Hilferuf an DFL und DFB: Zweitligisten haben brisante Fragen

Holger Schwiewagner

Nach Beleidigungen gegen Dietmar Hopp

Hilferuf an DFL und DFB: Zweitligisten haben brisante Fragen

Von Marcus Bark

In dem schwelenden Konflikt zwischen Fankurven, den Verbänden DFB/DFL und Dietmar Hopp vermissen die Fußball-Zweitligisten klare Richtlinien. In einem Schreiben, dessen Authentizität die SpVgg Greuther Fürth der Sportschau bestätigte, wenden sich die Klubs mit einem brisanten Fragenkatalog an die Verbände.

Am Montag (02.03.2020) um 15.58 Uhr verschickte Holger Schwiewagner eine E-Mail an die Vertreter der 2. Liga im Präsidium der Deutschen Fußball-Liga und in Kopie an die anderen 17 Zweitligisten. Der Geschäftsführer der SpVgg Greuther Fürth hatte nach den Fanprotesten am Wochenende - auch schon in der 2. Liga - die Notwendigkeit gesehen, Fragen klären zu lassen.

Hilferuf an die DFL

Das Schreiben ist als Hilferuf zu sehen, daher bat Schwiewagner auch Oke Göttlich (FC St. Pauli), Steffen Schneekloth (Holstein Kiel) und Rüdiger Fritsch (SV Darmstadt 98) als DFL-Vertreter der Zweitligisten, "eindringlich auf eine zeitnahe Stellungnahme und Handhabung" zu "drängen".

"Zumindest an die DFL wurde der Fragenkatalog weitergeleitet. Ob auch schon an den DFB und andere Klubs aus der Bundesliga und 3. Liga, kann ich nicht sagen", so Schwiewagner am Mittwochnachmittag (04.03.2020) im Gespräch mit der Sportschau. Eine Reaktion habe er noch nicht erhalten.

Weitere Fanaktionen befürchtet

Unter der Überschrift "Vorfälle vom Wochenende - korrelierende Aktionen der Ultraszenen Deutschlands" schreibt die SpVgg Greuther Fürth:

"Die Vorfälle gegen Herrn Dietmar Hopp im Rahmen einiger Spielbegegnungen an diesem Wochenende, die unterschiedlichen Reaktionen darauf, sowie die große mediale Ausbreitung dieser Thematik werfen bei uns Fragen auf, zu denen wir eine einheitliche Haltung der Verbände und Vereine als zwingend notwendig erachten." Der Klub drückt seine Sorge aus, dass "aufgrund der guten Vernetzung aller Fußballszenen (…) dieses Thema am kommenden Wochenende ligaübergreifend in noch mehr Stadien auftauchen wird".

Entsprechende Hinweise hat auch die Sportschau aus Fankreisen und der Ultraszene erhalten. Der Protest soll, ähnlich wie beim Pokalspiel am Dienstag (03.03.2020) zwischen Schalke 04 und dem FC Bayern, kreativer erfolgen. Um eine einheitliche Reaktion der Klubs möglich zu machen, stellte Greuther Fürth Fragen, die wir hier dokumentieren:

"- Wie soll mit Spruchbändern gegen die Person Dietmar Hopp umgegangen werden, die 'vermeintlich' nicht beleidigend sind?

  - Sollen zukünftig solche Spruchbänder, die eigentlich im Rahmen der Meinungsfreiheit abgedeckt sein müssten, nicht mehr genehmigt werden?"

11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster über Fan-Proteste und Konsequenzen

Sportschau 02.03.2020 03:48 Min. Verfügbar bis 02.03.2021 ARD

Frage nach den Folgen eines Spielabbruchs

Als Beispiel führen die Fürther ein Plakat an, das bei der Drittligabegegnung zwischen dem SV Meppen und dem MSV Duisburg gezeigt wurde und zu einer Unterbrechung führte: "Hat der Dietmar genug Kohle, wird zu seinem Schutz und Wohle von Leuten deren Wort nichts wert, mal wieder jemand ausgesperrt." Weiter heißt es in dem Schreiben an die Zweitliga-Vertrer:

"- Wie soll mit Spruchbändern gegen den DFB/die DFL umgegangen werden, die in der Vergangenheit teilweise toleriert wurden?"

Als Hintergrund diene hier die Bundesligabegegnung zwischen dem 1. FC Union Berlin und dem VfL Wolfsburg, bei der am Sonntag (01.03.2020) die erste Stufe des Drei-Stufen-Plans eingeleitet wurde, weil folgendes Spruchband gezeigt worden sei: "2017 Kollektivstrafen abgeschafft, nun Hopp hofiert und zwei Schritte zurück gemacht. Fick dich, DFB!“

Die Fürther fragen:

"- Welche Folgen haben wir zu erwarten, wenn die dritte Stufe des Drei-Stufen-Plans eintrifft und ein Spiel wirklich abgebrochen wird?

- Wie erfolgt die sportliche Wertung generell?

- Wie erfolgt die sportliche Wertung, wenn beleidigende Inhalte durch Fans beider Vereine gezeigt werden?

- Wird der Drei-Stufen-Plan nur bei Inhalten (auch in verbaler Form) gegen Dietmar Hopp eingesetzt oder ab sofort auch bei rassistischen, diskriminierenden, homophoben, sexistischen Äußerungen jeglicher Art, bei denen es bisher nicht zu Spielunterbrechungen kam?

- Was ist seitens der Verbände die Konsequenz, wenn Vereine entgegen des Drei-Stufenplans handeln? (bezüglich sportlicher Wertung und Strafzahlung)."

Zur Erläuterung fügen die Fürther eine Erklärung des FC Schalke 04 vom Sonntag an, in der es heißt: "Sollten am kommenden Dienstag (3.3.) im Pokalspiel gegen den FC Bayern München, beim Spiel gegen die TSG Hoffenheim (7.3.) oder auch bei zukünftigen Spielen derartige Vorkommnisse in der Veltins-Arena sichtbar werden, wird unsere Mannschaft den Platz verlassen – ungeachtet der Spieldauer, des Resultats oder etwaiger Konsequenzen."

Nur Banner oder auch Gesänge?

Ferner fragt der Zweitligist:

"- Greift der Drei-Stufen-Plan auch alleine bei diskriminierenden Gesängen oder nur bei gezeigten Bannern?

- Wie sollen wir als Vereine diese Gesänge verhindern?

- Der Anwalt von Herrn Hopp, Christoph Schickhardt, fordert bundesweite Stadionverbote gegen die Täter. Gibt es hierzu Überlegungen, diese umzusetzen?"

Die Anmerkung der Fürther enthält eine besonders hohe Brisanz: "Gemäß unserem Verständnis der Richtlinien zur einheitlichen Behandlung von Stadionverboten ist unter §4 (3) das Verhalten gegenüber Dietmar Hopp nicht als Stadionverbotsgrund geregelt. Auch §4 (4) 18 'Handlungen / Verhaltensweisen, die die Menschenwürde einer anderen Person in Bezug auf Rasse, Hautfarbe, Sprache, Religion, Geschlecht oder Herkunft verletzen…' deckt die Beleidigungen gegen Herrn Hopp nicht ab.“

Andere Zweitligisten ergänzen Fragenkatalog

Das waren die Fragen und Anmerkungen der SpVgg Greuther Fürth. Der Sportschau liegt eine E-Mail vor, die um weitere Fragen ergänzt wurde. Sie stammen von mehreren Zweitligisten, wie St. Paulis Präsident Oke Göttlich der Sportschau bestätigte. Die Fragen wurden als berechtigt bewertet, die DFL sah sie aber vor allem an den DFB bezüglich des Prozesses des Drei-Stufen-Plans gerichtet, um einen geregelten Spieltagsablauf gewährleisten zu können. Auch diese dokumentieren wir im Wortlaut:

"- Sind die Schiedsrichter geschult worden oder erhalten eine Schulung?

- Wenn ja, nach welchen Maßgaben/Richtlinien erfolgen diese?

- Sind Schiedsrichter wirklich in der Lage, Situationen "live" zu beurteilen?

- Welche Maßnahmen erfolgen nach einem abgebrochenen Spiel?

- Welche Prozesse werden in Gang gesetzt und welche Folgen ergeben sich? Wertung durch das Sportgericht? Wiederholungsspiel?

- Welche Gespräche werden oder sollen geführt werden, um die Lage zu deeskalieren?

- Glaubt die DFL daran, dass weitere Sanktionen die Lage beruhigen werden?

- Wie verhält sich die Beurteilung von Beleidigungen vor dem Hintergrund jüngster Gerichtsurteile gegen Renate Künast oder Sawsan Chebli, die öffentlich beleidigt werden dürfen, da laut Urteil eine "Sachgemäßheit" und "freie Meinungsäußerung" vorliegt?

- Was passiert, wenn Beleidigungen vor einem ordentlichen Gericht nicht als solche bewertet werden?

- Was passiert wenn rivalisierende Fangruppierungen die derzeitige Situation nutzen, um Rivalen durch Transparente/Beleidigungen vorsätzlich zu schädigen?

- Inwieweit erkennt/bewertet die DFL/der DFB, dass es sich möglicherweise um einen Stellvertreter-Streit handelt?"

Dazu bemerken die Zweitligisten Folgendes: "Es geht gar nicht um Hopp, sondern um Kollektivstrafen und Auswüchse des modernen Fußballs?"

Weiter geht es mit eindeutigen Fragen:

"- Nimmt man dies auf dem Rücken des Sports in Kauf, um unliebsame Proteste (z.B. gegen Investorenmodelle, 50+1 etc.) im Kern zu verhindern?

- Inwieweit hat eine weitere Eskalation der Situation Auswirkungen auf die Ausschreibung der TV-Rechte?

- Erkennt der DFB/die DFL, dass eine weitere Eskalation der Situation zu italienischen Verhältnissen führen kann (= erst mehr Protest/Gewalt/Pyro, dann Zuschauerrückgang?)

- Welche Forderungen kommen auf die Liga und den einzelnen Verein bei einem abgebrochenen Spiel zu? Seitens der Rechteinhaber, der ZuschauerInnen. Sind diese Fälle versichert?

- Wie geht der Schiedsrichter mit einer Situation um, wenn ein Spieler eine Beleidigung/Diskriminierung seitens der Zuschauer eines Gegenspielers meldet?"

Nach Informationen der Sportschau beriet das DFL-Präsidium am Mittwoch über den Fragenkatalog, das weitere Vorgehen und die Problematik weiterer Fanproteste, die zu erwarten sind. Im Anschluss daran veröffentlichte sie folgendes Statement:

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Stand: 04.03.2020, 17:10

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