Profifußball und Corona - kaum noch Puffer im Plan

Bayern-Trainer Hansi Flick

Voller Terminkalender

Profifußball und Corona - kaum noch Puffer im Plan

Von Frank Hellmann

Wenn die Corona-Pandemie für Spielabsagen im Profifußball sorgt, wird es extrem schwierig. Denn der Spielkalender bieten in einer Saison, die wegen der EM 2021 pünktlich beendet werden soll, nur noch geringe Spielräume. Es muss gespielt werden - egal wer, egal wo.

Erst am vergangenen Donnerstag (15.10.2020) wechselte Hansi Flick für den FC Bayern folgende fünf Spieler ein: Angelo Stiller, Leon Dajaku, Armindo Sieb, Fiete Arp und Daniels Ontuzans. Dabei hatten der Anfangsformation in der Erstrunden-Begegnung des DFB-Pokals gegen den 1. FC  Düren (3:0) bereits Bouna Sarr, Marc Roca oder Douglas Costa angehört, die sich als Last-Minute-Zugänge ihren Stammspieleranspruch beim Champions-League-Sieger erst verdienen müssen.

Einsätze für Perspektivspieler

Da aber diese Münchner Pflichtaufgabe gegen den Mittelrheinligisten unmittelbar im Anschluss an eine Länderspiel-Abstellungsperiode terminiert war und die Nationalspieler tags zuvor erst zurückgekehrt waren, hatte Flick gar keine andere Wahl, als Perspektivspielern der zweiten Mannschaft mal einen Profieinsatz zu gönnen. Mittlerweile ist es nicht ausgeschlossen, dass das personelle Experiment im DFB-Pokal vielleicht auch noch in der Bundesliga oder Champions League wiederholt werden muss.

Mindestens 13 Spieler braucht es in der Königsklasse

Mit der Corona-Infektion von Serge Gnabry einen Tag vor dem Champions-League-Auftakt gegen Atlético Madrid (21.10.2020) hat auch der Branchenprimus einen Vorgeschmack darauf erhalten, dass sich das Virus auch bei allerbesten Vorsichtsmaßnahmen nicht aufhalten lässt. Europäische Topklubs, vor allem Bayerns Finalgegner Paris Saint Germain, hat es schon in erheblich  größerem Ausmaß getroffen. Das Team beklagte zeitweise sieben Corona-Fälle, darunter Stars wie Neymar und Kylian Mbappé.

Im schlimmsten Fall Spielabsagen

Verbreitet sich Covid-19 im Kader noch weiter, müssen im schlimmsten Falle Spiele abgesagt werden. Die Grenze ist allerdings sehr niedrigschwellig angelegt. Die UEFA macht das Antreten von Mannschaft in den Europapokalwettbewerben dann noch verpflichtend, wenn mindestens 13 Spieler - einschließlich mindestens einem Torhüter - zur Verfügung stehen. Verhindert würde dies beispielsweise durch die Anordnung einer Quarantäne für die gesamte Mannschaft durch die Behörden. In der Bundesliga sind es laut DFL-Spielordnung 15 Akteure, die für eine Partie einsatzbereit sein müssen. Erst bei einer geringeren Zahl kann der Antrag auf Spielabsetzung erfolgen.

Noch keine Corona-Absage in der Bundesliga

Münchens Joshua Kimmich

Münchens Joshua Kimmich

So kam beispielsweise der Zweitligist VfL Osnabrück mit seinem Ansinnen durch: Das Spiel am vergangenen Sonntag (18.10.2020) gegen Darmstadt 98 wurde abgesagt, nachdem sich ein Großteil des Kaders in eine 14-tägige häusliche Quarantäne begeben musste. Auslöser dafür waren zwei positive Corona-Tests unter den Spielern. Die Partie gegen den 1. FC Heidenheim am Sonntag (25.10.2020) soll stattfinden, obwohl aktuell nur zehn Feldspieler und drei Torhüter am Training teilnehmen. Die zweite Liga ist in der vergleichsweise luxuriösen Lage, dass es ausreichend Nachholtermine gibt.

Notfalls Spiele an neutralem Ort

In der Bundesliga musste diese Saison noch kein Spiel wegen Corona-Fällen verlegt werden. Die Deutsche Fußball-Liga hat sich für den Fall gewappnet, dass eine Stadt den Lockdown verhängt und gar nichts mehr erlaubt: Notfalls müsste dann an einem neutralen Ort gespielt werden. So hatte sich Werder Bremen zu Beginn der Corona-Krise im Frühjahr mit dem Ausweichquartier Wolfsburg beschäftigt, als nicht klar war, ob der Bremer Senat Spiele im Weserstadion erlauben würde.

Es geht um viel Geld

Auch der Termindruck in den europäischen Vereinswettbewerben ist immens: Die UEFA wertet eine Begegnung mit 0:3, wenn ein Team auch zum Nachholtermin nicht antreten kann.  So wird auch eine Partie am grünen Tisch gegen das Heimteam gewertet, wenn es nicht rechtzeitig auf neue Einschränkungen seiner Regierung hinweist. Darf der Gastverein nicht einreisen, müssen die Gastgeber einen neuen Spielort vorschlagen, notfalls an einem neutralen Ort. Es muss gespielt werden - egal wer, egal wo. Die Vereinswettbewerbe haben in der Saison 2018/2019 - als kaum ein Normalbürger von Corona-Viren wusste - für Einnahmen von 3,2 Milliarden Euro für die UEFA gesorgt. Einen Großteil davon schöpfen die Topklubs ab, die von diesen Geldern ihre Luxuskader bezahlen.

Zusätzliches Freundschaftsspiel des Geldes wegen

Für die international beschäftigten Klubs, erst recht für den maximal beanspruchten FC Bayern, gibt es im Terminplan in der Hinrunde mal gar keinen Freiraum. Die Champions League und Europa League  werden im Herbst in jeweils dreiwöchigen Perioden bis Anfang Dezember durchgepeitscht. Dazwischen liegt wieder eine Länderspielpause, in der die meisten europäischen Verbände gleich drei Länderspiele bestreiten. Mit einem zusätzlichen Freundschaftsspiel zu den zwei Nations-League-Begegnungen holen sie sich entgangene Einnahmen aus dem Frühjahr wieder herein. Ob das sportlich sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt. Ersatztermine im Dezember gibt es keine: Am 14./15. Dezember findet ein Bundesliga-Wochenspieltag statt, am 22./23. Dezember steht die zweite DFB-Pokalrunde an.

EM 2021 kann nicht verschoben werden

Die Länderspiele werden gerne damit begründet, dass ja am 11. Juni 2021 die verschobene EM starten soll. Finale wäre am 11. Juli 2021 in London. Noch eine Verlegung geht nicht, denn da  wartet schon die Wüsten-WM 2022 in Katar. Dieser Prämisse ordnet die UEFA alles unter, die ihr Champions-League-Finale mit einem neuen Versuch in Istanbul für den 29. Mai 2021 vorgesehen hat. Eine Woche vorher soll die Bundesliga enden. Das DFB-Pokal-Finale wird am 13. Mai (Christi Himmelfahrt) und damit ausnahmsweise nicht wie gewohnt nach Abschluss der Ligawettbewerbe ausgetragen. Anders geht es nicht.

Verträge an Spielanzahl gekoppelt

Eigentlich hätte die Pandemie und die Zwangspause genutzt werden können, um den Terminplan wegen des späten Saisoneinstiegs für 2020/21 zu entzerren. England hätte sich vom überflüssigen Ligapokal trennen können, Italien und Spanien den Pokal mit Hin- und Rückspiel abschaffen können. Auch die Champions League oder Europa League hätten in einfacher Runde gespielt werden können. Passiert ist das Gegenteil, weil überall Verträge weiterlaufen, die an eine bestimmte Spielanzahl gekoppelt sind.

Chance zur Reform verpasst

Ergo: Der Kalender wurde weiter verdichtet, um alle Formate unterzubringen. Deutschland ist auch kein leuchtendes Beispiel, weil die DFL noch am 30. September auf ihren sportlich fragwürdigen Supercup bestanden hat, der ein guter Termin für einen Wochenspieltag gewesen wäre. Jetzt passen 2020 in die Hinrunde gerade 13 Spieltage, die Winterpause ist auf wenige Tage zusammengeschmolzen, gleich am 2. Januar 2021 rollt der Ball in der Bundesliga wieder.

Auch die Puffer im Januar sind rar - denn die hat imaginär schon die UEFA blockiert. So heißt es: "Alle Spiele der Gruppenphase müssen bis zum 28. Januar 2021 beendet sein." Ist diese Deadline nicht zu halten, entscheidet das UEFA-Exekutivkomitee über die Achtelfinalteilnehmer. Hintergrund: So könnte irgendwann noch irgendwo im nächsten Jahr ein Finalturnier ausgetragen werden. Notfalls an einem neutralen Ort ohne Publikum. Damit hat die UEFA immerhin schon im August in Lissabon nicht die schlechtesten Erfahrungen gemacht.

Stand: 21.10.2020, 15:01

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