IFAB bringt neue Handspielregel auf den Weg

Lars Stindl erzielt gegen Ingolstadt am 26.02.17 ein Tor mit der Hand

Sitzung der Regelhüter

IFAB bringt neue Handspielregel auf den Weg

Von Chaled Nahar

Die wohl umstrittenste Regel im Fußball kommt auf den Prüfstand. Die Regelhüter des International Football Association Board (IFAB) kamen am Donnerstag (22.11.2018) unter dem Vorsitz von Schottlands Verbandschef Ian Maxwell in Glasgow zusammen - und sie planen in Sachen Handspiel tiefgreifende Veränderungen.

Für die Jahreshauptversammlung des IFAB im März 2019, bei der Regeländerungen beschlossen werden könnten, fordert die Runde eine "präzisere und detailliertere Formulierung" zum Handspiel im Regelwerk, so das IFAB in einer Mitteilung. Zu ersetzen wäre die bislang gültige Formulierung in den Regeln, nach der ein "absichtliches Handspiel" vorliegen muss. Was das genau ist, ist seit jeher Gegenstand langer Debatten. Spekuliert wurde im Vorfeld, dass das IFAB stattdessen künftig eine "unnatürliche Armbewegung" als Grundlage nehmen will, bestätigt wurde das noch nicht. Hintergrund könnte sein, dass man dem in bald allen Top-Ligen verfügbaren Video-Assistenten eine deutlichere Kategorie des Handspiels geben will, damit er einen Eingriff plausibel rechtfertigen kann.

Wird unabsichtliches Handspiel strafbar?

Darüber hinaus will das IFAB künftig unter bestimmten Voraussetzungen auch ein unabsichtliches Handspiel strafbar machen. Nämlich in den Fällen, in denen ein Spieler einer angreifenden Mannschaft durch das unabsichtliche Handspiel einen klaren Vorteil hat: beispielsweise eine Torerzielung oder die Einleitung einer klaren Torchance. Mönchengladbachs Lars Stindl erzielte im Februar 2017 in Ingolstadt unabsichtlich ein Tor mit der Hand (Foto oben) - der Treffer zählte.

"Auf internationaler Ebene war es schon zuletzt gängige Praxis, mit der Hand oder dem Arm erzielte Tore nahezu ausnahmslos nicht gelten zu lassen. Nun soll diese Praxis offenbar auch festgeschrieben werden", sagt Alex Feuerherdt vom Schiedsrichter-Podcast "Collinas Erben" im Gespräch mit sportschau.de.

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Mehrere Änderungen möglich

Im März 2019 steht die noch nicht genau datierte Jahreshauptversammlung des IFAB an. Unter den weiteren diskutierten möglichen Regeländerungen sind einige, die alte Streitfragen lösen oder zumindest für etwas mehr Ruhe sorgen sollen. Schon in der Sitzung eines Beirats des IFAB Anfang November wurden einige dieser Ideen nach vorne gebracht. Neben der Forderung nach Verbesserungen beim Handspiel schlägt das IFAB für einen Beschluss im März diese Regeländerungen vor:

Auswechslungen: Da sie häufig Instrument des Zeitschindens sind, sollen Auswechslungen dadurch beschleunigt werden, dass der ausgewechselte Spieler dort das Spielfeld zu verlassen hat, wo er sich zum Zeitpunkt des gewünschten Wechsels befindet. Ein langsames Trotten zur Trainerbank würde entfallen.

Abstoß und Freistoß im eigenen Strafraum: Der Ball soll nicht wie bisher zwingend den Strafraum verlassen müssen, bevor ein Mitspieler ihn annehmen darf. Dadurch war nämlich auch hier ein Zeitspiel möglich, da Abstoß oder Freistoß dann bislang wiederholt werden müssen. Optisch könnte das Veränderungen mit sich bringen, wenn Torwart und Verteidiger beispielsweise einen "kurzen Abstoß" im Strafraum ausführen.

Strafen: Der Schiedsrichter soll auch Vereinsoffiziellen wie beispielsweise Trainern transparent mit Gelben und Roten Karten signalisieren, wenn er sie verwarnt oder aus dem Innenraum verweist. Bislang geschieht dies ausschließlich mündlich. "Die Karten für die Trainer sind natürlich spektakulär, aber ich finde das sehr gut. Es wird optisch eine unmissverständliche Grenze gesetzt, wie bei den Spielern auch", sagt Feuerherdt.

Schiedsrichterball: Hier geht keine klare Forderung aus der Mitteilung hervor, der Schiedsrichter soll aber wohl der Mannschaft den Ball zuspielen, die zuletzt am Ball war.

Elfmeter: Das IFAB schreibt, dass der Torwart künftig nur noch einen Fuß auf der Torlinie haben muss. Hintergrund könnte sein, dass es für den Schiedsrichter und den Video-Assistenten leichter zu erkennen ist, ob sich ein Fuß des Torwarts auf der Linie befindet oder ob es wie bisher beide sein sollen.

"Die vom IFAB beschriebenen Änderungen dienen dazu, Klarheit bei einigen regelpraktisch umstrittenen Situationen zu schaffen, oder dazu, das Spiel zu beschleunigen", sagt Feuerherdt.

Kein Wort zum Elfmeter ohne Nachschuss

Kein Wort verlor das IFAB allerdings über einen Vorschlag, laut dem bei einem Strafstoß im Spiel der Ablauf künftig wie beim Elfmeterschießen sein soll - ein Nachschuss wäre also nicht mehr möglich. Wenn der Torwart den Ball abwehrt oder der Ball nach einem Pfosten-/Lattentreffer abprallt, sollte es einen Abstoß geben. Zahlreiche Medien hatten über den Vorschlag berichtet, der DFB-Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich äußerte sich bereits positiv zu der möglichen Regeländerung.

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Der gewünschte Nebeneffekt: Das frühzeitige Betreten des Strafraums von anderen Feldspielern wäre kein Streitpunkt mehr. Aber weder der Beirat am 6. November noch das IFAB am Donnerstag nahmen öffentlich Stellung zu diesem Vorschlag, dessen Status damit unklar bleibt.

Auch der öffentlich diskutierte Vorschlag, eine Verletzung der Rückpassregel durch den Torwart künftig mit einem Strafstoß statt wie bisher mit einem indirekten Freistoß zu bestrafen, blieb unerwähnt. Für Rückfragen war das IFAB nicht zu erreichen. Die Frage bleibt bei diesem Vorschlag ohnehin, ob Handlungsbedarf besteht, da die Torhüter die 1992 eingeführte Regel ohnehin gewöhnt sind und Verstöße nur sehr selten vorkommen.

Abgelehnt: das ABBA-Elfmeterschießen

Eine klare Absage erteilte das Gremium zwei anderen Vorschlägen. Die Idee, keine Auswechslungen in der Nachspielzeit mehr zuzulassen wurde genauso verworfen wie die des "ABBA"-Elfmeterschießens. Dabei schießt Mannschaft A den ersten Elfmeter, Mannschaft B den zweiten und den dritten, Mannschaft A dann wieder den vierten und den fünften. Das soll den vermeintlichen Druck des Vorlegens und Nachlegens auf beide Mannschaften gleichermaßen verteilen. Aber das Prozedere sei zu komplex, klagt das IFAB, die Idee sei "keine Option für die Zukunft mehr".

"Weitere Diskussionen" wurden zu zwei anderen Themen angeregt: Zum einen über einen Schiedsrichterball, wenn der Ball den Schiedsrichter trifft und dabei ein Tor oder ein klarer Vorteil entsteht. Zum anderen über ein Verbot von gegnerischen Spielern in der Freistoßmauer.

Sechs von acht Mitgliedern müssen zustimmen

Das IFAB (International Football Association Board) hat acht Mitglieder. Vier davon stammen traditionell aus den Verbänden von England, Schottland, Wales und Nordirland. Die anderen vier entsendet die FIFA. Bei einer Abstimmung des IFAB müssen sechs der acht Mitglieder für eine Regeländerung stimmen, damit sie in Kraft tritt - so auch im kommenden März. Die vier Mitglieder aus der FIFA stimmen immer geschlossen ab.

Das IFAB ist ein der FIFA übergeordnetes Gremium, das die Regeln des Fußballspiels berät und beschließt. Das IFAB wurde von den Verbänden des Vereinigten Königreichs mehr als 20 Jahre vor der FIFA gegründet. Die FIFA erkannte bei ihrer Gründung 1904 die Hoheit des IFAB in Regelfragen an.

Stand: 22.11.2018, 20:46

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