Regelhüter gegen Arsène Wengers neue Abseitsregel

Arsène Wenger fordert eine Änderung der Abseitsregel.

Fußball

Regelhüter gegen Arsène Wengers neue Abseitsregel

Von Chaled Nahar

Arsène Wenger will die Abseitsregel massiv ändern. In seiner Funktion bei der FIFA schlägt er den Regelhütern des International Football Association Board (IFAB) vor, dass erst dann auf Abseits entschieden werden soll, wenn der angreifende Spieler sich vollständig im Abseits befindet. Anlass ist der Streit um knappe Entscheidungen beim Videobeweis. Doch das IFAB winkt bereits ab.

"Man ist nicht im Abseits, wenn ein Körperteil, mit dem man ein Tor erzielen kann, noch hinter dem letzten Verteidiger oder auf gleicher Höhe ist", wird Wenger mit ähnlichem Wortlaut in mehreren englischen Zeitungen zitiert. Wenger arbeitet seit drei Monaten bei der FIFA als "Direktor für globale Fußballförderung". Kurz gefasst lautet seine Idee also: Die Abseitslinie soll laut Wenger hinten am Angreifer gezogen werden und nicht wie bisher vorne. Es wäre eine radikale Änderung der Abseitsregel. Und das macht die Idee problematisch.

Das Argument: Gleiche Höhe ist durch Videobeweis wieder Abseits

Man könnte den Vorschlag als logische Fortschreibung der Abseitsregel sehen. Seit es den Video-Assistenten gibt, ist der 1990 festgeschriebene Grundsatz, dass gleiche Höhe kein Abseits ist, zumindest in der Praxis etwas ausgehöhlt. Wenn sich ein Angreifer zum Tor bewegt, befindet sich häufig ein Zeh, eine Schulter oder ein Knie im Abseits. Ein spielerischer Vorteil entsteht zwar selten, mit kalibrierten Linien wird nun trotzdem eine Abseitsstellung nachgewiesen. Das Argument: So wird der Fußball in Sachen Abseits in die Zeit vor den 90er Jahren zurückgeschickt, gleiche Höhe ist häufig wieder Abseits, die offensive Spielweise leidet.

Doch die Abseitsregel ist konstitutiv für den Fußball, über die Jahrzehnte haben sich alle Spielsysteme an ihr ausgerichtet und weiterentwickelt. Änderungen wirken sich daher besonders drastisch aus. Der Vorschlag Wengers würde den Angreifern zunächst ihren Vorteil zurückgeben - verteidigende Mannschaften dürften darauf aber mit noch tiefer stehenden Abwehrketten reagieren. Ganz abgesehen davon, dass sich die individuelle Spielweise für Verteidiger völlig verändern würde.

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Die Diskussion vom Zeh an die Ferse verlegt

Wenger verspricht den Berichten zufolge: "Das wird den Streit lösen. Es wird keine Entscheidungen über Milimeter mehr geben." Das kann man als Unfug bezeichnen, denn die Linie des Video-Assistenten und die Diskussion wäre vom Zeh des Angreifers an dessen Ferse verlegt. Die FIFA wollte die Sätze und die Idee auf Anfrage von sportschau.de nicht bestätigen oder dementieren.

Schiedsrichter-Assistenten hätten große Probleme

Für den Schiedsrichter-Experten Alex Feuerherdt vom Podcast Collinas Erben käme zudem auf die Assistenten an den Seitenlinien ein großes Problem zu, besonders in Ligen ohne Video-Assistent. "Wie willst du als Assistent noch in einer Spielertraube erkennen, ob es Abseits ist, wenn nicht mehr der vorderste Teil zählt, sondern der hinterste? Das ist nahezu unmöglich", sagt Feuerherdt im Gespräch mit sportschau.de. "Der Vorschlag ist Unsinn."

Auch im Profibereich wären die Situationen auf dem Platz schwieriger nachzuweisen, mehr Unterbrechungen durch den Video-Assistenten könnten die Folge sein.

IFAB winkt ab - mindestens bis nächstes Jahr

Wenger fordert den Berichten zufolge eine "schnelle Umsetzung". Am 29. Februar steht in Belfast die Generalversammlung der Regelhüter des International Football Association Boards in Belfast an, das ist der einzige Termin im Jahr, bei dem Regeln verändert werden können. Und die Abseitsregel wird dort nicht verändert, wie Lukas Brud, Geschäftsführer des IFAB, gegenüber sportschau.de sagte. "Keine Chance", sagte er. "Bei der Generalversammlung stehen nur Regeländerungen zur Abstimmung, die auch vorher Thema in unseren Gremien waren." Und das sei Wengers Vorschlag nicht gewesen.

Die Idee komme kurzfristig und ohne jede Testphase. Eine derart fundamentale Änderung an der Abseitsregel ist deshalb ausgeschlossen, damit wird sie auch bei der EM 2020 nicht gelten. Die Absage 2020 heißt aber nicht, dass bei der Sitzung nicht zumindest darüber gesprochen werden könnte.

Wenger ließ später über die FIFA mitteilen, dass er nur eine potenzielle Möglichkeit zur Entwicklung der Regeln habe aufzeigen wollen, die es wert sei, diskutiert zu werden. Er sei sich aber bewusst, dass dafür Diskussionen mit allen Beteiligten und Testphasen durch das IFAB nötig wären.

Wengers Idee könnte also mittelfristig in der Diskussion eine Rolle spielen. Und Wengers Wort hat durch seine Position bei der FIFA durchaus Gewicht. Zuletzt war er Gast bei einer vorbereitenden Sitzung des IFAB, auch an der Generalversammlung wird er teilnehmen. Diese Versammlung hat das alleinige Recht, die Fußballregeln zu verändern.

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Themen für das IFAB: Gehirnerschütterungen und Video-Assistent

Acht Vertreter sind bei der IFAB-Versammlung stimmberechtigt. Vier Stimmen kommen von der FIFA, sie stimmen gemeinsam ab. Außerdem haben aus historischen Gründen England, Schottland, Wales und Nordirland jeweils eine Stimme. Für eine Regeländerung bedarf es einer Dreiviertelmehrheit von sechs Stimmen.

Bislang sind für die Sitzung am 29. Februar vor allem zwei wichtige Themen bekannt: Der künftige Umgang mit Gehirnerschütterungen und Kopfverletzungen wird genauso diskutiert wie Details beim Video-Assistenten. So soll beispielsweise die Möglichkeit von Stadiondurchsagen des Schiedsrichters zu Entscheidungen besprochen werden.

Stand: 19.02.2020, 13:40

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