Rechtsextremismus-Experte Claus - "Politische Debatten werden im Fußball ausgefochten"

Chemnitzer FC Fans halten Banner mit der Trikotnummer 11 in Anlahnung an den ehemaligen Spielers Daniel Frahn hoch

Kein Rechtsruck in Fanszenen

Rechtsextremismus-Experte Claus - "Politische Debatten werden im Fußball ausgefochten"

Es war viel los in den Fankurven des deutschen Profifußballs zuletzt. Fans des Chemnitzer FC solidarisierten sich mit Stürmer Daniel Frahn, der sich am Rande eines Spiels mit Anhängern rechtsextremer Hooligan-Gruppen gezeigt hatte und daraufhin vom Verein suspendiert wurde, in Rostock zeigt eine Fangruppe ein Banner mit der Aufschrift "Außer Rand und Band, für Verein und Vaterland". Robert Claus forscht zu Rechtsextremismus im Fußball. Im Interview warnt er vor einer Vereinfachung der Geschehnisse.

Sportschau: Herr Claus, erleben wir gerade einen Rechtsruck in deutschen Fankurven?

Robert Claus: So erschreckend die Bilder aus Chemnitz auch sind, wo sich Fans mit einem Fußballer solidarisieren, der offensichtlich Kontakte in die rechte Hooligan-Szene hat, würde ich nicht sagen, dass wir einen Rechtsruck sehen. Wir sehen vor allem, dass politische Debatten auch im Fußball ausgefochten werden. Denn an all den Debatten waren auch kritische Fans beteiligt, die sich gegen Rassismus gewandt haben. Diese Kämpfe muss man ernst nehmen.

Am Beispiel Chemnitz: Was passiert da konkret zwischen Fans und Fans und Fans und Verein?

Claus: Zum einen liegt das Macht-Und Gewaltmonopol seit vielen Jahren bei extrem rechten Hooligans, bei den Gruppen Chaotix und den offiziell aufgelösten NS-Boys. Zum anderen ist die Lage vom aktuellen Insolvenzverfahren geprägt, in dessen Rahmen der Profifußball vom Verein ausgelagert werden soll - eine klassischen Fan-Thematik. Dadurch ist eine große Diskussion innerhalb der Fanszene einerseits und zwischen Fans und Verein andererseits entstanden.

In der Person Daniel Frahn, der als sehr fan-nah galt, hat sich das alles kristallisiert. Gleichzeitig dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass es auch in Chemnitz seit dem Frühjahr die Initiative "CFC-Fans gegen Rassismus" existiert. Auch in Chemnitz sehen wir die angesprochene Ausdifferenzierung der Fanszene.

Rechtsextremismus-Experte Claus – "Politische Debatten werden im Fußball ausgefochten"

Sportschau 15.08.2019 08:28 Min. Verfügbar bis 15.08.2020 ARD

Ist die Gründung der "CFC-Fans gegen Rassismus" eine Reaktion auf die heftige Diskussion um die Trauerfeier für den verstorbenen Neonazis Thomas Haller gewesen?

Claus: In der Debatte um das Gedenken an Thomas Haller wurde ja vielfach deutlich, dass Chemnitz durch einen Fakt heraussticht: Rechte Hooligans finden Sie in fast allen deutschen Stadien, aber Sie finden in fast allen deutschen Stadien auch antidiskriminierende Ultras und anti-rassistische Fan-Initiativen. Solch eine Fan-Initiative war bis zum Frühjahr in Chemnitz nicht sichtbar. Die "CFC-Fans gegen Rassismus" versuchen, auch dem anderen Teil der Fan-Kulturen in Chemnitz Sichtbarkeit zu verschaffen.

Ein anderer Verein, der immer mal wieder und jetzt gerade auch aktuell in den Fokus rückt, wenn es um rechtsextreme Äußerungen geht, ist Energie Cottbus. Da tauchte dieser Tage ein Video auf, in dem mutmaßliche Cottbus-Fans beim Hitler-Gruß zu sehen sind.

Claus: Cottbus und Chemnitz ähneln sich schon sehr, an beiden Standorten gibt es eine lange Geschichte rechter Gewalt, die aus den Fan-Szenen kommt. Aber an beiden Standorten dürfen wir trotzdem nicht zu stark pauschalisieren, denn auch in Cottbus gibt es die "Energie-Fans gegen Nazis", die versuchen Sichtbarkeit zu schaffen für Fans, die sich gegen Rechtsextremismus wehren.

Bei aller berechtigten Aufregung über rassistische und rechtsextreme Positionierungen - wir haben seitens der Fan-Szene zuletzt auch positive progressive Zeichen gesehen. Da gab es die Schalker-Fans, die dem Aufsichtsrat-Vorsitzenden Clemens Tönnies nach dessen rassistischen Aussagen die "rote Karte" gezeigt haben oder Hamburger Fans, die sich mit ihrem Spieler Bakery Jatta solidarisieren, dem die BILD-Zeitung vorwirft unter einer falschen Identität nach Deutschland gekommen zu sein. Wie lässt sich so etwas weiter stärken?

Claus: Zum einen geht es darum Öffentlichkeit zu schaffen und auch kleinere Gruppen nicht einfach so zu übergehen. Von Vereins-Seite geht es darum die Leute ein Stück weit zu schützen, d.h. ihre Klagen über Bedrohungen ernst zu nehmen und die Täter konsequent zu verfolgen.

Zum Abschluss müssen wir dann noch einmal auf das große Thema der vergangenen zwei Wochen sprechen: Clemens Tönnies und seine rassistischen Äußerungen. Was bedeutet den der sehr vorsichtige Umgang aller Fußball-Verantwortlichen mit Clemens Tönnies für die Entwicklungen und Bemühungen zum Beispiel in Chemnitz und Cottbus, die sie beschrieben haben.

Claus: Man merkt, dass die Fußballlandschaft und die Vereine selber die gleichen politischen Auseinandersetzungen austragen, die wir auch in den Fan-Szenen sehen. So interpretiere ich den Beschluss des Schalker Ehrenrates. Ein Teil des Ehrenrates konnte sich offensichtlich durchringen das Ganze Diskriminierung zu nennen, der andere Teil war dagegen, es Rassismus zu nennen und so kam der halb-gare Kompromiss heraus.

Letztendlich ist im Fall Tönnies wahrscheinlich, dass es ohne Konsequenzen bleibt. Und das ist natürlich fatal. Man kann nicht jahrelang von Fans fordern, dass es Selbstreinigungsprozesse und Zivilcourage in den Fanblöcken geben muss. Gleichzeitig halten sich große Teile der Funktionärs-Ebene zurück, wenn ein Vorfall in ihrer Szene vorliegt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Christian Steigels.

Stand: 16.08.2019, 10:30

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