Das schwierige Leben von Nachwuchstalenten im Fußball

Campus des FC Bayern

Bundesligavereine scouten immer früher

Das schwierige Leben von Nachwuchstalenten im Fußball

Von Lovis Binder, Sebastian Krause, Uri Zahavi

Jedes Jahr spielen mehr als 10.000 Kinder und Jugendliche in den Nachwuchsteams der Profiklubs. Den Sprung nach ganz oben schaffen extrem wenige, doch der Druck ist für jeden enorm.

April 2018, die zwei Jungenmannschaften von Viktoria Berlin und Tennis Borussia Berlin spielen gegeneinander. Die Spieler beider Teams sind nicht älter als 13 Jahre, trotzdem ist es ein besonderes Spiel. Beide Teams haben Spieler in ihren Reihen, die als ausgewöhnliche Talente gelten, die es vielleicht ganz nach oben schaffen können.

Die Atmosphäre ist angespannt. Wir entdecken über 20 Berater, die Hände schütteln und Gespräche führen. Am Spielfeldrand geht es turbulent zu. Mehrere Eltern peitschen ihre Kinder an.

Eltern beim Spiel in Berlin

Viktoria Berlin vs. Tennis Borussia Berlin

Im Mittelpunkt des Interesses steht der 13-jährige Liul Alemu. Er ist in Berlin aufgewachsen und spielt für Viktoria. Ein paar Wochen später wird er mit seiner Familie ins 600 Kilometer entfernte München ziehen, um dort für eine Jugendmannschaft des FC Bayern zu spielen.

Vereine scouten 7-jährige Spieler

Der FC Bayern und RB Leipzig haben in den vergangenen Jahren mehr als zehn 13- und 14-jährige Spieler aus Köln, Leverkusen, Trier, Kaiserslautern, Berlin, Hannover und Salzburg in die eigenen Nachwuchsleitungszentren (NLZ) geholt. Lokal und regional scouten die Vereine sogar noch früher. Die Mehrheit der Profiklubs startet in ihrem NLZ mit einer U9-Mannschaft, für die dann teilweise schon 7-jährige Kinder gesichtet werden.

Mit dem Wechsel zum FC Bayern hat sich das Leben für Liul Alemu schlagartig verändert. „Ich lasse alle meine Freunde hier, was schwer für mich ist, das gewohnte Gebiet, ich lebe schon seit klein auf in Berlin.“ Seit der Bekanntgabe des Wechsels hätten sich schon viele Berater gemeldet, berichtet sein Vater. Nicht immer gehen diese Berater bei Minderjährigen den offiziellen Weg über die Eltern. Häufig werden talentierte Spieler direkt über Instagram und Facebook kontaktiert - teilweise auch schon von Sponsoren.

Hype um Fußballtalente nimmt weiter zu

Sportschau | 13.11.2018 | 12:40 Min.

Nachwuchsspieler haben kaum Freizeit

Kinder und Jugendliche, die in einem NLZ spielen, haben einen professionell durchstrukturierten Alltag. Tage starten häufig zwischen 6 und 7 Uhr und enden zwischen 20 und 21 Uhr. Die Spieler gehen zur Schule, lernen, haben mehrere Trainingseinheiten am Tag und reisen zu Spielen und Turnieren. Meistens sind sie fünf bis sechs Tage in der Woche eingespannt. "Es gibt kein Ostern oder Heiligabend oder einen Urlaub mit der Familie“, berichtet Inga Ivert, deren Sohn bis 2014 im NLZ von Hannover 96 spielte.

Nils Zander

Nils Zander spielte in den Nachwuchsteams von Schalke 04.

Sie berichtet, dass ihr Sohn häufig Druck ausgesetzt gewesen sei. "Sie wurden unglaublich erwachsen behandelt. Sie wurden angebrüllt, zusammengeschissen, sie haben Strafen bekommen, wenn gewisse Dinge nicht funktionierten.“ Die Leitung des NLZ von Hannover 96 teilt uns schriftlich mit, dass dieser Fall vor ihrer Zeit gelegen habe und deswegen nicht beurteilt werden könne. Solche Verhaltensweisen könne man aber ausschließen und würde sie auch nicht dulden.

Jugendliche werden nur noch als Fußballer definiert

Die meisten Kinder und Jugendlichen, die in einem NLZ spielen, verfolgen den Traum, Fußballprofi zu werden. Da sich in diesem Alltag fast alles um den Fußball dreht, passiert es häufig, dass sie nur noch als Sportler wahrgenommen werden. Nils Zander spielte viele Jahre in den Jugendmannschaften von Schalke 04. Als seine Karriere ins Stocken geriet, habe er viele unangenehme Fragen von Freunden und Bekannten beantworten müssen. "Was ist denn da los, warum spielst du nicht? Du hast doch immer gespielt.“   

Nils Zander schaffte es bis in den Bundesligakader von Schalke und wurde dann aussortiert. Das bezeichnet er im Nachhinein als "das schlimmste Erlebnis“ seines Lebens. Auch Inga Ivert berichtet, dass es ein prägendes Erlebnis für ihren Sohn gewesen sei, als dieser mit 14 Jahren bei Hannover 96 aussortiert wurde. "Die Erfahrungen haben Furchen hinterlassen.“

Nur drei Prozent schaffen es nach ganz oben

Nach vielen Jahren, die fast ausschließlich dem Fußball gewidmet wurden, erfahren die meisten Spieler, dass sie es nicht bis ganz nach oben schaffen. Die ARD-Radio-Recherche Sport hat die U19-Kader (Quelle: transfermarkt.de) der aktuellen Profiklubs aus den vergangenen acht Jahren ausgewertet. Von den insgesamt 5.736 Spielern stehen aktuell 198 (3,5 Prozent) im Kader eines Vereins in den fünf Topligen aus Deutschland, England, Spanien, Italien und Frankreich.

Noch geringer ist der Wert derer, die es bisher auf zehn Spiele in diesen Ligen geschafft haben (2,6 Prozent). Ein ausgewählter Wert, bei dem man in den meisten Fällen davon ausgehen kann, dass sich dieser Spieler ganz oben im Fußball etabliert und finanziell einen großen Sprung geschafft hat. Bei diesen Statistiken sind viele tausend Spieler gar nicht erst eingerechnet worden, die schon vor der U19 aussortiert wurden.

Was kann man den Spielern alles abverlangen?

Viele Experten, wie der ehemalige Leiter des NLZ des 1. FC Köln, Jörg Jakobs, gehen davon aus, dass man erst ab einem Alter von 16, 17 Jahren halbwegs verlässlich sagen kann, ob die Spieler das Potential haben, Profi zu werden. Vereine und Eltern müssen sich fragen, was sie den Spielern in den Jahren davor abverlangen. Die wenigsten Spieler werden das selbst kritisch hinterfragen.

Stand: 14.11.2018, 09:29

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