Gewalt im Amateurfussball - ein wachsendes Problem

Schiedsrichter bei einem Amateurfussballspiel in Berlin

Schiedsrichter im Mittelpunkt

Gewalt im Amateurfussball - ein wachsendes Problem

Von Julian Ferber

Gewalt im Amateurfußball ist ein größer werdendes Problem. Bei fast 4000 erfassten Spielen kam es zu gewalttätigen Zwischenfällen. Eine zentrale Rolle in fast allen dieser Vorfälle hat eine Position exklusiv - die des Schiedsrichters.

"Warum?" Es ist diese eine Frage, die Mark seit Juni diesen Jahres beschäftigt. Warum wurde er in einem Fußballspiel einer Hobby-Liga zu Boden geschlagen und getreten bis er letztendlich von einem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht werden musste? Eine Antwort auf diese Frage wird kaum zu finden sein und doch stellt sich genau diese Frage Woche für Woche beim Amateurfußball.

19 Jahre lang hat Mark leidenschaftlich gerne Fußballspiele im Amateurbereich gepfiffen. Ein Spiel hat gereicht, um diese Leidenschaft komplett zu zerstören. In einem Pokalendspiel einer Hobbyliga im Raum Krefeld entschied sich Mark einen bereits gegebenen Treffer wieder zurückzunehmen. Das hatte für ihn persönlich schwere Konsequenzen.

"Emotionen gehören dazu"

"Die Leute haben sich aufgeregt. Das kann man ja noch verstehen. Emotionen gehören dazu. Dann wurde es mir zu bunt und ich habe die erste gelbe Karte gegeben", erinnert er sich: "Dann kam ein weiterer Spieler dazu. Der hat mich angespuckt. Dem habe ich die rote Karte gegeben und dann habe ich zwei Schläge auf den Hinterkopf bekommen, bin dann zusammengesackt, habe noch einen Tritt in den Rücken bekommen und von da an habe ich einen kleinen Filmriss."

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Die gegnerische Mannschaft sprang Mark zur Seite, rief einen Krankenwagen und die Polizei und Mark wurde ins Krankenhaus gebracht. Die Diagnose: Schädel- und Rückenprellung sowie eine Gehirnerschütterung und eine 14-tägige Krankschreibung. Eine Situation, bei der sich jeder Fußball-Fan vor Schreck an den Kopf packen muss, die aber leider kein Einzelfall ist. Auch auf der Homepage des Deutschen Fußballbundes ist Gewalt im Amateurfußball ein Thema.

Im "Lagebild Amateurfußball" heißt es, dass in der Saison 2018/2019 0,05 Prozent der Spiele wegen eines Gewaltvorfalles  abgebrochen werden mussten. Das klingt sehr wenig aber bei 1,5 Millionen Spielen macht das 685 Spielabbrüche. Schiedsrichter vermerken in den Berichten aber auch die Zwischenfälle, die nicht direkt zu einem Abbruch geführt haben. Da kommen noch einmal fast 4.000 gewaltsame Zwischenfälle dazu. Ein Abebben des "Trends" ist in der aktuellen Saison noch nicht zu beobachten.

Schiedsrichter stehen im Zentrum

"Hetzjagd auf Schiedsrichter" oder "Spielabbruch und Massenschlägerei im Amateurfußball" sind nur einige der Schlagzeilen, die einem am Montagmorgen nach einem Fußball-Wochenende in den Sportnachrichten auffallen müssen. Bei fast allen Vorfällen steht der Schiedsrichter im Zentrum der Ausschreitungen. Aus den Spielberichten der Saison 2018/2019 geht hervor, dass die Schiedsrichter 2.906 Mal angegriffen wurden. Die Kriminologin Dr. Thaya Vester von der Universität in Tübingen hat sich ausgiebig mit dem Gewaltphänomen im Amateurfußball und der zentralen Rolle der Schiedsrichter beschäftigt.

"Wir haben einen Schiedsrichter, wir haben 22 Spieler und die Zuschauer. Von denen wollen wir erst Mal noch gar nicht reden. Wenn man hochrechnet, mit was für einem Faktor die Schiedsrichter belastet sind, muss man sagen, dass Gewalt im Fußball zu einem überwiegenden Teil Gewalt gegen Schiedsrichter ist", erklärt sie. Egal ob in der Bundesliga, Champions League oder eben in der Kreisliga ist der Schiedsrichter in den meisten Fällen das berühmte "Zünglein an der Waage" und beeinflusst das Spiel oft mehr als jeder einzelne Spieler. "Da ist noch gar nicht so relevant, ob die Entscheidung jetzt richtig war oder falsch. Die ruft einfach Unmut hervor, weil man weiß, dass das jetzt die eine, endgültige Spielentscheidung sein kann. Das macht das Spiel so spannend und emotional, aber da gibt es auch ganz oft die negative Quittung", erklärt Dr. Vester die starke Emotionalität hinter der Position des Schiedsrichters.

Unrealistische Erwartungshaltung als Problem

Ein weiterer Punkt ist die unrealistische Erwartungshaltung vieler Hobby-Kicker. Wenn jemand bei einem normalen Punktspiel der Kreisliga B einen Schiedsrichter auf Bundesliga-Niveau erwartet, wird der natürlich schnell frustriert sein. Diese Erwartungshaltung ist aber natürlich fernab von jeder Realität.

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Eine Entwicklung, die Schiedsrichter mit Sorge zur Kenntnis nehmen werden . Kai Brockhoff engagiert sich im Arbeitskreis "Keine Gewalt gegen Schiedsrichter" in Krefeld. Die Quantität und die Qualität der Angriffe haben zugenommen. weiß auch Brockhoff : "Es ist keine Endzeitstimmung, aber bisher haben wir pures Glück gehabt, dass es noch keinen Toten zu verzeichnen gab." Angesichts der gefühlten Enthemmung auf den Fußballplätzen in Deutschland wünschen sich Kai und seine Kollegen vor allen Dingen eins - härtere Strafen: "Wir vertreten ganz klar die Meinung, dass derjenige der auf dem Spielfeld Gewalt ausübt das Recht verwirkt hat wieder am Spielbetrieb teilzunehmen und das am besten ein Leben lang."

Unterstützung für Schiedsrichter

Der Krefelder Arbeitskreis hilft betroffenen Schiedsrichtern vor allen Dingen in der Nachbereitung gewalttätiger Zwischenfälle. Wie schreibe ich den Bericht korrekt, dass die Täter wirkungsvoll bestraft werden können? Wie kann ich auch zivilrechtliche Schritte einleiten? Auch bei den Sportgerichtsverhandlungen bietet der Krefelder Arbeitskreis Unterstützung: "Als Schiedsrichter ist man zwar immer als Zeuge geladen, aber allein auf weiter Flur. Der schuldige Verein hat in der Regel immer mehrere Person dabei, die bezeugen können, dass alles ganz anders war."

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Für Prävention bleibt da kaum noch Zeit, sodass am Ende ein Ziel ganz oben auf der Liste steht: "Es geht darum den Schiedsrichter wieder an die Pfeife zu bekommen", stellt Brockhoff klar.

Für Mark ist dieses Ziel außer Reichweite. Der Weg "zurück an die Pfeife" ist für ihn keine Option mehr: "Ich komme an Fußballplätzen vorbei und spüre Lust zu pfeifen, aber sobald ich hinter dem Tor bin, merke ich, dass sich alles zusammenzieht, die Erinnerungen wieder da sind und einfach die Angst, pure Angst."

Wie Fußball auch in der Kreisliga ohne Schiedsrichter funktioniert, haben die Schiedsrichter- Demonstrationen vor drei Wochen in Berlin gezeigt: Ohne Schiedsrichter, kein Fußball.

Stand: 16.11.2019, 12:00

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