Kopfverletzungen - eine Gefahr für Fußball-Profis?

Gladbachs Kramer bereits vier Mal betroffen

Kopfverletzungen - eine Gefahr für Fußball-Profis?

Von Christiane Schwalm und Patrick Stricker

Im Profi-Sport nimmt die Zahl der Kopfverletzungen immer mehr zu, der Fußball ist keine Ausnahme. Wissenschaftler weltweit sind möglichen Langzeitschäden auf der Spur - und haben bereits erste Erkenntnisse.

Christoph Kramer wird auf einer Trage vom Platz gebracht

"Herr Schiedsrichter, ist das hier das WM-Finale?" Eine Frage, die Christoph Kramer nach dem Titelgewinn 2014 in Brasilien weltberühmt gemacht hat, die fast schon Kultstatus genießt - deren Hintergrund aber gar nicht so amüsant ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Der Bundesliga-Profi von Borussia Mönchengladbach war damals, nach einem Zusammenstoß mit einem argentinischen Gegenspieler, wie in Trance über den Rasen gelaufen. Erinnerungen bis zur 31. Spielminute, in der er auf Anweisung des Unparteiischen Nicola Rizzoli ausgewechselt wurde? Alle weg. Die Diagnose: leichte Gehirnerschütterung. Für Kramer nur die erste in einer Reihe von Kopfverletzungen.

Allein in dieser Saison hat es den 26-Jährigen bereits drei Mal erwischt. Von Leipzigs Naby Keita gab es am vierten Spieltag einen auf die Nase, und nur drei Tage später – beim 2:0 gegen Stuttgart – musste Kramer nach einem Treffer von Anastasios Donis in der 46. Minute ausgewechselt werden. Der jüngste Vorfall, der ihn bis zum Top-Spiel am Samstagabend gegen Schalke 04 (1:1) außer Gefecht gesetzt hatte, war ein Zusammenstoß mit seinem Teamkollegen Jannik Vestergaard im Bayern-Spiel Ende November. Damals war für Kramer, der auf einer Trage vom Platz gebracht wurde, bereits nach elf Minuten Feierabend. Bekommt ein Fußball-Profi bei derart vielen Kopfverletzungen Angst?

Auch andere Profis von Kopfverletzungen betroffen

"Nein. Ich probiere, das Thema möglichst weit von mir wegzuhalten", sagt der Mittelfeldspieler dazu. "Wenn man mit Angst in das Spiel geht, dann passiert es erst recht." Und dennoch: Die hohe Konzentration an Kopfverletzungen, die derzeit in Fußball-Deutschland auftreten, ist auffällig. Gegen München hatte es auch Kramers Mitspieler Tony Jantschke erwischt, der mit Bayern-Star James Rodríguez zusammengeprallt war. Beide (!) mussten später ausgewechselt werden. Hinzu kommt der Schädelbruch von Sandhausens Damian Roßbach, Hoffenheims Kevin Vogt hatte sich bereits Anfang des Jahres eine Schädelprellung zugezogen.

Einer, der sich über all das Gedanken macht, ist Kramers Trainer Dieter Hecking. "Wenn man sieht, mit welcher Risikobereitschaft Spieler mittlerweile in Kopfballduelle gehen, dann wird es immer wieder vorkommen, dass Köpfe aneinander prallen", sagt er. Der 53-Jährige sieht bei den sportlich Verantwortlichen eine "Fürsorgepflicht gegenüber unseren Spielern, sie nicht ins Verderben rennen zu lassen". Trotz alledem drängen sich mit Blick auf die Gesundheit der Profis Fragen auf.

Gedächtnisstörungen und leichte Reizbarkeit

Wie schlimm können Kopfverletzungen langfristig für einen Fußballer sein? Wie oft darf etwas passieren, bis es gefährlich wird? Und wie oft dürfen Gehirnerschütterungen auftreten, ehe sie weitere Schäden nach sich ziehen? Die schlimmste bislang bekannte Folge von Kopfverletzungen heißt in der medizinischen Forschung Chronische Traumatische Enzephalopathie, kurz CTE.

Eine degenerative Hirnerkrankung und ein "schweres Krankheitsbild", wie Inga Koerte, Wissenschaftlerin an der Universität München und an der renommierten Harvard Medical School, erklärt. Es kann ähnliche Symptome wie Alzheimer hervorrufen und bei Patienten Gedächtnisstörungen und leichte Reizbarkeit verursachen. In den USA wird CTE anhand der Belastung von American-Football-Spielern untersucht – und Christoph Kramer weiß darüber sehr gut Bescheid.

Mit einem Helm auf den Fußballplatz?

"Ich habe mich da schon gut informiert, weil Gesundheit ist das höchste Gut, das wir haben", sagt er. "Aber Football-Spieler in den USA haben 70 bis 80 Kopfverletzungen im Jahr. Ich hatte zwei oder drei im Leben. Von Folgeverletzungen bin ich weit entfernt", ist sich Kramer sicher. Die Wissenschaft kann noch nicht genügend Erkenntnisse zu diesem Thema liefern. Fest steht nur: Selbst Kopfbälle können wie Mini-Gehirnerschütterungen wirken – und das vor allem bei Frauen.

Wie also umgehen mit dem Thema Kopfverletzungen im Fußball? Sind Helme wie sie Klaus Gjasula von Drittligist Halle oder der tschechische Keeper Petr Cech tragen eine Lösung, ein guter Schutz? Gladbachs Trainer Dieter Hecking sagt: "Letztendlich muss jeder Spieler für sich entscheiden, ob er sowas macht." Forscher meinen: Helme bringen überhaupt nichts. "Sie verhindern keine Erschütterung des Gehirns", erläutert Koerte, die stattdessen eine noch intensivere Forschung und eine breite öffentliche Diskussion über das Thema fordert. Damit sich am Ende auch jeder an das komplette Finale einer Fußball-Weltmeisterschaft erinnern kann.

Thema in: Sportschau, Das Erste, Sonntag, 10.12., 18 Uhr

Stand: 10.12.2017, 14:52

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