieht man auch an den Ergebnissen: Ein gutes Handballspiel geht 27:25 aus, ein gutes Fußballspiel kann 1:0 ausgehen. Die Tore sind extrem rar, das liegt an der Konstitution des Spiels.

"Ein Zufallstor beim Fußball ist dauernd möglich"

Das Scheitern vor dem Tor ist im Fußball sozusagen der Normalzustand. Die weniger erzielten Tore machen den Fußball also auch zu einer ungerechteren Veranstaltung?

Gebauer: Alleine schon dadurch, dass so viele Tore erzielt werden wie beim Handball oder so viele Punkte gemacht werden wie beim Basketball, ist es relativ unwahrscheinlich, dass ein reiner Zufallstreffer entscheidend ist. Ein Zufallstor beim Handball oder ein Zufallskorb beim Basketball sind selten. Ein Zufallstor beim Fußball ist dauernd möglich.

Interessant ist aber doch: Obwohl der Fußball eher ungerecht ist, geht es im Sprechen über den Fußball sehr viel um Gerechtigkeit. Sie sagten es bereits: Da ist von gerechten Unentschieden die Rede, von verdienten Siegen, von ausgleichender Gerechtigkeit. Ist das sprachliche Kompensation?

Gebauer: Einerseits ist das sprachliche Kompensation, ja. Das ist ja auch die Rolle des Kommentators, dass er das Spiel interpretiert und entscheidet, welches die bessere Mannschaft war. Journalisten sind ja auch so etwas wie Oberschiedsrichter, die hinterher die große Wertung geben. Die stimmt aber oft nicht überein mit der Zahl der erzielten Tore.

Wenn eine Mannschaft drückend überlegen ist, müsste sie ja eigentlich 5:1 gewinnen. Aber wenn die andere Mannschaft 1:0 gewinnt, dann ist die Bewertung, die der professionelle Beobachter abgibt, etwas vollkommen anderes als die Wirklichkeit des Ergebnisses.

"Torlinientechnologie befürworte ich uneingeschränkt"

Es gibt viele Versuche, den Fußball gerechter zu machen, wie den Videobeweis oder die Torlinientechnologie? Was halten Sie davon?

Ein Fußballer mit einem "Equal-Game"-Zeichen

Ein Fußballer mit einem "Equal-Game"-Zeichen

Gebauer: Die Torlinientechnologie befürworte ich uneingeschränkt. Bei so essenziellen Entscheidungen wie Tor oder Nicht-Tor ist es erfreulich, dass man das genau feststellen kann. Die Videoentscheidungen stehen auf einem anderen Blatt. Da kann man auch der Meinung sein, das ist unglücklich, dass der Spielfluss unterbrochen wird, dass der Schiedsrichter in einer Ecke verschwindet, um sich einen Videofilm anzugucken und x Wiederholungen. Ich bin aber nicht bereit zu sagen, dass sollte wieder abgeschafft werden.

Verstehen wir Gerechtigkeit als Fairness, dann finden wir auch sonst auf dem Platz wenig Gerechtigkeit. Es werden Schwalben produziert, Fouls provoziert, Elfmeter geschunden, versteckte Fouls begangen.

Gebauer: Hier hängen dann Gerechtigkeit und Fairness ganz eng miteinander zusammen. Wenn ein Spieler frei durchlaufen kann, entscheidet sich der Abwehrspieler fast immer dazu, die gelbe Karte in Kauf zu nehmen, als den anderen Spieler durchrennen zu lassen.

Oder denken wir an den geschundenen Freistoß im Finale der Weltmeisterschaft von Frankreichs Antoine Griezmann. Das 1:0 im WM-Finale war eine grob unsportliche, unfaire und ungerechte Angelegenheit. Der Schiedsrichter hat sich dann noch mehr Ungerechtigkeiten geleistet. So wird aus einem Spiel, das eigentlich ein Fest des Fußballs sein sollte, ein Festival der Ungerechtigkeiten.

"US-Amerikaner mögen es, wenn viele Punkte erzielt werden"

Halten wir also fest: Fußball ist höchst ungerecht, auf verschiedenen Ebenen. Dieses Ungerechte des Fußballs macht aber auch seine Faszination aus und sorgt für das Dramatische, das Fans so lieben.

Gebauer: Das ist richtig, man muss da aber auch differenzieren, weil nicht jede Form von Ungerechtigkeit den Fußball schön macht. Aber die Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters im Spiel selbst, und die hohe Zufallsabhängigkeit des Fußballs im Vergleich zu anderen Ballspielen machen den Fußball sehr faszinierend.

Natürlich kann man sagen: Ein Ergebnis wie 1:0 ist eine extrem magere Sache, US-Amerikaner zum Beispiel mögen es lieber, wenn viele Punkte erzielt werden. Aber wenn man den Fußball liebt, weiß man natürlich, dass ein Spiel unglaublich spannend und erregend sein kann, wenn es nur 1:0 ausgegangen ist. Diese Alles-Oder-Nichts-Entscheidungen machen den Fußball zu einem ganz erregenden Schauspiel. Aber eben nicht zu einem gerechten Schauspiel.

Der Philosoph Gunter Gebauer über Gerechtigkeit im Fußball

Sportschau 13.11.2018 08:00 Min. Verfügbar bis 13.11.2019 ARD

Stand: 14.11.2018, 08:24

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